MEDIZINREPORT

Transplantationschirurgie: „Der Gesetzgeber muss endlich aktiv werden“

Dtsch Arztebl 2011; 108(19): A-1059 / B-876 / C-876

Zylka-Menhorn, Vera

Der 128. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie in München widmete einen Tag dem Thema „Transplantation“ aus medizinischer und gesellschaftlicher Sicht.

Derzeit warten in Deutschland circa 12 000 Patienten auf ein Spenderorgan, pro Tag sterben drei von ihnen, weil kein Transplantat zur Verfügung steht. „Dieser Missstand hat mit den in Deutschland geltenden Regeln zur Organspende zu tun. Hier muss der Gesetzgeber endlich aktiv werden“, fordert der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie (DGCH), Prof. Dr. med. Axel Haverich (Medizinische Hochschule Hannover [MHH]), anlässlich des Jahreskongresses der DGCH in München. „Die medizinischen Möglichkeiten der Organtransplantation sind heute so ausgereift, dass wir vielen Menschen helfen könnten, wenn wir ausreichend Spenderorgane zur Verfügung hätten. Daher wäre für das Wohl der Patienten eine Widerspruchslösung die beste Regelung.“

Österreich mit Vorbildfunktion

Beispiele aus europäischen Ländern zeigen, dass dadurch erheblich mehr Organtransplantationen möglich werden. Bei acht Millionen Einwohnern gibt es in Österreich nur 2 000 Widersprüche pro Jahr. Entsprechend gut ist die Versorgungslage mit Spenderorganen. „In Deutschland warten Patienten sechs Jahre auf eine neue Niere, in Österreich nur sechs Monate“, erklärt Prof. Dr. med. Jürgen Klempnauer (MHH). Aufgrund der Mangelsituation würde man heute sogar Organe von betagten Patienten transplantieren, die nicht den eigentlichen Qualitätsansprüchen genügten.

Als „skandalös“ bezeichnete Kardiochirurg Prof. Dr. med. Friedhelm Beyersdorf (Universität Freiburg) die Wartezeiten für ein neues Herz. Derzeit stünden 1 158 Schwerkranke auf der Warteliste, aber nur 393 Organe hätten letztes Jahr eingesetzt werden können. Grund für die dramatische Zunahme seien einerseits die demografische Entwicklung, andererseits die Tatsache, dass im letzten Jahrzehnt immer mehr Patienten infolge Therapiefortschritten einen Myokardinfarkt überlebt hätten, die nunmehr Transplantationskandidaten seien. „Die wachsende Warteliste hat zur Folge, dass der Eingriff immer seltener elektiv erfolgen kann“, sagte Beyersdorf in München. „Wurden im Jahr 2000 nur 31 ,dringliche‘ Transplantationen vorgenommen, waren es 2009 bereits 218.“

Um dem Organmangel zu begegnen, ist es nach Angaben von Haverich auch wichtig, innerhalb des Krankenhauses Strukturen zu schaffen, die eine Organspende postmortal ermöglichen. Die Zunahme der Spenden in Österreich sei zudem auf die Installierung regionaler Transplantationsreferenten und lokaler Transplantationsbeauftragter in Schwerpunktkrankenhäusern zurückzuführen.

Die Hoffnung, den Mangel durch Tierorgane zu entschärfen (Xenotransplantation), werde sich auch in absehbarer Zeit nicht erfüllen, betonten die Chirurgen. Ungelöst seien die sehr schnell auftretenden Abstoßungsreaktionen, die derzeit auch nicht durch die Verwendung von transgenem Tiermaterial abgewendet werden könnten.

Prof. Dr. med. Martin Zeier (Nierenzentrum der Universität Heidelberg) sprach sich dafür aus, die Vorteile und die positiven Erfahrungen der Lebendspende öffentlich zu propagieren. In Heidelberg erfolgten bereits mehr als 40 Prozent der Nierentransplantationen nach Lebendspende. „Uns erscheint vor allem die präemptive Lebendspende vor Dialysebeginn als segensreich, denn diese Patienten haben besonders niedrige Komplikationsraten und interessanterweise so gut wie nie eine Abstoßungsreaktion“, erklärte Zeier.

Um die Bevölkerung von der Notwendigkeit zur Organspende zu überzeugen, hat die DGCH in München unter anderem einen Organspendensong uraufgeführt und einen Organspendenlauf durch den Englischen Garten veranstaltet.

Inseltransplantationen

Ein chirurgischer Ansatz für die Therapie des Diabetes mellitus Typ 1 ist es, Insulin produzierende Zellen in die Leber zu implantieren. Diese Inseltransplantationen sind eine Option für Patienten, die trotz optimalen Diabetesmanagements unter schweren Komplikationen, insbesondere Hypoglykämien leiden. Hierbei werden Langerhans-Zellen aus dem Pankreas eines Organspenders aufbereitet und dem Empfänger über einen Katheter in die Pfortader der Leber eingeschwemmt. Die Inseln siedeln sich dann als „Miniorgan“ in der Leber an und produzieren Insulin.

„Einer der Vorteile ist es, dass die Inseltransplantation als minimal invasives Verfahren wesentlich weniger Operationsrisiken hatte als beispielsweise eine Pankreastransplantation“, meint Prof. Dr. med. Hans-Detlev Saeger (Universität Dresden). Allerdings sei auch bei dieser Therapieform eine lebenslange Immunsuppression notwendig, und die implantierten Zellen produzierten meist nicht ausreichend Insulin, um eine Heilung zu erzielen.

Dr. med. Vera Zylka-Menhorn

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