Egal, ob man zum ersten oder zum zehnten Mal auf dem Zuckerhut steht - der Blick ist einfach
phänomenal und nutzt sich nie ab. Im Osten der scheinbar erdumspannende, sich zum Horizont wölbende
Atlantik, zu Füßen im Dreiviertelrund die weißsandigen, sich volantartig dahinziehenden Buchten, dann die vor
Leben überschäumende Stadt, begrenzt vom Corcovado, dem Christusberg. Wir können uns nicht satt sehen,
müssen immer wieder die Runde machen. Für ganz Eilige gibt es sogar einen Hubschrauberflug hinauf. Doch
beschaulicher ist es, sich die herrliche Aussicht langsam mit der Seilbahn zu "erfahren", die wie ein großes
Insekt hinauf- und hinabschwebt. Es sei denn, man zieht es vor, sich den Zuckerhut als Bergsteiger zu erarbeiten.
Wie Ameisen hängen die mutigen Kletterer zwischen den Felsen.
Keine Frage, daß wir anschließend durch den hektischen Verkehr zum Gegenstück fahren, dem Corcovado eben
mit seiner riesigen Christusstatue auf dem Gipfel. Hier hinauf fährt man gemütlich mit der Corcovadobahn durch
dichten, grünen Regenwald, der nur hin und wieder einen Blick durch das dichte Blättergewirr hinunter gestattet.
Doch atemberaubend ist der Blick auch hier von der Aussichtsterrasse über Rio mit seinen Bergen, um die
herum sich die Stadt windet, und gipfelt - umgekehrt - im Blick auf den Zuckerhut, das Inselgewirr und die
weißen Sandstrände.
Das dritte hinreißend Sehenswerte ist natürlich die berühmte Copacabana.
Flanieren
Auch hier ist es egal, ob man diesen weitgeschwungenen Strand mit den knackigen Mädchen und den ewig
Volleyball spielenden jungen Männern zum ersten oder zum zehnten Mal sieht. Es ist einfach faszinierend, den
Strand oder die Promenade entlangzuflanieren - am besten ohne Kamera, ohne Brieftasche und ohne auffälligen
Schmuck, um niemanden in Versuchung zu führen - und das pulsierende Leben zu beobachten. Vor allem ab
etwa 19 Uhr, wenn sich allmählich Gaukler und Artisten aller Art einstellen und ihre Künste zur Schau stellen,
wenn sich feurige Samba-Tanzgruppen formieren und zu heißen Rhythmen zeigen, was Temperament ist. Die
Körper scheinen aus Gummi zu sein. Jeder Versuch von uns Europäern, dabei mithalten zu wollen, wäre reine
Parodie. Das Nonplusultra aber an der Copacabana ist das Copacabana Palace Hotel. Es wurde Anfang der
zwanziger Jahre gebaut und war das erste Grand Hotel Brasiliens. Wer Rang und Namen hatte und hat, wohnte
und wohnt hier, zum Beispiel so illustre Persönlichkeiten wie der Schah von Persien und Soraya, John
Eisenhower, Henry Kissinger, Prince Charles und Diana, Nelson Mandela, Nelson Rockefeller, Igor Stravinsky,
Leonard Bernstein, auch Brigitte Bardot und Bing Crosby zum Beispiel oder Michael Schumacher.
Das Hotel gehört zu den "Leading Hotels of the World", wurde 1989 von den Orient Express Hotels gekauft und
von Grund auf renoviert - natürlich im alten Stil, aber mit modernem Komfort. Ein Genuß besonderer Art ist es,
sich das Frühstück auf dem Balkon mit Blick auf den Atlantik und die Copacabana servieren zu lassen - es
entgeht einem nichts. Und auch abends kann man noch einen letzten Blick vom Balkon auf das endlose Treiben
werfen, untermalt vom Rauschen des Atlantik. Von einer der zwei Präsidenten-Suiten mit Dachterrasse
überblickt man die ganze Copacabana sogar aus der Badewanne.
