VARIA: Schlusspunkt
Börsebius zur Agiv-Aktie: Verschmähter Leckerbissen
Dtsch Arztebl 1998; 95(1-2): [44] / [44] / [44]


Fragen Sie einen Börsenexperten mittlerer Qualität nach der Agiv-Aktie, so wird er ihnen vermutlich
vom Kauf abraten. Das sei doch ein Schmuddelkind, ziemlich ins Gerede gekommen, selbst die
Metallgesellschaft habe die vor geraumer Zeit lange umworbene Agiv nicht mehr haben wollen, zu sehr sei dort
im Management gemauschelt und getrickst worden.
Wahr ist daran nur, daß die Geschichte durchaus
zutraf, jetzt aber nicht mehr stimmt. Vom ehemaligen
Sanierungsfall ist die Agiv, ausgeschrieben Aktiengesellschaft für Industrie und
Verkehrswesen, zu einem straff geführten Unternehmen mutiert, und es dürfte nur eine Frage von kurzer Dauer
sein, bis die Börse den saftigen Braten endlich wieder riecht.
Die Agiv hat in der Tat ihre Absicht, sich von einer reinen Beteiligungsgesellschaft zu einer operativen
Unternehmensholding in den Bereichen Maschinenbau und Elektronik zu wandeln, mit aller Konsequenz
umgesetzt.
Im März wurde die Beteiligung an der österreichischen Andritz AG auf 93 Prozent aufgestockt. Der sehr
ertragsstarke Grazer Maschinenbauer verfügt über eine weltweit führende Marktstellung in der Umwelttechnik
und der Öberflächenveredelung. Auf der anderen Seite wurden Ladenhüter oder ertragsarme Gesellschaften
abgestoßen, unter anderem der Baukonzern Wayss & Freitag oder die Tourplan Reiseservice GmbH.
Die Barmag AG, Weltmarktführer im Bereich Textil- und Chemiefasern, gehört weiterhin zum Agiv-Konzern.
Gerade wegen dieser Verbindung ziehen manche Anlegeberater sorgenvoll die Stirn kraus, sei doch die Barmag
in Asien sehr stark engagiert. Da ist aber nichts dran. Die Aufträge für das Jahr 1998 sind bereits fakturiert, und
außerdem werden alle Geschäfte in Hartwährungen abgerechnet und nicht etwa in teilweise maroden und
verfallenen asiatischen Devisen.
Die einzige, die noch etwas in die Suppe spucken könnte, ist die BHF-Bank. Deren Vorstandssprecher
bekräftigte die Absicht der Bank, sich von der Agiv-Beteiligung zu trennen. Als Zeithorizont nannte der Banker
den Sommer nächsten Jahres. Bei einem Wunschkurs um die 45 Mark würden dem Geldinstitut dann rund 900
Millionen Mark in die Kassen fließen. Die aktuelle Börsennotiz ist mit etwa 38 Mark noch deutlich vom BHFBank-Kursziel entfernt, und damit weiß der Leser auch schon, daß er seine Order in dieser Preisspanne limitieren
sollte. Die Aktie ist allerdings wohl eher etwas für langfristig orientierte Anleger und nichts für nervöse
Hemden. Börsebius
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