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WISSENSCHAFT

Therapeutische Interventionen nach Gewaltverbrechen: Hohes Traumatisierungsrisiko

PP 10, Ausgabe April 2011, Seite 178

Sonnenmoser, Marion

Opfer und Zeugen von Gewalt und Kriminalität haben ein großes Risiko, eine posttraumatische Belastungsstörung zu entwickeln. Verschiedene Interventionen und Therapieansätze können helfen, das Risiko zu verringern.

Gewalt und Kriminalität sind allgegenwärtig. Dies wird deutlich, wenn man bedenkt, dass circa 50 bis 70 Prozent der Allgemeinbevölkerung mindestens einmal im Leben Opfer oder Zeuge beispielsweise eines Eigentumsdelikts, Raubs, Überfalls, einer Entführung oder körperlicher und sexueller Übergriffe werden. Zwar bewirkt vermutlich jede Art der beobachteten oder erlebten Gewalt ein Trauma, das mit Schockzuständen, Gefühlen von persönlicher Angreifbar- und Verletzbarkeit und mit Ängsten vor weiteren Übergriffen einhergeht, viele Opfer sind aber in der Lage, sich relativ rasch davon wieder zu erholen – zumindest so weit, dass sie ihr normales Alltagsleben ohne größere Beeinträchtigungen fortsetzen können.

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Ein Teil der Opfer wird jedoch so stark psychisch geschädigt, dass sie zum Beispiel internalisierende, Anpassungs- und Angststörungen oder Suizidgedanken entwickeln. Die häufigste Folge ist jedoch die posttraumatische Belastungsstörung (PTBS). Sie zeigt sich unter anderem anhand von Symptomen, wie unkontrollierbarem Wiedererleben, Vermeidung und Übererregung, die länger als einen Monat nach einem traumatischen Erlebnis andauern. Opfer von Gewalt und Kriminalität haben ein hohes Risiko, eine PTBS zu entwickeln, weil sich die Traumaursache in verschiedenen Merkmalen von anderen Traumaursachen, wie etwa Unfällen oder Naturkatastrophen, unterscheidet. Während bei einem Unfall keine böswillige Absicht vorliegt, sondern Zufall oder Pech dafür verantwortlich gemacht werden können, werden Gewalttaten und Verbrechen in der Regel geplant und willentlich herbeigeführt. Die Vorstellung, dass Böses absichtsvoll begangen wird, um andere zu schädigen und selbst einen Vorteil zu erzielen, bewirkt bei vielen Opfern, dass sie ihr Urvertrauen und ihren Glauben an das Gute im Menschen verlieren, misstrauisch werden und sich enttäuscht zurückziehen. „Sie fühlen sich während und auch noch nach der Gewalttat ausgeliefert, macht- und hilflos, leiden unter einer verminderten Lebensqualität und machen sich große Sorge um ihre Sicherheit“, sagen Psychologen um Rochelle Hanson von der Medical University of South Carolina (USA). Besonders gravierend sind solche Folgen, wenn Gewalttaten von nahen Angehörigen verübt wurden oder wenn die Übergriffe wiederholt und über einen längeren Zeitraum stattfanden.

Trotz der hohen Zahl an Zeugen und Opfern von Gewalt und Kriminalität lassen sich nur verhältnismäßig wenige professionell beraten und helfen, etwa durch Opferverbände, Rechtsanwälte oder Psychotherapeuten. „Die meisten versuchen vielmehr, mit ihren Erlebnissen und Problemen selbst fertig zu werden und wenden sich höchstens an Freunde oder Angehörige, um darüber zu sprechen“, berichtet die Psychiaterin Elizabeth Hembree von der University of Pennsylvania (USA). Das Risiko, dass sich Störungen wie die PTBS entwickeln, verstärken oder chronifizieren, steigt durch das Vermeiden oder Unterlassen von Hilfesuchverhalten sowie durch sporadische und laienhaft durchgeführte Maßnahmen jedoch erheblich. Zu den zahlreichen Möglichkeiten, um dieses Risiko zu verringern, zählen unter anderem:

