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Schulmedizin versus Naturheilverfahren: Hauptsache pflanzlich . . .

Dtsch Arztebl 2011; 108(15): A-864 / B-708 / C-708

Ulatowski, Heike

. . . oder wenigstens keine Chemie? Warum viele Argumente der Anhänger alternativer Naturheilverfahren blanker Unsinn sind.

Zeichnung: Elke R. Steiner

Es scheint beruhigend, wenn in Zeiten komplexer inhaltlicher und formaler Zusammenhänge, Gut und Böse auch einmal so richtig leicht auseinanderzuhalten sind, wie im Fall von Schulmedizin/Pharmaindustrie (böse) und alternativer Naturheilverfahren/Hersteller nichtchemischer Heilmittel (gut). Da macht es dann auch nichts, dass sich insbesondere für die Wirksamkeit der Homöopathie keine wissenschaftlich haltbaren Nachweise erbringen lassen. Der Diskurs ist nicht wissenschaftlicher, sondern ideologischer und zuweilen höchst lächerlicher Natur. Allein über die Behauptung, Wasser habe ein Gedächtnis, könnte man schmunzeln, wenn die Lage nicht so ernst wäre.

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Der gemeine Arzt hat als Vertrauensperson und Sympathieträger weitgehend ausgedient, dem medizinisch-technischen Komplex schlägt vielerorts das blanke Misstrauen entgegen. Der durchgeistigte Kranke vertraut da lieber auf Mutter Natur und ihre Stellvertreter auf Erden. Nur schade, dass deren Leitungen nicht kostenfrei und deren Handlungsspielräume bisweilen recht eingeschränkt sind. So dürfen etwa Heilpraktiker, Edelsteintherapeuten oder Geistheiler keine Krankschreibungen ausstellen, woraus sich oftmals folgende „Arbeitsteilung“ ergibt: Der Arzt attestiert, gleichsam in der Rolle des nützlichen Trottels, die Arbeitsunfähigkeit (AU), und die vermeintliche Behandlung erfolgt im Reich der alternativen Heilweisen. Kassenrezepte und Überweisungen zu Fachärzten landen im Altpapier. Begründet wird dies meist mit der Gefährlichkeit medikamentöser Nebenwirkungen und mangelnder Ganzheitlichkeit der Schulmedizin. Naturheilverfahren hingegen hätten keine Nebenwirkungen und würden im schlimmsten Fall nur einfach nicht wirken. Doch genau da liegt die Krux. Nichtwirkung impliziert unter Umständen eine Verschlechterung der Krankheit. Welche Schlussfolgerungen lassen sich daraus ziehen? Etwa die Forderung, auch nichtärztliche Heiler sollten AU-Bescheinigungen ausstellen dürfen?

Der Forderung nach Kostenübernahme alternativer Therapien sind mittlerweile einige Krankenkassen (teilweise) nachgekommen, nicht zuletzt aus ökonomischem Kalkül. Man will die in der Regel einkommensstarke naturheilkundliche oder homöopathische Glaubensgemeinschaft als Klientel nicht verlieren. Natürlich sollte es bei rationaler Betrachtung Bach-Blüten nicht auf Kassenrezept geben, genauso wenig wie Engelsstaub, Edelsteine oder Wimpernzangen, die im Krankheitsfall allesamt von ähnlicher therapeutischer Relevanz sein dürften. Welcher auch
nur halbwegs klargeistige Mensch schafft es eigentlich, sich nach der Lektüre von Dr. med. Götz Blomes der Welt entrücktem Standardwerk „Mit Blüten heilen!“ noch für BachBlüten zu begeistern? Wer steht nach intellektueller Auseinandersetzung mit der klassischen Homöopathie noch fest im Glauben hinter dem Konzept der verdünnten Tropfen und weißen Kügelchen? Oder, um eine für soziologische Proseminare der 80er Jahre typische Fragestellung aufzuwerfen: „Wer von Ihnen hat den Text denn überhaupt gelesen?“ Dabei gibt es mehr als genug zu lesen.

