SCHLUSSPUNKT
Schach: Bauch schlägt Kopf
Dtsch Arztebl 2011; 108(16): [84] / [84] / [84]


Foto: Dagobert Kohlmeyer
Zwei Dinge müssen schnell gehen, Schlitten fahren und heiraten – so heißt es in Bayern. Doch aller schnellen Dinge sind drei, wie – wenn auch nur Nordbayer beziehungsweise Franke – Dr. med. Hans-Joachim Hofstetter weiß: Auch beim Schnellschach am Ärzteturnier, bei dem jeder Spieler für die ganze Partie nur eine halbe Stunde Zeit hat, darf man nicht von des Gedankens Blässe angekränkelt sein. Die Zeit ist knapp: „Nicht denken, nur ziehen!“, heißt die Devise.
Der holländische Professor Ap Dijksterhuis untermauerte dies in der Zeitschrift „Science“ wissenschaftlich: „Eine komplexe Entscheidung trifft man besser unbewusst, sie ist oft genauer, und man ist hinterher zufriedener.“ Da mögen Philosophen wie René Descartes und John Locke die Rationalität gepriesen haben, die Aufnahmefähigkeit des bewussten Denkens sei gering und darum nehme die Qualität der Entscheidung mit der Zahl der Variablen ab.
„Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst . . .“, heißt es in einem Schlager. Besser verlässt man sich auf das vielgerühmte Bauchgefühl alias Intuition. Dafür bricht auch Prof. Gerd Gigerenzer, Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin, eine Lanze. Während die Philosophen der Aufklärung den menschlichen Geist als ein von der Vernunft regiertes Königreich bezeichneten, vergleicht er das Gehirn lieber mit einem Werkzeugkasten voller Faustregeln.
Es muss ja nicht gleich so weit gehen wie bei der Seescheide. Als Larve ist sie ein freibeweglicher Jäger im Meer, der auch ein Gehirn benötigt. Kaum ist jedoch ein Nistplatz gefunden, muss sie nicht mehr denken und verspeist folgerichtig ihr überflüssig gewordenes Gehirn – schließlich verbrauchen Gehirne viel Energie.

Doch zurück zum Schach, und auf dem Weg zu Dr. med. Hofstetter ein kleiner Umweg über den ehemaligen Weltmeister Michail Tal – nicht die schlechteste Referenz. Im prächtigen neuen Buch „Zaubern wie Schachweltmeister Michail Tal“ von Karsten Müller und Raymund Stolze (Edition Olms) schreibt Tal über seine Partie gegen Wasjukow in Kiew 1964: „Ich grübelte über ein Springeropfer. Plötzlich kam mir der Satz (aus einem russischen Lied) in den Sinn: Wie schwierig ist es, ein Nilpferd aus dem Sumpf zu ziehen? Vergeblich versuchte ich dieses Problem zu lösen, ließ das Nilpferd einfach ersaufen und opferte kurzerhand intuitiv den Springer, ohne Varianten durchzurechnen. Am nächsten Tag las ich mit Vergnügen in der Zeitung: ‚Nach 40-minütigem Nachdenken brachte Tal ein wohlkalkuliertes Springeropfer.‘“
Möglicherweise kalkulierte Dr. Hofstetter als Weißer am Zug gegen Dr. med. Martin Schaefer ja doch den Bruchteil einer Sekunde, bevor er mit einem prächtigen Zug sofort gewann. Wie kam’s?
Lösung:
Nach dem Donnerschlag 1. Lc6! gab Schwarz schon auf.
Es droht nicht nur das Turmverspeisen 2. Lxa4, sondern – nach beispielsweise 1. . . . Tc4 – auch 2. Td8+ Ke7 3. Te8 matt. Natürlich wäre auch 1. . . . bxc6 2. Txb8 hoffnungslos gewesen, weil noch der gefesselte Läufer verloren gegangen wäre.
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