THEMEN DER ZEIT

Narratives Theater: Der magische Moment . . .

Dtsch Arztebl 2011; 108(18): A-1002 / B-826 / C-826

Jachertz, Norbert

. . . wenn der Funke von der Bühne auf das Publikum überspringt. Schauspiel und Tanz helfen, traumatische Erinnerungen zu verarbeiten.

„Staats-Sicherheiten“ – ein Stück, in dem 15 Stasiopfer ihre Geschichte erzählen und das im Nebeneffekt eine therapeutische Wirkung hat. Fotos: dpa

Das Bühnenstück „Staats-Sicherheiten“ handelt von Untersuchungshaft und Verhören durch die Stasi. Der Witz (im ernsten Sinne des Wortes) ist dabei, dass die 15 Stasiopfer, die auftreten, ihre eigene Geschichte erzählen und spielen. Der Regisseur Clemens Bechtel hat dafür gesorgt, dass nicht form- und uferlos geredet wird, sondern ein spannendes Drama auf die Bühne kommt, in dem die Stasierfahrungen aus unterschiedlicher Perspektive dargestellt werden. So wechselt der Beschuldigte auch mal die Rolle und nimmt die Sicht des verhörenden Offiziers ein. Der Erfolg des Stückes hat selbst die Macher überrascht. Das Hans-Otto-Theater in Potsdam hatte zunächst drei Aufführungen angesetzt. Seit der Premiere am 18. Oktober 2008 wurde es etwa 30-mal gespielt, nicht nur in Potsdam, sondern auch andernorts in Ostdeutschland und zweimal im Westen. Hier wohl eher als Botschaft aus einer fremden Welt, im Osten hingegen vor einem „erfahrenen“ Publikum.

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Das Konzept zu „Staats-Sicherheiten“ stammt von Lea Rosh und Renate Kreibich, und die hatten ein politisches Stück über die Auswirkungen der DDR im Sinn. Deren Wunsch sei es gewesen, „dem Publikum etwas entgegenzuschleudern“, interpretiert eine der Akteurinnen. Im Nebeneffekt aber wirkt das Stück therapeutisch. Die Aufführungen hätten ihm mehr geholfen als 60 Therapiestunden, bemerkt einer der Akteure. Andere empfinden emotionale Entlastung. Die kann bei Akteuren auf der Bühne wie auch bei Zuschauern, die unwillkürlich eigene Erlebnisse verarbeiten, einsetzen.

Mit solchen Wirkungen beschäftigt sich Lea Hermann, eine Medizinstudentin, die an dem Thema der „schauspielerischen Verarbeitung des Traumas von Haft und Zersetzung in der SED-Diktatur“ arbeitet. Hermann beobachtete bei den Akteuren, dass die gemeinsame Erarbeitung des Theaterstücks und schließlich dessen Aufführung das Selbstwertgefühl steigerte und die Erfahrung, „dass die Gruppe hinter mir steht“, vermittelte. Die Anerkennung des Publikums werde als eine Art Entschädigung für erlittenes Unrecht empfunden. Theater befreit anscheinend Stasiopfer von dem Gefühl, nichts wert und gesellschaftlich isoliert zu sein, einer perfiden Wirkung der Zersetzungsstrategie der Stasi.

Hermann schreibt derzeit am Berliner „Zentrum Überleben“, in dem etwa 500 Folteropfer und traumatisierte Kriegsflüchtlinge behandelt werden, ihre Doktorarbeit. Zu dessen Team gehört auch Prof. Dr. med. Christian Pross, einer der frühen Initiatoren des Behandlungszentrums für Folteropfer. Pross initiierte auch eine international besetzte Tagung zu „Theater und Trauma“, die vom 3. bis 5. März unter dem Dach der Bundesstiftung Aufarbeitung der SED-Diktatur stattfand.

Bei der Tagung wurden zwei weitere Projekte des „narrativen Theaters“ vorgestellt. Narrativ im weiteren Sinne, wenn man auch den Tanz als erzählende Ausdrucksform ansieht. Die beiden Beispiele stammen aus Afrika und schildern zwei sehr unterschiedliche Ansätze, Gewalt in einer Gesellschaft darzustellen.

