POLITIK: Aktuell
Entwicklung der Pflegeversicherung: Beitragssatz bleibt - und der Leistungsumfang auch
Dtsch Arztebl 1998; 95(3): A-70 / B-62 / C-62


Die Pflegeversicherung arbeitet einem ersten Bericht zufolge erfolgreich und steht auf sicherem
finanziellen Fundament.
Die Pflegeversicherung hat sich auf die Versorgung der Pflegebedürftigen und ihrer Angehörigen sowie auf die
Versorgungsstrukturen positiv ausgewirkt. Zur Zeit kommen aber weder ein niedrigerer Beitragssatz noch
kostenintensive verbesserte Leistungen in Betracht. Das sind wichtige Ergebnisse des Berichts über die
Entwicklung der Pflegeversicherung, den Bundesarbeitsminister Norbert Blüm (CDU) Ende Dezember 1997
vorlegte. Damit wurde erstmals der gesetzliche Auftrag erfüllt, alle drei Jahre über diesen Versicherungszweig
zu berichten.
Rund 1,7 Millionen Pflegebedürftigen wird inzwischen geholfen. Knapp drei Viertel erhalten im Rahmen der
häuslichen Pflege Pflegegeld (bis zu 1 300 DM pro Monat) oder Sachleistungen (bis zu einem Wert von 3 750
DM monatlich). Etwa ein Viertel erhält Geld, um die Pflege im Heim zu finanzieren (monatlich 2 000 bis 3 300
DM). Dazu kommt die Absicherung ehrenamtlich pflegender Angehöriger in der Rentenversicherung. Hierfür
wurden 1997 rund zwei Milliarden DM aufgewendet. Insgesamt wurden von 1995 bis Mitte 1997 rund 45
Milliarden DM von der Pflegeversicherung ausgegeben.
Polster für die Zukunft
Sie steht derzeit auf sicherem finanziellen Fundament. Die Rücklagen beliefen sich Ende 1997 auf
8,9 Milliarden DM. Die vorgesehene Mindestreserve beträgt vier Milliarden DM. Das hat zu Forderungen
geführt, den Beitragssatz zu senken. Im Pflegebericht werden die Polster jedoch mit Hinweis auf steigende
Kosten verteidigt: Im ambulanten Bereich wählen immer mehr Pflegebedürftige statt des Pflegegeldes die
teureren Sachleistungen. Aufgrund der demographischen Entwicklung geht man auch davon aus, daß es künftig
mehr Pflegebedürftige geben wird, die zudem öfter Anspruch auf maximale Leistung haben werden.
Ein Argument für die Einführung der Pflegeversicherung war seinerzeit, die Abhängigkeit pflegebedürftiger
Menschen von der Sozialhilfe zu beenden. Das ist dem Bericht zufolge weitgehend gelungen. Die Träger der
Sozialhilfe wurden 1997 schätzungsweise um rund zehn Milliarden DM entlastet. In der ambulanten Pflege sei
"der weit überwiegende Teil" der Pflegebedürftigen nicht mehr von Sozialhilfe abhängig. Im stationären Bereich
fällt die Einschätzung schwerer. Vor Einführung der Pflegeversicherung waren rund 80 Prozent der
Heimbewohner Sozialhilfeempfänger. Aktuellere Daten gibt es noch nicht. Verfügbare Angaben über die
Ausgaben im Bereich der Hilfe zur Pflege beziehen sich auf 1996, wobei die
2. Stufe der Pflegeversicherung erst zum 1. Juli in Kraft trat. Im Bundesarbeitsministerium geht man jedoch
davon aus, daß auch im stationären Bereich deutlich weniger Menschen auf Sozialhilfe angewiesen sind.
Als positiv wird auch gewertet, daß sich die "Pflegeinfrastruktur" verbessert hat. Damit ist gemeint, daß mehr
bedarfsgerechte Angebote wie ambulante Dienste oder Tages- und Kurzzeitpflegeplätze vorhanden sind. 1996
arbeiteten im Vergleich zu 1993 rund 75 000 Männer und Frauen mehr als festangestellte Vollzeitkräfte in
stationären und ambulanten Einrichtungen. Sabine Rieser
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