Schöne alte Häuser aus dem vorigen und vom Anfang dieses Jahrhunderts sieht man bei einer Rundfahrt durch
die Stadt. Im üppigsten Barockstil prunkt die Kirche Nossa Senhora da Glória do Outeiro auf einem Hügel. Eine
wundertätige Marienstatue wird in der bei Gottesdiensten immer übervollen Kirche verehrt. Ein Schmuckstück
ist der pompöse Hochaltar. Als unglaublicher Kontrast hierzu steht die supermoderne Kathedrale San Sebastian
wie eine ägyptische Pyramide mitten im alten Stadtviertel Carioca. Wie überhaupt die Architektur des berühmten
Architekten Oscar Niemeyer immer wieder verblüfft neben und zwischen den alten klassizistischen Bauten.
Rio wuchert am Atlantik weit hinaus entlang der Strände. Ganze Neubauvororte sind entstanden, wo vor Jahren
nichts war als Meer, Sand und Öde.
Kontraste
Dort ist in einem weitläufigen Park, in dem Orchideen von den Bäumen ranken und Pinselohr-Äffchen die
Stämme rauf- und runterwieseln, ein Privatmuseum entstanden, in dem indianische naive Kunst zu sehen ist aus
allen Lebensbereichen. Und es ist ein Erlebnis, im "Barra Grill" außerhalb der Stadt nach alter Tradition sich
Rind- und Schweinefleisch am Tisch frisch vom Spieß servieren zu lassen, so viel wie jeder möchte.
Und dann das unglaubliche Kontrastprogramm: Brüllaffen und Nasenbären, Gürteltiere, Schildkröten und
Ameisenbären, Füchse, Töpfervögel, Marmortigerdommeln - das ist nicht etwa die Aufzählung eines
Zoobestandes, sondern das kreucht und fleucht in freier Wildbahn durch die Büsche, huscht über die Wege, sitzt
oder springt in den Bäumen umher. Im riesigen Naturreservat Pantanal im Westen Brasiliens an der Grenze zu
Bolivien und Paraguay kommt man aus dem Staunen nicht heraus. Direkt vor der kleinen Lodge durchquirlen
rosa Löffelreiher mit langen, breiten Schnäbeln den Teich nach Schalentieren. Pferde erfrischen sich im warmen
Naß. Knallgelbe und rot-weiße Vögel staken durch das Wasser.
Über 100 000 Quadratkilometer Sumpfland sind - je nach Jahreszeit - überflutet (besonders Januar/Februar)
oder trocken. In private Farmen ist das Land aufgeteilt; hauptsächlich sind es Rinderzüchter. Dafür muß
abgeholzt oder abgebrannt werden. Zwei Prozent aber dieses riesigen Areals sind Naturschutzgebiet. Kein Tier
darf hier gejagt, kein Baum gefällt werden. 54 000 Hektar davon hat im südlichen Pantanal ein Privatmann
(Roberto Klabin) gekauft und es "Refugio Ecológico Caiman" oder "Pousada Caiman" genannt. Drei Lodges
und ein Haupthaus hat er gebaut für Touristen. Streng wird darauf geachtet, daß niemand allein umherstreift.
Unglaublich nett und engagiert sind die dort arbeitenden jungen Leute, alle zwischen 20 und 26 Jahre, meist
Studenten.
Mit dem kundigen Fahrer Dodo geht’s im Geländefahrzeug in die Natur. Tilo, Biologe und unser Guide, erklärt
Natur und Tiere. Zum Beispiel in einem Baum das runde, aus Lehm gebaute Nest eines Töpfervogels. "Wenn er
seine Frau mit einem Liebhaber im Bau überrascht, mauert er sie zur Strafe ein", erzählt er uns. Tilo weiß fast
alles, spricht fließend deutsch und französisch. 304 Vogelarten wurden in dem Gebiet bisher gezählt.
Gravitätisch schreiten die bis 1,70 m großen schwarz-rot-weißen Tuiuiu-Vögel durch die Wiesen, riesige Störche
sitzen dicht gedrängt in den Bäumen, leuchtend blaue Hyazinth-Aras fliegen vorbei.
Endlich sehen wir Kaimane, wie die Krokodilart hier heißt. Sie liegen faul um einen Tümpel oder im Wasser;
Vögel laufen zwischen ihnen durch. "Nur wenn ein Tier versehentlich auf einen Caiman tritt, schnappen sie zu.
