THEMEN DER ZEIT: Blick ins Ausland
Psychologische Auswertung: Traumatisierung kurdischer Kinder durch Krieg
Dtsch Arztebl 1998; 95(1-2): A-28 / B-24 / C-26


it Giftgasbomben verwandelte Saddam Hussein im März 1988 innerhalb von Minuten die blühende
nordostirakische Stadt Halabja in ein Totenlager. Allein in der Stadt starben zirka 5 000 Menschen. Insgesamt
forderte der Angriff 20 000 Todesopfer. Viele litten danach noch jahrelang an den Verletzungen, oft mit
Todesfolge. Kinder, die den Angriff in Halabja miterlebt hatten, malten 1990 in einem Flüchtlingslager auf
Anregung eines Lehrers die folgenden Bilder. Sie waren zu der Zeit zwischen sechs und 14 Jahre alt. Die Bilder
sind in ihrer Aussagekraft so stark, daß sie für sich selbst sprechen. Die Erklärungen sind nur dazu da, auch
psychologisch zu fassen, was emotional eindeutig zu spüren ist. Im Vordergrund steht die psychologische Sicht
der Problematik. Politische, wirtschaftliche und strategische Gesichtspunkte der kurdischen Frage werden
bewußt außer acht gelassen.
Bilder sprechen Bände
Die Bilder und die psychologische Literatur lassen grundsätzliche Schlußfolgerungen über die Traumatisierung
durch Gewalt, Krieg und Vertreibung zu. Allgemeine Folgen sind eine Vernichtung der Werte und der sozialen
Ordnung, Entwurzelung, Heimatlosigkeit, Verarmung, verlorene Kindheit und Jugend, verlorene Schuljahre,
Invalidität, der Verlust der Eltern. Direkte, individuelle Folgen der Erfahrung von überwältigender Gewalt
(abhängig davon, wie lange man ihr unter welchen Umständen ausgesetzt war) sind:
1 ein Gefühl der Entfremdung und Nichtzugehörigkeit, da die Erfahrungen des Traumatisierten außerhalb der
gesellschaftlichen Normen liegen. Alles wird als unecht erlebt. Meist ist keine verbal zusammenhängende
Erzählung des traumatischen Geschehens möglich.
1 Gefühle von Geborgenheit und Vertrauen sowie der Glaube an eine sinnvolle Schöpfung sind zerstört.
1 Die Traumatisierten fühlen eine überwältigende Ohnmacht.
1 Dies führt zu vermehrter Aggressivität beziehungsweise Depressivität, Mißtrauen und Gefühlslabilität.
Geborgenheit ist oft nur mehr im Tod vorstellbar (Selbstmordversuche oder "Sich in den Kampf stürzen").
1 Verletzung des Selbstwertes durch Verletzung der körperlichen Integrität, der Würde und der Scham.
1 Gleichgültigkeit und Passivität, Angst vor Emotionen und Konflikten.
1 Rückzug aus zwischenmenschlichen Beziehungen.
1 Schuldgefühle gegenüber den Toten und Verletzten.
1 Psychosomatische Symptome wegen chronischer Übererregung und erhöhter Wachsamkeit, die sich
beispielsweise dadurch äußern, daß der Traumatisierte mit dem Rücken zur Wand sitzen, Tür und Fenster im
Auge behalten muß.
Der Tod scheint sinnvoller als das Leben, da man nichts mehr zu verlieren hat. Das Verdrängte führt zu
Gefühlslabilität. Ein Mißachteter muß wieder lernen, so viel Achtung für sich selbst aufzubringen, daß er
versucht, sich zu verstehen und zu artikulieren, sonst drohen eruptive Ausbrüche.
Danken möchte ich Dr. Gisela Schmeer und Sabine Stellmann für ihre Hilfe bei der Auswertung der Bilder.
Spenden an: Kurdischer Roter Halbmond, Konto: 186 098, BLZ: 574 514 10, Stadtsparkasse Linz/R.
Anschrift der Verfasserin
Dr. med. Nesmil Ghassemlou
Süddeutsche Akademie
für Psychotherapie
Herbisried 10 a
87730 Grönenbach
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