Zum Beispiel ergab eine vom Zentrum für Komplementärmedizin der Technischen Universität München in Zusammenarbeit mit der Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsspitals Freiburg im Breisgau durchgeführte Metastudie die Wirksamkeit von Johanniskrautpräparaten bei moderaten Depressionen. Die wissenschaftlich nachweisbare Wirksamkeit der Homöopathie lässt hingegen nach wie vor auf sich warten. Die vielzitierte „Lancet“-Studie etwa kommt zu dem vernichtenden Ergebnis, dass Homöopathie gegenüber Placebo keine erhöhte Wirksamkeit besitzt. Von Befürwortern wurde prompt das Studiendesign kritisiert und generell infrage gestellt, ob sich homöopathische Wirkmechanismen überhaupt mittels wissenschaftlicher Studiendesigns (klinischer Doppelblindstudien) nachweisen lassen. Welche Schlussfolgerungen lassen sich daraus ziehen? Etwa die Forderung nach Kostenübernahme durch die Kassen auch im Fall erwiesener Unwirksamkeit?

Wie reagiert die Ärzteschaft auf den rasanten Zulauf der Homöopathie? Das naturwissenschaftlich sozialisierte Hirn müsste sich dem Charme von Mondkalendern, Aura-massagen und von Hand in Richtung Erdkern verschütteltem Wasser eigentlich entziehen können. Einige praktizierende Ärzte haben die Homöopathie als zusätzliches lukratives Leistungsspektrum aufgenommen, ob nun aus ideologischen oder finanziellen Erwägungen heraus. Andere scheinen sich dem Irrationalen gänzlich verschrieben zu haben: So verabschiedet eine promovierte Humanmedizinerin auf ihrer Homepage die Leserschaft allen Ernstes „mit pflanzlichen Grüßen“. Mittlerweile trauen sich nur noch wenige Ärzte, der sympathieträchtigen Ideologie Paroli zu bieten oder wenigsten öffentlich auf die durchaus beachtlichen Erfolge schulmedizinischer Heilverfahren zu verweisen. Die Funktionäre schüren die Mär vom verhuschten Doktor, der es während des Arztgesprächs kaum noch schafft, vom PC aufzusehen.

Rückwärtsgewandte Nostalgie ist aber weder erstrebenswert noch zielführend. Doch erscheint eine kritische Analyse des Gesundheitswesens durchaus angebracht. In Anbetracht des gegenwärtigen Abrechnungs- und Vergütungssystems ist es schon beinahe zynisch, im Rahmen der (kassen-)ärztlichen Versorgung eine ganzheitliche Behandlung der Patientenschaft zu verlangen. Es ist fraglich, ob wir an der derzeitigen „Minutenmedizin“, unter der Ärzte und Patienten gleichermaßen zu leiden haben, moralisch und politisch noch lange werden festhalten können, ohne eine massenhafte Abwanderung finanzkräftiger „guter Risiken“ in privat finanzierte, alternative Nischenbereiche des Gesundheitswesens zu riskieren. Dann würden nur noch die „schlechten Risiken“, sprich einkommensschwache und oftmals multimorbide Patienten im System der gesetzlichen Krankenversicherung verbleiben, was infolge niedriger Beiträge und hoher Ausgaben dessen ökonomischen Fortbestand ernstlich gefährden dürfte. Zu fragen ist jedoch auch, was wir im Fall einer Systemveränderung unter Ganzheitlichkeit verstehen wollen und wie sinnvoll eine ganzheitliche Behandlung, vor allem im fachärztlichen Bereich, überhaupt ist. Möchte ich als Patientin bei jedem Arztbesuch meine Lebens- und Leidensgeschichte offenbaren? Muss meine Gynäkologin wissen, dass ich orthopädische Einlagen tragen müsste?