Die Psychologin Yvonne Sliep (Durban, Südafrika) berichtete von Versuchen, Hutu und Tutsi wieder ins Gespräch zu bringen. Sie moderierte in Burundi, unterstützt von Dorfältesten, kleine Gruppentreffen, bei denen Erlebnisse erzählt und nachgespielt wurden. Kleine Dramen: Die Akteure spielen vor einem wissenden Publikum. Die Zuschauer beobachten sich, wenn der Funke überspringt, gleichsam selbst und erkennen im Spiel der anderen, was sie angerichtet haben. So kommt es vor, dass jemand auf der „Bühne“ (dem Dorfplatz unter einem Baum) vom Spiel abweicht oder ein anderer auf den Rängen (der Grasfläche rundum) aufsteht und sich entschuldigt. Hinterher wird diskutiert. Sinn solcher Treffen zum Theater ist es, Probleme offen anzusprechen, das schwelende Misstrauen zu überwinden und gemeinschaftliches Tun zu erleben. Dem dient auch die Erinnerung an die guten Seiten der gemeinsamen Geschichte. So sollen wieder Selbstbewusstsein und kollektives Vertrauen entstehen. Sliep hält wenig von den offiziellen „reconciliations“, die von oben angeordnet würden. Die kollektive Heilung müsse von unten ausgehen und sich ausbreiten. In Burundi arbeiteten etwa 1 300 dörfliche Komitees, die von mehr als 100 (Psycho-)Sozialarbeitern moderiert würden.

Einen anderen Ansatz verfolgt die Regisseurin und Theaterproduzentin Melissa Eveleigh. Sie produzierte (mit Partnern) 2010 „Tariro“, ein Stück, das Sprech- und Tanztheater höchst professionell miteinander verbindet und die Geschichte Simbabwes thematisiert. Zwar musste im benachbarten Malawi produziert werden, doch konnte Tariro schließlich auch in Simbabwe selbst aufgeführt werden, in Absprache mit lokalen Machthabern. Theaterspielen ist im Land gleichwohl nicht ohne Risiko. Dennoch lebt Eveleigh seit kurzem in Simbabwe. Sie hat eine Mission, nämlich das Land vor dem Verlust seiner Geschichte zu bewahren. Tariro erzählt von Gewalt, Weiß gegen Schwarz und Schwarz gegen Schwarz. Die Titelheldin möchte den Zirkel der Gewalt durchbrechen, denn sie (Arbeiterklasse, Schwarz) liebt Robert (Sohn von Kolonialherren, Weiß). Die Gewalt wird tänzerisch fast brutal umgesetzt, Eveleigh nennt es „realistisch inszeniert“. Das müsse auch so sein, um glaubhaft zu sein, denn das Publikum kenne ja Gewalt, als Opfer wie als Täter oder auch beides. Die ganze Wahrheit müsse ans Licht. Auch Eveleigh setzt auf die Transformation: Das Publikum erkennt sich in den Darstellern wieder. Da wird es leichter, Scham und Schuld einzugestehen. Das dramatische Geschehen auf der Bühne provoziert zu Zwischenrufen auf offener Szene und zur Diskussion. Ein Heilungsprozess?

Auf der Berliner Tagung gingen die Meinungen darüber, ob Theater „als neuer Ansatz, Traumata zu behandeln“ (Pross) anzusehen sei, auseinander. Das lag auch daran, dass nicht klar nach Individuen oder Gesellschaften, die zu therapieren seien, unterschieden wurde. Folgt man Sliep und Eveleigh oder den beiden Psychotherapeuten Natan Kellerman und Armand Volkas lassen sich zumindest kollektive Traumata erfolgreich mit dem narrativen Theater angehen. Und die individuellen? Die Darsteller von „Staats-Sicherheiten“ wirkten immerhin selbstbewusst. Psychotherapeut Volkas, ein bekannter Vertreter des Psychodramas aus Oakland, bezeichnete Theater als „Therapiewerkzeug“, wenn das auch für manchen Künstler beleidigend klinge. Das bestätigte sogleich Regisseur Bechtel: „Ich behandele nicht.“ Theater habe seine eigenen Gesetze, seine festen Termine. Die müssten eingehalten werden, „und dann ist Schluss,“ während Patienten nach ihren Bedürfnissen behandelt würden. Tatsächlich hat aber gerade Bechtel mit „Staats-Sicherheiten“ ein Stück gemacht, das eine therapeutische Wirkung zu entfalten vermag, nicht nur auf die Akteure, sondern auch auf die Zuschauer. Das Geheimnis liegt in der Übertragung. Um es mit Kellerman (Jerusalem), der in der Behandlung von Holocaustopfern erfahren ist, auszudrücken:

„Something magic happens.“ Das Holocaustopfer erzählt seine Geschichte. Daraus wird ein Drama, das auf die Bühne kommt. Und dann passiert eben die Transformation: Das Opfer sieht seine Geschichte „von außen“ und kann sich lösen.

Norbert Jachertz

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