  • Früh- und Kriseninterventionen: Sie zielen darauf ab, die Opfer bereits kurze Zeit nach einer Gewalttat zu stabilisieren und die Entwicklung einer PTBS zu verhindern. Im Rahmen dieser „Ersten Hilfe“ werden Opfer ermutigt, über ihre Erlebnisse und Gefühle ausführlich zu berichten, sie erhalten soziale Unterstützung und werden unter anderem über die Häufigkeit von Gewalttaten und über normale psychische Reaktionen informiert. Dies hilft ihnen, sich zu beruhigen, das Erlebte zu verarbeiten und ihr normales Funktionslevel wieder zu erreichen. Darüber hinaus kommen oft Entspannungsverfahren und kognitive Restrukturierung (das heißt Einordnung von Ereignissen und wenn möglich Sinnfindung) zum Einsatz. Kritisch anzumerken ist, dass sich viele Patienten zwar positiv über Kriseninterventionen äußern, allerdings bedeutet das nicht, dass diese bei jedem Patienten eine PTBS und andere Folgestörungen verhindern.
  • Exposition/Konfrontation: Sie findet gestuft in sensu und in vivo statt und hat die Gewöhnung an aversive Gefühle und Erinnerungen sowie eine Verringerung von Angst, Anspannung und Vermeidung zum Ziel. Neben der Konfrontation in Gedanken und in der Realität gibt es auch die schriftliche Form, das heißt, die Betroffenen schreiben über ihre Gedanken und Erfahrungen (sogenanntes expressives Schreiben). Bei Gewaltopfern ist die Durchführung einer Konfrontation oft erschwert, weil viele ein ausgeprägtes Vermeidungsverhalten entwickeln. In besonders schwierigen Fällen wird die Konfrontation zeitlich ausgedehnt und in kurzen Zeitabständen eingesetzt; zudem werden die belastendsten Gefühle und Erinnerungen zuerst bearbeitet.
  • Kognitive Therapie: Mit Hilfe verschiedener kognitiver Techniken sollen dysfunktionale Gedanken über das traumatisierende Ereignis und im Zuge dessen auch Emotionen und Verhaltensweisen in positiver Weise verändert werden. Typische dysfunktionale Gedanken von traumatisierten Personen bestehen zum Beispiel in der Annahme, dass die Welt grundsätzlich unsicher ist und dass man anderen nicht vertrauen kann. Gelegentlich weisen Opfer auch Scham- und Schuldgefühle auf und halten sich für das Geschehene mitverantwortlich. In diesem Fall ist es wichtig, einer Selbst- und Fremdstigmatisierung entgegenzuwirken und die Betroffenen von Schuldgefühlen zu entlasten.
  • Angst- und Stressmanagement: Hierunter sind Techniken zu verstehen, die einen kontrollierten Umgang mit traumabedingter Angst und Stress ermöglichen, zum Beispiel Zwerchfellatmung (gegen Hyperventilation), verschiedene Entspannungsverfahren oder die Vermittlung von Copingstrategien (zum Beispiel Emotionsregulation, Entkatastrophieren, Gedanken-Stopp, Problemlösetechniken). Gewaltopfer sollten außerdem über Maßnahmen zur Erhöhung der persönlichen Sicherheit und zur Reduzierung von Risiken informiert werden.
  • Weitere Verfahren: Die Behandlung von Traumatisierten ist meistens multimodal und erfordert eine individuelle Anpassung an den jeweiligen Betroffenen. Daher werden verschiedene Methoden gleichzeitig, nacheinander oder ergänzend eingesetzt – wie die oben genannten – und darüber hinaus zum Beispiel Hypnotherapie, Eye Movement Desensitization and Reprocessing (EMDR) sowie verschiedene Psychopharmaka.