Die Grenzen zwischen Ganzheitlichkeit und subjektiv wahrgenommener Übergriffigkeit sind insbesondere im privaten und im psychischen Bereich häufig fließend. Zweifelhaft ist zudem, ob gerade auf psychische Probleme, Abweichungen oder Auffälligkeiten angemessen reagiert wird beziehungsweise reagiert werden kann. Wir leben in
einer arbeitsteiligen Gesellschaft, in der man fundierte psychologische Kenntnisse und entsprechend professionelle Hilfe von einem Arzt eben nur dann erwarten kann, wenn es sich um einen Facharzt für psychotherapeutische Medizin oder um einen Psychiater handelt. Andernfalls dürfte man über laienpsychologische Alltagstheorien und „den guten Rat fürs ganze Leben“ kaum hinauskommen. Wem nützt denn so etwas?

Die Annahme, dass im Fall der Homöopathen vor allem das intensive Einzelgespräch die Genesung fördert, lässt sich durch nichts belegen, weil wir nun einmal nicht wissen, was da eigentlich wirken soll: das Gespräch, die verabreichten Mittel, die Tatsache, dass der Patient den Homöopathen zu einem Zeitpunkt aufgesucht hat, an dem die selbstheilenden Kräfte seines Körpers erfolgreich aktiv geworden sind, oder schlichtweg der Zufall. Dessen ungeachtet wird gebetsmühlenartig Zeitmangel als Hauptursache für den Abwanderungstrend von dem Schulmedizinbetrieb vorgebracht. Unbestreitbar ist, dass Medizin im Minutentakt unmenschlich ist und daher deutlich unter ihren Möglichkeiten bleiben muss. Doch der Umkehrschluss, ein guter Arzt ließe sich an der Behandlungsdauer pro Patient erkennen, wurde schon vor gut zehn Jahren von Klaus Dörner in seinem „Lehrbuch zur ärztlichen Grundhaltung“ eindrucksvoll widerlegt. Vielmehr gilt auch hier der Grundsatz: Nicht die Quantität, sondern die Qualität ist entscheidend.

Nun mag es ja Patienten geben, die einen ausgiebigen privaten Plausch im Behandlungszimmer zu schätzen wissen. Andere hingegen dürfte ein Small Talk in Überlänge vor allem Zeit und Nerven kosten. Ein paar gut umgesetzte Grundkenntnisse in klientenzentrierter Gesprächsführung – Empathie, Authentizität und Kongruenz – sind somit angemessener als ein langes und zeitraubendes Lamento.

Einfach ist es nicht, der Irrationalität mit rationalem Argument die Stirn zu bieten. Unversucht sollte man es dennoch nicht lassen. Vor allem scheint eine Versachlichung der Diskussion dringend geboten: eine Entmystifizierung von Homöopathie und Naturheilkunde auf der einen und eine Entglorifizierung der Schulmedizin auf der anderen Seite. Auch seitens der Patientenschaft ist ein Sinneswandel mehr als nötig: Übertriebene Heilserwartungen sind in einer von politischer Aufklärung und technischem Fortschritt geprägten Epoche wie der unsrigen alles andere als zeitgemäß – der Messias wird uns weder im Arztkittel noch birkenstockbesohlt im bunten Wallawalla-Gewand erscheinen.

Es stünde der Schulmedizin sehr gut zu Gesicht, das eigene Profil zu schärfen, die Erfolge nach wissenschaftlichen Kriterien entwickelter evidenzbasierter Therapien allgemein verständlich und öffentlich zu machen, und nicht zuletzt die Fragwürdigkeit eines undifferenzierten Schwarz-Weiß-Denkens aufzuzeigen. Als erster Denkanstoß reicht vielleicht ein Hinweis: Auch hinter der alternativen Glaubensgemeinschaft stehen große Konzerne, die nach dem kapitalistischen Prinzip der Gewinnmaximierung arbeiten und dank der Gläubigkeit ihrer Kunden derzeit rasante Umsatzsteigerungen verzeichnen können.

Heike Ulatowski

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