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MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Multiple Sklerose: Verbesserung der Gehfähigkeit mit Kaliumkanalblocker

Dtsch Arztebl 2011; 108(15): A-843 / B-689 / C-689

Gulden, Josef

Die Demyelinisierung markhaltiger Nervenfasern führt bei Patienten mit multipler Sklerose (MS) zu Defiziten in der Leitung von Nervenimpulsen, die der eigentliche Grund vieler neurologischer Zeichen und Symptome sind. Neben Maßnahmen zur Verhinderung der Demyelinisierung werden deshalb auch Optionen wie etwa Kaliumkanalblocker der Aminopyridingruppe getestet, die die Nervenleitung verbessern. 4-Aminopyridin oder Dalfampridin zeigte bereits in einer klinischen Phase-III-Studie eine deutliche Verbesserung der Gehfähigkeit von MS-Patienten. In einer weiteren randomisierten Doppelblindstudie sollten diese Ergebnisse sowie Sicherheit und Pharmakodynamik der Substanz bestätigt werden.

In 39 Zentren in den USA und Kanada wurden 239 Patienten mit MS verschiedener Verlaufstypen randomisiert, um neun Wochen lang entweder Dalfampridin oral in einer „Extended-release“-Galenik (10 mg zweimal täglich) oder Placebo zu erhalten. Primärer Endpunkt war eine anhaltende Verbesserung der Gehfähigkeit, die anhand des „Timed 25 Foot Walk“- Tests bestimmt wurde.

Das erreichten in der Verumgruppe mit 42,9 % hochsignifikant mehr Patienten als in der Kontrollgruppe (9,3 %; p < 0,0001). Die Gehgeschwindigkeit war in der Dalfampridingruppe gegenüber den Ausgangswerten nach acht Wochen im Mittel um 24,7 % (95-%-KI 21,0 bis 28,4 %) erhöht. Der Effekt blieb acht bis zwölf Stunden nach der letzten Dosis mit 25,7 % noch erhalten.

Wegen Nebenwirkungen beendeten in beiden Gruppen jeweils vier Patienten die Behandlung vorzeitig. Unter Verum häufiger waren in erster Linie Nebenwirkungen, die das Nervensystem betrafen wie Insomnie, Kopfschmerzen, Benommenheit, Nausea, Rückenschmerzen und Gleichgewichtsstörungen, die aber überwiegend leicht bis mäßig und transient waren.

Fazit: Die Studie ergab eine hohe Evidenz dafür, dass Dalfampridin in „Extended-release“-Galenik bei MS-Patienten die Gehfähigkeit klinisch verbessern kann. In den USA ist die Substanz bereits zugelassen, in Europa ruht das Verfahren derzeit wegen einer kritischen Stellungnahme des Committee for Medicinal Products for Human Use der Europäischen Arzneimittelbehörde. Prof. Dr. med. Reinhard Hohlfeld, München, zufolge wird dieselbe Substanz aber in Deutschland an spezialisierten Zentren bei manchen Patienten off-label angewendet. Die Therapie sei für einzelne Patienten alltagsrelevant. Eine Zulassung, die das Spektrum der verfügbaren symptomatischen Therapien sinnvoll erweitern würde, sei deshalb zu begrüßen, sagte Hohlfeld. Josef Gulden

Goodman AD et al.: A phase 3 trial of extended release oral dalfampridine in multiple sclerosis. Ann Neurol 2010; 68: 494–502.


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