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VARIA: Schlusspunkt

Die OP-Umkleide oder moralischer Notstand

Dtsch Arztebl 1998; 95(1-2): [44] / [44] / [44]

Schnell, Dieter

Ach, was mußte man vordem
beim OP-Umbau hör’n und sehn!
Kaum daß der Morgen dämmerte,
es bohrte, klopfte, hämmerte,
und während es hier stank, dort kracht’,
ward mancher halb "bekloppt" gemacht.
Der Hammer war, man glaubt es kaum,
ein einziger Umkleideraum
für Ärzte, Schwestern, Männer, Weiber,
für schöne und auch and're Leiber, für Katholiken, Protestanten,
für Spezialisten, Dilettanten,
für Große, Kleine und auch so ’ne, die gerne rumstehen oben ohne, weil sie im Gegensatz zu allen
sich selber, wie sie sind, gefallen!
So mancher zieht sich Stück für Stück
ins dunkle Eckchen still zurück, während ein and’rer es genießt,
- weil ihm ein Pelz am Brustkorb sprießt -,
daß heimlich ihn die Blicke streifen. Ein weit’rer läßt die Augen schweifen,
ganz ungeniert und ohne Scheu:
Er sondert still das Korn von Spreu.
Was konnt’ man da an Moden sehn, Galoschen auf dem Boden stehn, wie sie den Urahnen war’n eigen, robust, um Berge zu besteigen!
So manche, welche jeans-berockt, wirkt mit Plateauschuh hochgebockt!
Doch mit besonderem Genuß
betrachtet mancher die Dessous.
Ob eng, ob schlotternd, knieumspielt,
ob heiß, ob medium, abgekühlt,
ob Makko, Drillich oder Seide,
gar selten ist die Augenweide!
Viel häufiger als Hochgenuß
empfindet der Voyeur - Verdruß.
So mancher sich von nun an stylt, und vom Geschäft zur Boutique eilt, die jenes neu’ste Beinwerk führt, das ihn zum "Mann der Leggins" kürt!
Ja, mancher sich die Haare rauft, als Blümchenwäsche ausverkauft! Ob Sloggy longlong, mittel, kurz,
ob Strapse oder Lendenschurz,
man brauchte nicht in Bars zu gehn: Beim Umkleiden war’n sie zu sehn!
Ein Glück, daß uns’re Geistlichkeit, sterile Zonen nicht betreut!
So glich in uns’rem Krankenhaus die Direktion die Unbill aus:
Denn während aller Ohr gelitten, gewann das Auge - unbestritten!
Wie schade, daß dann eins, zwei, drei
der Spuk mit einem Mal vorbei! Jetzt langweilt sich ein jeder wieder mit des Geschlechtsgenossen Mieder!
An farblos weißer Unterwäsche fehlt halt das prickelnd Neue, Fesche.
Wenn niemand schaut und keiner gafft,
dann schwindet das, was Anreiz schafft.
Nach kurzer Bitte sank es hin,
- das Prickeln in der Medizin.
Und wenn nicht bei den Herrn bisweilen
zwei Damen in den Schrankraum eilen,
um sie im Hemd zu überraschen, und offiziell, die Schuh’ zu waschen, dann wär’ das Leben im OP
zum Gähnen, so, wie ich es seh’! Und ging der Wasserhahn vor Ort nicht rechtsrum hier und linksrum dort,
so daß beim Zudrehn man apart
vor nasser Hose nur so starrt,
dann gäb es nicht den kalten Schauer,
nein, tote Hosen - auf die Dauer!
Und die Moral von der Geschicht, steht schon im Wilhelm-Busch-Gedicht:
"Wie wirksam ist’s doch allemal, pfeift man mitunter auf Moral!"
Dieter Schnell
(Beobachtungen im Krankenhaus Waldbröl 1996 während eines großen OP-Umbaus)


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