Sonst leben sie friedlich nebeneinander", erklärt Tilo. Unfaßbar. "Sie werden nämlich gefüttert, damit sie keine
Touristen angreifen". Aha. Wir dürfen aussteigen. Dodo lockt die Kaimane mit einem Stock. Schwerfällig
stemmen sie ihre gepanzerten Leiber auf die kurzen Beine und kommen angelaufen. Sie denken, es gibt was zu
fressen. Enttäuscht plumpsen sie wieder auf den Bauch. Unfaßbar, daß wir so nah rangehen können.
Dann machen wir einen spannenden Waldspaziergang. Ohne Tilo sähen wir kaum die Hälfte. Ein riesiger
Brillenkauz hockt auf einem Ast, schaut uns mit großen, runden Bernsteinaugen wie mahnend an. "Mensch,
macht bloß keinen Blödsinn in unserem Revier", scheint er zu sagen. Würgefeigen umschlingen hohe Bäume,
die dann absterben. Termiten haben gelernt, wegen der Überschwemmungen ihre Bauten auf Bäumen zu
errichten. Nandus, eine Straußenart, ziehen vorbei. Nasenbären schnüffeln über die Wiese, Waschbären tummeln
sich im Gras.
Großartig werden wir von Jané bekocht in der Lodge. Abends sehen wir bei einer Caipirinha (Limonen mit
Zuckerrohrschnaps) Filme und Dias, und Tilo beantwortet unsere Fragen. Nach einem Vormittag auf
Pferderücken überrascht uns am Nachmittag eine Bootsfahrt auf dem Aquidauana. Am Ufer knabbern
Wasserschweine - wie riesige Bisamratten - büschelweise ihr vegetarisches Abendbrot. Kaimane, denen es am
Ufer in der Abendluft zu kühl wird, platschen ins warme Wasser und tauchen ab. Dazwischen ein amputierter
Kaiman, dem vielleicht im Kampf ein Kollege ein Bein abgebissen hat. Bromelien leuchten signalrot
insektenanlockend vor dem satten Grün des Waldes. Brüllaffen toben durch die Wipfel der filigranen Bäume.
Auf der Rückfahrt bei Vollmond schleicht ein Jaguar vor uns über den Weg, schaut uns erstaunt an und geht
weiter. Später bleiben wir stehen, schalten den Motor ab und hören ein tausendstimmiges Froschkonzert, das in
mindestens 15 verschiedenen Sing- und Klangarten die laue Nacht erfüllt. Es ist ein Paradies. Renate V.
Scheiper
Lufthansa und Varig fliegen im Code-Sharing-Abkommen täglich von allen deutschen Flughäfen mit LHAnschluß via Frankfurt nach Rio. Airtours bietet den Hin- und Rückflug an ab 1 649 DM.
Eine Nacht im exklusiven Copacabana Palace Hotel bei Airtours ab 121 DM pP im DZ. Preis einer PräsidentenSuite auf Anfrage. Gebührenfreie Reservierungen Copacabana Palace Hotel: Tel 01 30/81 89 23.
Rio ist Ausgangs- und Endpunkt des drei- oder viertägigen Ausfluges ins Pantanal. Flug von Rio nach Mato
Grosso mit dem Varig Brasil-Airpass II für 350 US-$. Dieser Airpaß ist nur in Deutschland buchbar im
Zusammenhang mit dem LH- oder Varig-Transatlantikflug.
Drei Nächte in der Caiman Lodge im Refugio Ecológico Caiman/Pantanal inklusive Transfer vom/zum 250 km
entfernten Flughafen Mato Grosso ab 1 023 DM pP im DZ. Bucht man vier Nächte im Copacabana Palace Hotel
mit 5 Tagen Rio-Programm, 3 Nächte in der Caiman Lodge inklusive aller Flüge, kommt man auf circa 3 800
DM pP im DZ.
Reisezeit: Ganzjährig. Malaria-Prophylaxe empfehlenswert.
Buchtips: APA-Guides "Brasilien"; Knaur: "Brasilien auf eigene Faust. Abenteuer zwischen Amazonas und
Mato Grosso"; Polyglott: "Rio de Janeiro/São Paulo."
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