Wie jeder Arzt bestätigen kann, werden in der Medizin zuweilen uralte Gewissheiten über den Haufen geworfen – was gestern galt, gilt heute nicht mehr! Warum nicht auch im Schach?! Über einen solchen Casus, der mich selbst betrifft, möchte ich hier berichten.
Da war ich jahrzehntelang im Glauben gewesen, vor mittlerweile 43 Jahren schön verloren zu haben, bis mir eine Mitteilung von Dr. med. Gerd Entrup die Augen öffnete, dass ich stattdessen schön remisieren hätte können. Der Kollege schreibt: „Zuletzt habe ich zahlreiche Ärzteblätter sortiert (nicht etwa aussortiert! – offenbar sind also die Deutschen Ärzteblätter der Bewahrung wert) und hierbei auch viele Ihrer Schachrubriken (wieder) gelesen.“ Dabei nimmt Dr. Entrup auch zum DÄ, Heft 4/2007 Stellung, in dem ich zeigte, wie Paul Keres mich beim Turnier zum 100-jährigen Jubiläum des Bamberger Schachklubs im Jahre 1968 besiegte.
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Meine Frage damals lautete: Mit welchem Schlag kam Keres als Schwarzer in den entscheidenden Vorteil? Um dies in der Lösung folgendermaßen zu beantworten: Nach dem Qualitätsopfer 1. . . . Txc5! war ich in jedem Fall verloren: 2. Dxf7+ Kh6 3. Dh7+ Kg5 ist aussichtslos, 2. Txf7+ Kh6 3. Dxc5 führt gar zum Matt durch 3. . . . Dd1. Ich schluckte deshalb mit 2. Dxc5 noch die Henkersmahlzeit, musste aber nach 2. . . . Dd1+ 3. Te1 Dd3+ 4. Te2 (4. Kg1 Sf3+) Dh3+! 5. Ke1 Sf3+ aufgeben, weil 6.Kd1 Df1+ den Turm verliert.
Grundsätzlich stimm(t)en diese Anmerkungen, aber wie Dr. Entrup mit Hilfe des Schachprogramms „Fritz“ nachwies, hätte ich nach 2. Txf7+ überraschend doch ein Remis erreichen können.
Es war die einzige noch laufende Partie der letzten Runde. War ich in Ehrfurcht erstarrt vor dem Turniersieger (unter anderem vor dem damaligen Weltmeister Tigran Petrosjan), dem „ewigen Zweiten“ (weil er immer knapp am WM-Titel scheiterte), dem großen Paul Keres, der als Zeichen der außergewöhnlichen Wertschätzung in seiner Heimat Estland bis zur Einführung des Euro in diesem Jahr mit seinem Konterfei auf dem 5-Eesti-Geldschein prangte? So wie bei anderen Gelegenheiten die Weltmeister Garry Kasparow gegen die Computer „Deep Thought“ beziehungsweise Wladimir Kramnik gegen „Fritz“ jeweils in Remisstellung aufgegeben hatten, weil sie dem Computer „blind“ glaubten? Ganz sicher hatte ich mich nach dem überraschenden Schlag 1. . . . Txc5 verloren gewähnt und innerlich selbst schon aufgegeben. Und dachte in diesem Augenblick überhaupt nicht an einen scherzhaften Rat des perfekt Deutsch sprechenden Keres selbst: „Man gibt nur Pakete auf, keine Schachpartien!“
Wie hätte ich nach 2. Txf7+ ein Remis erreichen können?
Lösung:
Bei 2. Txf7+kann der schwarze König sowohl nach 2. . . . Kh6 3. Th7+! Kxh7 4. Df7+als auch nach 2. . . . Kg8 3. Tf8+! Kxf8 4. Dxc5+ Kf7 5. Dc7+ Ke8 6. De5+ dem ewigen Schach nicht entrinnen – ich hätte also in jedem Fall noch meinen Turm opfern müssen.
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