Auch Kinder werden gelegentlich Opfer von Übergriffen und Gewalt. Allerdings zeigen sie in der Regel weniger eindeutige und auffällige Belastungsreaktionen und Symptome wie Erwachsene, so dass Eltern, Lehrer und andere Personen oft nicht bemerken, wenn ein Kind infolge eines Traumas psychisch erkrankt. Kinder reagieren sehr unterschiedlich, daher gibt es für sie keine universelle Therapie. Die Behandlung muss aus diesen Gründen sehr flexibel und individuell auf das jeweilige Kind abgestimmt werden. Im Rahmen der Traumatherapie von Gewaltopfern im Kindesalter stehen unter anderem folgende Optionen zur Verfügung:

  • Kriseninterventionen: Kinder und Eltern erhalten emotionale Unterstützung und Hilfe beim Umgang mit Gefühlen und akuten Reaktionen. Angebote findet man unter anderem bei Opferverbänden und -beratungsstellen, Schulen, Notaufnahmen, verschiedenen Behörden, Telefondiensten und im Internet.
  • Psychoedukation: Die Kinder werden über die Häufigkeit von Verbrechen, über typische Reaktionen auf Gewalt und über Möglichkeiten des Schutzes informiert; ihnen wird geholfen, das Geschehene zu begreifen, zudem werden sie von Schuldgefühlen entlastet.
  • Spieltherapie: Hierbei handelt es sich um ein nondirektives, psychodynamisches Verfahren, bei dem der Therapeut im Spiel des Kindes Hinweise für innere Konflikte sucht. Bei Gewaltopfern kann Spieltherapie dazu beitragen, die Kommunikation über das Geschehene zu ermöglichen beziehungsweise zu verbessern.
  • Kognitiv-behaviorale Verfahren: Bei Kindern werden unter anderem Exposure, kognitive Exploration, Refraiming sowie Coping-, Problemlöse- und Entspannungsverfahren eingesetzt. Darüber hinaus kommen behaviorale Verfahren zum Einsatz, um dysfunktionales Verhalten zu verändern.
  • Weitere Verfahren: Auch bei Kindern findet Traumabehandlung in der Regel multimodal und eklektisch statt. Ergänzende Therapien und Verfahren sind zum Beispiel Familientherapie, projektive Verfahren, EMDR und Massagetherapie. In der medikamentösen Therapie werden vorrangig SSRI eingesetzt; allerdings ist nur wenig über den Einsatz von Psychopharmaka speziell bei kindlichen Gewaltopfern bekannt. Allgemein hat sich die Behandlung von Kindern in Gruppen bewährt, da sich die Kinder dann weniger isoliert und stigmatisiert fühlen und sich austauschen können.

Darüber hinaus raten Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten um Judith Cohen vom Allegheny General Hospital in Pittsburgh (USA) dazu, Einrichtungen zu nutzen, die sich darauf spezialisiert haben, traumatisierte Kinder zu untersuchen und zu behandeln. Die Eltern sollten in den Diagnoseprozess und teilweise auch in die Behandlung einbezogen werden.

Dr. phil. Marion Sonnenmoser

Kontakt: Rochelle Hanson, 67 President Street, MSC 861, Charleston, South Carolina 29425 (USA), E-Mail: hansonrf@musc.edu

1.
Amstadter A, McCard M, Ruggiero K: Psychosocial interventions for adults with crime-related PTSD. Professional Psychology: Research and Practice 2007; 38(6): 640–51.
2.
Cohen J, Berliner L, Mannarino A: Psychosocial and pharmacological interventions for child crime victims. Journal of Traumatic Stress 2003; 16(2): 175–86.
3.
Hanson R, Sawyer G, Begle A, Hubel G: The impact of crime victimization on quality of life. Journal of Traumatic Stress 2010; 23(2): 189–97.

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