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Ethik in der Berufsordnung: Unmissverständlich

Dtsch Arztebl 2011; 108(20): A-1085 / B-897 / C-897

Stüwe, Heinz

„Kurswechsel“ – das war der Begriff aus Zeitungsüberschriften zur Jahreswende 2010/2011, der eine heftige Diskussion über die Haltung der verfassten Ärzteschaft zur Sterbebegleitung ausgelöst hat. Mochte Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe, Präsident der Bundesärztekammer, noch so oft versichern, die Überarbeitung der Grundsätze zur ärztlichen Sterbebegleitung ziele nicht auf einen Kurswechsel ab, sondern sie sei allein schon wegen der gesetzlichen Regelung der Patientenverfügung und des Urteils des Bundesgerichtshofs zur Sterbehilfe vom 25. Juni 2010 geboten – er überzeugte einige Kritiker nicht. Und läuft nicht zumindest eine Formulierung in der Neufassung der Grundsätze vom Januar 2011 tatsächlich auf eine Liberalisierung hinaus? „Die Mitwirkung des Arztes bei der Selbsttötung ist keine ärztliche Aufgabe“, heißt es darin. Dann könne der Arzt ja als Privatmensch mitwirken, argwöhnte die Darmstädter Philosophin Petra Gehring. Und nicht nur sie. Hoppe stellte deshalb klar, dass die beruflichen Pflichten eines Arztes unteilbar seien. Gleichwohl wird der Satz zur ärztlichen Suizidbeihilfe weiterhin von vielen als Liberalisierung verstanden. Dabei spielt mit, dass manche diese Aussage mit einer berufsrechtlichen Norm verwechseln. Tatsächlich sind die „Grundsätze“ eine Orientierungshilfe für die ärztliche Praxis, eine wichtige allemal, aber kein Gesetz.

Die Berufsordnung enthält bisher kein ausdrückliches Verbot der ärztlichen Suizidbeihilfe. Der Vorstand der Bundesärztekammer will das, sicher auch unter dem Eindruck der jüngsten Diskussion, nun ändern. Er hat nach eingehender Beratung eine Formulierung beschlossen, die dem 114. Deutschen Ärztetag in Kiel vorgelegt wird. § 16 (Muster-)Berufsordnung soll künftig lauten: „Ärztinnen und Ärzte haben Sterbenden unter Wahrung ihrer Würde und unter Achtung ihres Willens beizustehen. Es ist ihnen verboten, Patienten auf deren Verlangen zu töten. Sie dürfen keine Hilfe zur Selbsttötung leisten.“ Das ist unmissverständlich. Wäre der Vorschlag früher gekommen, hätte sich die Bundesärztekammer manche Aufregung erspart. Jedenfalls dürfte die Neufassung von einer breiten Mehrheit in Kiel beschlossen werden. Dann wird das Berufsrecht bei der ärztlichen Suizidbeihilfe strenger sein als das Strafrecht, das die Beihilfe zur Selbsttötung nicht ahndet. So soll es sein: Nicht alles, was strafrechtlich erlaubt ist, muss für Ärzte zulässig sein.

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Dabei ließe es die neue Berufsordnung zu, dass im Ausnahmefall gegen einen Arzt nicht vorgegangen wird, der keine andere Möglichkeit gesehen hat, einen Patienten von unerträglichen Schmerzen zu befreien, als ihm dabei zu helfen, aus dem Leben zu scheiden. Darin besteht große Übereinstimmung. In dem Zusammenhang ist wichtig, was erfahrene Palliativmediziner wie Prof. Dr. med. Georg Maschmeyer (Berlin) berichten: Ärzte werden nicht von Sterbenden mit der Frage einer Hilfe beim Suizid konfrontiert. Diese haben dazu nicht mehr die Kraft, manche wünschen sich, dass ihr Arzt sie direkt erlöst von ihrem Leiden. Diesem Wunsch darf der Arzt nicht entsprechen. Er kann allerdings, so steht es in den „Grundsätzen“, bei Sterbenden die Linderung des Leidens so in den Vordergrund stellen, „dass eine möglicherweise dadurch bedingte unvermeidbare Lebensverkürzung hingenommen werden darf“.

Heinz Stüwe
Chefredakteur

Über all dies gibt es keinen wirklichen Streit. Und doch sind Unterschiede im Grundsätzlichen deutlich geworden. Suizidbeihilfe widerspreche dem ärztlichen Ethos, hieß es bisher in den „Grundsätzen“. Dieser Hinweis ist in der Neufassung weggefallen. Weil man Ärzte mit anderer Einstellung nicht mit der moralischen Keule bedrohen solle, lautet eine Begründung. Sie ist zu hinterfragen. Sicher gibt es in einer pluralistischen Gesellschaft unterschiedliche ethische Vorstellungen. Und tatsächlich ist der Begriff des ärztlichen Ethos immer wieder missbraucht worden. Aber macht ihn das überflüssig? Ein Kernelement des ärztlichen Ethos findet man in der alten wie der neuen Berufsordnung: „Ärzte dürfen weder ihr eigenes noch das Interesse Dritter über das Wohl des Patienten stellen.“

Heinz Stüwe
Chefredakteur

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