POLITIK

Versorgung von Krebspatienten: Menschliche Zuwendung aufwerten

Dtsch Arztebl 2011; 108(17): A-932 / B-767 / C-767

Siegmund-Schultze, Nicola

Die Qualität der Versorgung von Krebspatienten hinkt medizinischen Innovationen hinterher. Auch psychoonkologische Aspekte werden zu wenig berücksichtigt.

Mit der Diagnose eines Malignoms leben circa vier Millionen Menschen in Deutschland, Prävalenz und Inzidenz werden weiter zunehmen. Derzeit wird die Rate der jährlichen Neuerkrankungen auf etwa 560 pro 100 000 Einwohner geschätzt. Da die Lebenserwartung steigt, rechnet das Institut für Krebsepidemiologie (Lübeck) bis zum Jahr 2050 mit einer Zunahme der Malignominzidenz um 50 Prozent auf 850 pro 100 000 Einwohner. Es wird also immer mehr Krebspatienten zu versorgen geben.

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Ökonomische Anreize sollten die Qualität fördern

Derzeit aber stünden Grundlagenforschung und klinische Forschung in einem Missverhältnis zur Versorgungsforschung, also der Frage, wie Innovationen den Patienten erreichen könnten, lautet der Tenor einer Veranstaltung zum Thema Versorgung von onkologischen Patienten in Köln. Prozessinnovationen halten nicht mit medizinischen Weiterentwicklungen Schritt. Einen Grund dafür sieht Wilfried Jacobs, Vorstandsvorsitzender der AOK Rheinland/Hamburg, in falschen ökonomischen Anreizen.

„Die Leiden der Patienten werden umso intensiver behandelt, je mehr sich die Versorgung wirtschaftlich lohnt“, sagte Jacobs. „Jede halbwegs erkennbare Diagnose wird aufgeführt, denn die Vergütung orientiert sich an der Zahl der Diagnosen, nicht an der Qualität der Versorgung.“

Diese aber könne sich gerade durch Unterlassen einer therapeutischen Intervention zugunsten des Beobachtens mit intensiver Beratung des Patienten auszeichnen. Beim Prostatakarzinom zum Beispiel könne eine aktive Überwachung bei bestimmten Patienten die beste Option sein. Nur: Abwarten bringe kein Geld. „Zu einer besseren Versorgung von Krebspatienten gehört, dass der Faktor Zeit ökonomisiert wird, also das Informieren, Beraten, Trösten“, erklärte Jacobs. Für die Beurteilung der Qualität der Versorgung müsse die gute Begleitung des Patienten stärker gewichtet und besser honoriert werden als bisher. Hier könne der Wettbewerb im Gesundheitswesen regulierend wirken: „Wir sollten die Zentren und Ärzte, die eine hohe Versorgungsqualität nachweisen, auch gut bezahlen, und zur Qualität gehört unter anderem genügend Zeit für Krebspatienten“, meint Jacobs. So werde häufig das Persönlichkeitsprofil der Patienten zuwenig in die Betreuung einbezogen. Außerdem fehle es teilweise an Transparenz über Fallzahlen und Ergebnisse.

So sind kürzlich bei einer Veranstaltung in Berlin über die Arbeit am Nationalen Krebsplan teilweise Widerstände deutlich geworden, die geplante Etablierung regionaler Krebsregister flächendeckend umzusetzen. Mit deren Hilfe ließe sich unter anderem die Versorgungsqualität besser einschätzen. „Ist sie nicht zufriedenstellend, sollten Zentrumszertifikate aberkannt werden können“, forderte Jacobs. Die Politik müsse die Rahmenbedingungen schaffen, um die berechtigten Interessen der Patienten zur Messlatte des Handelns zu machen, nicht die Zufriedenheit der Leistungserbringer.

Die Diagnose Krebs bedeutet „einen Sturz aus der normalen Wirklichkeit“. So beschreibt die Allgemeinmedizinerin Dr. med. Andrea Petermann-Meyer mit psychoonkologischer Schwerpunktpraxis in Aachen ihre Erfahrung. Eine Befragung von 296 Krebspatienten habe ergeben, dass sich 61 Prozent unmittelbar nach der Diagnose um die Familie sorgten, 54 Prozent beschäftige die Angst vor dem Tod, 35 Prozent die Angst vor einem durch die Operation veränderten Äußeren, und 32 Prozent fürchteten sich vor Schmerzen. In einer Freiburger Umfrage unter mehr als 600 onkologischen Patienten wünschten sich 25,6 Prozent ausführlichere Gespräche mit dem Arzt oder der Ärztin, 24,4 Prozent fühlten sich mit ihren Sorgen nicht ernst genommen, 21,3 Prozent hatten Informationsbedarf zu Vor- und Nachteilen der verschiedenen Therapien, und jeder fünfte wünschte sich mehr Beratung zu ganzheitlichen Konzepten.

Bei empathischer Beratung weniger Psychotherapie nötig

Denn nach der Diagnose Krebs stünden viele Entscheidungen über Beginn und Art der Behandlung an, zumal sich Patienten nach einer Therapie subjektiv erst einmal schlechter fühlten als zuvor.

Dies gelte es, in die Beratungen einzubeziehen. Petermann-Meyer berichtete über eine Studie aus den USA mit 123 Krebsüberlebenden. 40 Sekunden, in denen zusätzlich zu Informationen über die Erkrankung auch Mitgefühl zum Ausdruck gebracht und deutlich wurde, dass die Ärztin oder der Arzt die Sorgen ernst nimmt, waren mit signifikant weniger Angst assoziiert. „Es ist nicht notwendig, unbedingt Lösungen anzubieten, aber es ist wichtig, Patienten mit ihren Emotionen ernst zu nehmen“, sagte Petermann-Meyer. Durch eine angstreduzierende Begleitung lasse sich der Bedarf an Psychotherapien senken.

Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze

MCC-Fachkonfererenz Onkologie in Köln: Patientenzentrierte Gesundheitsversorgung – Status quo und Ausblick

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