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VARIA: Feuilleton

Werkschau Sigmar Polke in Berlin: Höhere Wesen im Hamburger Bahnhof

Dtsch Arztebl 1998; 95(3): A-108 / B-90 / C-82

Vollmer, Gerlind

Erbsen fliegen durch die Luft, ein Mann hält sich Untertassen an die Ohren und schabt von Streichhölzern die Kuppen ab. Dazu der Künstler: "Ich stand vor der Leinwand und wollte einen Blumenstrauß malen. Da erhielt ich von höheren Wesen den Befehl: Keinen Blumenstrauß! Flamingos malen! Erst wollte ich weitermalen, doch dann wußte ich, daß sie es ernst meinten." Staksende bunte Flamingos sind das Ergebnis und Teil des mit "Vitrinestück" betitelten Werks von 1966.
Im "Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart" in Berlin ist noch bis zum 15. Februar eine umfassende Werkschau des Malers Sigmar Polke zu sehen. Werke aus drei Jahrzehnten geben ein facettenreiches Bild des vielseitigen Künstlers. Neben vereinzelten Objekten, so eine Kartoffel, die auf Knopfdruck eine andere umkreist, liegt der Schwerpunkt auf der Malerei. Eine durchgängige Linie, ein eindeutiger Stil läßt sich bei Polke nicht feststellen. Ihn beherrscht das schon fast zur Sucht geartete Bedürfnis, ständig Neues auszuprobieren. Da sind die frühen Bilder aus den sechziger Jahren, in denen sich Polke mit der Pop-art auseinandersetzt. Er rastert Zeitungsfotos grob auf, verfremdet ihren Inhalt. Als Material und Malgrund verwendet er mit Vorliebe bedruckte Stoffe oder auch mal einen Flokati.
Da sind wenig später die witzigen Objekte aus der Fluxus-Zeit: Arbeiten mit Fotos und Assoziationen. Polke stellt die eigene Person in den Mittelpunkt seines Schaffens. Er verbindet auf einem großen blauen Sterntuch die Himmelskörper mit schwachen Strichen so, daß am Firmament der Namenszug S. Polke erscheint, oder er stellt 1968 "Polkes Peitsche" her, ein Stock, an dem mit Paketschnüren Fotomaton-Porträts Polkes mit unterschiedlichen Grimassen befestigt sind.
Ab den späten siebziger Jahren nimmt der Künstler politische Themen auf. Daneben wendet er sein Interesse den Klassikern zu. Besonders ein Bild des Spaniers Goya hat es Polke angetan: "Die Alten." Das Werk bearbeitet er immer wieder, benutzt es als Anregung für seine düsteren, amorphen Rußkreationen auf Glas oder präsentiert es als eine in 15 Teile zerfallene Assemblage von Röntgenaufnahmen. Die Hintergründe des Meisterwerks werden sichtbar und von Polke neu interpretiert.
Ein Rundgang durch die Ausstellung gleicht dem lustvollen Verspeisen einer Enzyklopädie. Unzählige Themen werden angeschnitten, Unverdautes bleibt im Hals stecken. Gerlind Vollmer
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