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MEDIZIN: Diskussion

Das integrierte Therapiekonzept des atopischen Ekzems Implementierung ganzheitlicher und naturheilkundlicher Prinzipien: Ergänzungen nötig

Dtsch Arztebl 1998; 95(3): A-101 / B-85 / C-83

Hartmann, Albert A.

Zu dem Beitrag von Prof. Dr. med. Thomas Ruzicka, Prof. Dr. med. Brunello Wüthrich in Heft 27/1997

Die unter Einsatz rationaler Therapiekonzepte erzielbaren hervorragenden Therapieergebnisse beim atopischen Ekzem (Synonym: Neurodermitis constitutionalis) lassen den Autoren den Einsatz "alternativer" Therapieverfahren bestenfalls als entbehrlich, wenn nicht durch die Vorenthaltung wirksamer Behandlungen als schädlich erscheinen. Aus der täglichen Praxis kann ich die kritischen Anmerkungen zur Kortisonphobie, zu den verschiedenen strengen Diät-Schemata, zur unkontrollierten UV-Therapie und Balneo-Phototherapie und zu "alternativen Heilmethoden" nur bestätigen. Ergänzend möchte ich zu einigen Punkten Stellung nehmen:
Allergen-Karenz versus Diät
Auf die Einhaltung der scharfen begrifflichen Trennung zwischen Allergen-Karenz und Diät muß streng geachtet werden, gerade bei der Komplexität dieses Themas beim Atopiker (Neurodermitiker). Die Allergen-Karenz ist hochspezifisch und kann von Atopiker zu Atopiker komplett unterschiedlich sein, je nach individueller Sensibilisierung gegen verschiedene Antigene. Die Diät hingegen stellt eine generelle Ernährungs-Empfehlung für alle Atopiker dar, die es in der geforderten Form derzeit noch nicht gibt.
Allergen-Karenz: Die von den Autoren und auch von uns (1) vertretene strenge Bindung der Verordnung von "Diät"-Schemata, gleich welcher Art, bei Atopikern (Neurodermitikern) an die durch alternierende, enterale, spezifische Allergen-Karenz und spezifische Allergen-Exposition (oraler/enteraler Provokations-Test) nachgewiesene klinische Relevanz eines oder mehrerer Nahrungsmittel-Allergene in Bezug auf die Exazerbation des atopischen Ekzems, gilt derzeit nach wie vor. Aber auch bei Karenz des nachgewiesenen, klinischrelevanten Nahrungsmittel-Allergens können, wie die Autoren betonen, Mangelernährung auftreten und/oder accidentell schwere Schübe des atopischen Ekzems ausgelöst werden, da "versteckte" Allergene wie HühnerEiweiß, Nüsse und anderes unbeabsichtigt aufgrund mangelhafter Deklarierungspflicht der NahrungsmittelInhaltsstoffe, zum Beispiel bei "verfeinerten" Lebensmitteln, zugeführt wurden.
Diätetische Ernährung von Atopikern - Neue Perspektiven: Die Nahrungsmittel-Industrie ist aufgerufen, ähnlich dem Diät-Konzept der auf dem Markt befindlichen umfassenden Palette von Nahrungsmitteln für Diabetiker auch Nahrungsmittel für Atopiker (Neurodermitiker) zu entwickeln und in den Handel zu bringen, die frei sind von häufig nachgewiesenen Nahrungsmittel-Allergenen und -Kreuzallergenen. Bei geschätzten etwa 10 Prozent aller Westeuropäer, die an atopischem Ekzem oder Lebensmittel-Allergie leiden, ist ein entsprechender Bedarf und das Klientel vorhanden. Aus medizinischer Sicht eröffnen sich nach Einführung einer derartigen Nahrungsmittel-Palette neue Perspektiven für den Atopiker selbst, für die stillende Mutter eines Atopie-Risiko-Säuglings und auch für Nahrungsmittel-Allergiker mit rein enteraler und/oder allgemeiner klinischer Symptomatik. Für den Atopiker wäre durch Darmberuhigung, Erhalt oder Wiederherstellung der physiologischen Darmflora, als protektiver Faktor und über die proteolytische Aktivität der bakteriellen Flora erreichbar, die Gefahr des Übertritts höhermolekularer allergenpotenter Substanzen in Lymphe und Blutbahn zu vermindern. Substituiert werden könnten gleichzeitig Substanzen, wie Gamma-Linolensäure und andere, die den Delta-6-Desaturase-Mangel im Omega-6-Fettsäurezyklus ausgleichen und immunregulierend und entzündungsmediktor-hemmend wirken und bei regelmäßiger Anwendung zur Stabilisierung der Epidermis beim Atopiker beitragen können. Durch diese hypoallergene und substituierende Grundnahrungs-Palette könnten somit Schübe des atopischen Ekzems durch Nahrungsmittel-Bestandteile nachhaltig reduziert, die Therapie des Arztes sinnvoll unterstützt und Rezidivprophylaxe betrieben werden.
Für die stillende Mutter eines Atopie-Risiko-Säuglings wäre gewährleistet, daß sie eine von bekannt über die Muttermilch übertragbaren Allergenen, wie Hühnereiweiß und andere, freie und vollwertige Ernährung während der sechsmonatigen Stillperiode erhält. Hierdurch könnte der durch Stillen nachgewiesene günstigere weitere Verlauf der Atopie (Neurodermitis) noch günstiger beeinflußt werden.
