POLITIK

National Health Service in Grossbritannien: Einkaufsmacht für Hausärzte

Dtsch Arztebl 2011; 108(17): A-928 / B-764 / C-764

Thomas, Kurt

Das staatliche britische Gesundheitswesen steht vor tiefgreifenden Reformen. Denn künftig sollen die Primärärzte über die Verteilung des Gesundheitsetats entscheiden, indem sie die Leistungen für ihre Patienten einkaufen.

Chefsache Gesundheitsreform: Premierminister David Cameron (M.) beim Ortstermin im Frimley Park Hospital in Surrey. Er will den NHS „radikal modernisieren“. Foto: picture alliance

Sie gilt gesundheitspolitischen Beobachtern als die tiefgreifendste Reform seit mehr als 60 Jahren. Die britische Regierung plant, dass die etwa 75 000 Hausärzte des National Health Service (NHS) von 2013 an direkt bei Krankenhäusern und Fachärzten diagnostische und therapeutische Dienstleistungen für ihre Patienten einkaufen und somit indirekt über die Verteilung des milliardenschweren Gesundheitsetats entscheiden. Bislang ist dafür im britischen Primärarztsystem, in dem der Hausarzt stets die erste Anlaufstelle für die Patienten ist, in der Regel die regionale NHS-Verwaltung zuständig.

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„Einkaufen“ bedeutet konkret: Der überweisende Hausarzt ist direkt für die Kosten der weiterführenden Behandlung verantwortlich. Der Arzt hat also ein Interesse daran, dass das Preis-Leistungs-Verhältnis beim Facharzt oder in der Klinik stimmt. Denn wenn der Hausarzt sein von der NHS-Verwaltung zugeteiltes Budget überschreitet, drohen finanzielle Sanktionen und Budgetkürzungen im nächsten Haushaltsjahr. Noch offen ist dagegen die Frage, ob eine Praxis im Fall einer Budgetunterschreitung das eingesparte Geld behalten kann, um es zum Beispiel in die Praxisausstattung zu investieren. Viele Ärzte geben zu bedenken, dass solche finanziellen Anreize sich möglicherweise negativ auf die Versorgungsqualität auswirken könnten, weil überweisende Ärzte aus finanziellen Gründen bewusst die billigsten Angebote für ihre Patienten auswählen könnten. Erste Versuche mit dem neuen Modell laufen bereits.

Zu bürokratisch, zu langsam

Premierminister David Cameron hat die Reform des NHS, der mehr als eine Million Menschen beschäftigt, inzwischen zur Chefsache erklärt. „Der NHS arbeitet zu bürokratisch, zu langsam, und er ist zu patientenunfreundlich“, sagte Cameron, der seit 2010 an der Spitze einer Koalitionsregierung aus Konservativen und Liberalen steht. „Wir werden das Gesundheitswesen radikal modernisieren.“ Die Reformpläne sind in einem gesundheitspolitischen Weißbuch veröffentlicht, das derzeit kontrovers im britischen Unterhaus diskutiert wird.

Ein erster Reformschritt ist die Abschaffung Hunderter lokaler Gesundheitsverwaltungen und regionaler Gesundheitsbehörden. Diese Stellen sind bisher dafür verantwortlich, Versorgungsangebote in den Regionen zu schaffen, künftigen Bedarf zu prognostizieren und dafür zu sorgen, dass die notwendigen Mittel aus dem Gesundheitsetat zu den richtigen Stellen fließen. Der NHS finanziert sich zu mehr als 90 Prozent aus allgemeinen Steuermitteln. Anspruchsberechtigte Patienten bezahlen nichts für ihren Arztbesuch oder für ihre Operation, da sie über die staatliche Krankenversicherung (National Insurance) abgesichert sind.

Ärztliche Berufsverbände, die Krankenpflegergewerkschaft sowie Patientenverbände laufen seit Wochen Sturm gegen die Vorhaben der Regierung. Der britische Ärzteverband (British Medical Association, BMA) kritisierte die Reformpläne als „unausgegoren“ und „potenziell sehr schädlich für die Zukunft der staatlichen Gesundheitsfürsorge“. BMA-Chairman Hamish Meldrum sagte in London: „Die Regierung Cameron ignoriert fast alle Bedenken der Ärzteschaft und anderer Gesundheitsberufe, die gegen die Reformen vorgetragen wurden. Die Reformen sind zu umfangreich, zu radikal, zu undurchdacht und zu schnell. Das Ziel der Regierung, mehr Wettbewerb in den staatlichen Gesundheitssektor zu bringen, ist falsch, da es die Zusammenarbeit zwischen Ärzten und anderen NHS-Mitarbeitern erschweren wird.“

Auch die britische Krankenpflegergewerkschaft (Royal College of Nursing, RCN) wetterte gegen die Gesundheitsreform. „Wir rechnen mit der Streichung von bis zu 27 000 Pflegestellen im NHS. Das sind schlechte Nachrichten für alle Patienten“, erklärte ein RCN-Sprecher.

Das Londoner Gesundheitsministerium bestreitet, dass als Folge der Reformen Ärzte- beziehungsweise Krankenpflegestellen gekürzt werden sollen. Der Premierminister betonte, „medizinische Versorgungsangebote werden nicht beschnitten“. Cameron wiederholte mehrfach, die NHS-Ausgaben würden nicht gekürzt, und er sei bereit, dies „persönlich und unwiderruflich zu garantieren“. Britische Medien decken aber immer wieder Fälle auf, in denen Kliniken nichtdringliche Operationen wie Hüftgelenkoperationen monatelang auf Eis legen, um Geld zu sparen.

Sparziel: 20 Milliarden Pfund

Der Regierung zufolge sollen bis 2015 „rund 20 Milliarden Pfund“ (umgerechnet 26 Milliarden Euro) durch effizienteres Arbeiten im NHS eingespart werden. Daran zweifeln freilich die Berufsverbände. Sie warnen inzwischen öffentlich vor der Zerstörung des staatlichen Gesundheitsdienstes.

Private Krankenversicherer sind ebenfalls nervös. Großbritannien hat zwar seit Jahrzehnten ein staatliches Gesundheitswesen. Trotzdem ist die privatmedizinische Versorgung in den vergangenen Jahren zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor geworden. Derzeit verdienen Privatkliniken im Königreich jährlich dreistellige Millionenbeträge mit der Behandlung von NHS-Patienten. Denn diese haben beispielsweise die Möglichkeit, sich statt in einem staatlichen Krankenhaus in einer Privatklinik operieren zu lassen. Diese Option wurde eingeführt, um die Wartezeiten im NHS zu verkürzen. Im vergangenen Jahr machten circa 220 000 NHS-Patienten davon Gebrauch. Das bescherte privatmedizinischen Anbietern Umsätze von mehr als 400 Millionen Pfund (480 Millionen Euro). Jetzt warnen die Betreiber der Privatkliniken, die Geldknappheit im öffentlichen Sektor und die geplante Gesundheitsreform führten dazu, dass Patienten nicht länger die freie Wahl hätten.

Kurt Thomas

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