Für den Nahrungsmittel-Allergiker stünde erstmals eine kommerzielle, standardisierte, hypoallergene, substituierende, vollwertige Grundnahrungsmittel-Palette zur Verfügung, welche zur Darmberuhigung und Darmsanierung beitragen könnte. Diese standardisierte, hypoallergene, vollwertige Nahrungsmittel-Palette könnte als strikt allergenfreie Ernährung eine Basis für eine einwandfreie enterale Allergie-Diagnostik darstellen. Sie könnte darüber hinaus die Basis darstellen für Erprobung und Evaluierung einer effektiven, gezielten enteralen Immuntherapie, einer enteralen Hypo- und Desensibilisierungsbehandlung für NahrungsmittelAllergiker und auch für Atopiker (Neurodermitiker) mit atopischem Ekzem.
Bei kommerzieller Realisierung dieser Grundnahrungs-Palette für Neurodermitiker wäre eine sinnvolle Kombination zwischen Allergen-Karenz und diätetischer vollwertiger Ernährung von Neurodermitikern möglich.
Staphylococcus aureusAntigene - Trigger des atopischen Ekzems
Auf einen weiteren für das atopische Ekzem wichtigen Punkt sei hingewiesen. Seit langem ist Dermatologen der positive Effekt antimikrobieller Substanzen auf der Haut auf die klinische Abheilung auch des nichtimpetiginisierten atopischen Ekzems bekannt, ebenso die längere klinische Erscheinungsfreiheit bei Zusatz antimikrobieller Substanzen in Salben. Jüngst hat dies eine mögliche wissenschaftliche Erklärung erhalten. So wurden von Staphylococcus aureus zwei Antigene identifiziert (NP-tase und p70), die Schübe des atopischen Ekzems triggern können (3). Die Rolle von Superantigenen wie Enterotoxin B aus S. aureus und andere für die chronische Entzündung der Haut beim atopischen Ekzem wird zur Zeit neu diskutiert (4). Diese regen sowohl die IgE-Synthese als auch die Produktion von Zytokinen wie Interleukin 4 und 5 an. Hierbei genügen wahrscheinlich schon geringe Mengen von S. aureus, wie sie bei Kontamination als temporäre oder als temporär
residente Hautflora nachgewiesen werden können. Die Notwendigkeit der kombinierten antimikrobiell-antiphlogistischen Lokaltherapie des atopischen Ekzems, auch ohne klinische Zeichen einer Pyodermie, erscheint demnach mehr als gerechtfertigt. Hier sind Ärzte und Apotheker aufgerufen umzudenken. Dabei wären vorrangig die vertikale Penetration des antimikrobiellen Mittels in die Haut (2) und die auf der Haut erheblich höher als im Serum erreichbaren Spiegel antimikrobieller Substanzen zu berücksichtigen.
"Trockene" Haut des Atopikers -"Präventive Therapie"
Die "trockene", juckende Haut des Atopikers ist ein äußeres Zeichen gestörter funktioneller Hauteigenschaften und gestörter Hautstoffwechselfaktoren. Sie führt zum Aufkratzen und begünstigt die Besiedelung der Haut durch S. aurens, mit einer möglichen für das atopische Ekzem triggernden Funktion (3). Zugrunde liegt unter anderem ein Mangel an essentiellen, in der Haut nicht synthetisierbarer Fettsäuren, wie Linolsäure und ihr Metabolit: Gamma-Linolensäure. Diese spielen durch ihren Einbau in das wichtige Ceramid I eine unverzichtbare Rolle für die Lipidbarriere der Haut. Ohne diese wird die Haut schuppig und rissig. Da die Lipidbarriere gleichzeitig als eine Permeabilitätsbarriere fungiert, steigt zusätzlich der transepidermale Wasserverlust. In der Folge können schädigende und allergene Substanzen tiefer in die Haut eindringen. Eine konsequente, adäquat substituierende Haut-Pflege - "Präventive Therapie" - bei Atopikern (5), gegebenenfalls in Verbindung mit peroral-enteraler Substitution der Mangelzustände der Haut und allergenarmer, vollwertiger Ernährung, kann Schübe des atopischen Ekzems verhindern helfen und einen juckreizfreien, klinisch gesunden Hautzustand weitestgehend aufrechterhalten.
Literatur
1. Burg G, Elsner P, Hartmann AA: Der Ekzempatient in der Praxis. Berlin, New York: De Gruyter, 1990.


2. Hartmann AA: The influence of various factors on the human resident skin flora. Seminars in Dermatology 1990; Vol. 9: 305-308.
3. Jahreis A, Beckheinrich P, Yousif Y, Peter HH, Haustein UF: Zwei neue kationische Staphylokokken Proteine induzieren eine erhöhte IL-4 Synthese und eine reduzierte -g-IFN Sekretion in peripheren mononucleären Zellen (PBMC) von Patienten mit Neurodermitis im Vergleich zu gesunden Kontrollen. Hautarzt 1997; 48 (Suppl 1): 74.
4. Kapp A: Provokationsfaktoren der Neurodermitis, atopischen Dermatitis. Hautarzt 1997; 48 (Suppl 1): 21.
5. Przybilla B: Therapie des atopischen Ekzems. Hautarzt 1997; 48 (Suppl 1): 21.


Prof. Dr. med. habil. Albert A. Hartmann
Dermatologe, Allergologe
Komphausbadstraße 7
52062 Aachen



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