Der Raum Oldenburg soll zu einem medizinischen Versorgungsnetzwerk ausgebaut werden.
Die Gesundheitswirtschaft und E-Health im Besonderen stehen weit oben auf der Agenda des Landes Niedersachsen: Circa 385 000 Menschen arbeiten in der Gesundheitsbranche, vor allem in kleineren und mittelständischen Unternehmen, und erzielen derzeit eine Bruttowertschöpfung von etwa 14 Milliarden Euro jährlich. Das betonte Dr. Oliver Liersch, Staatssekretär im Niedersächsischen Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr, bei der 4. regionalen Veranstaltung des Ministeriums, die im Rahmen der E-Health-Initiative des Landes stattfand. Die zunehmende Nachfrage nach Gesundheitsleistungen aufgrund des demografischen Wandels kann nach Expertenschätzungen bis zum Jahr 2040 bundesweit circa eine Million zusätzliche Arbeitsplätze schaffen – das würde für Niedersachsen 100 000 neue Arbeitsplätze bedeuten, rechnete Liersch vor. Vor diesem Hintergrund will das Wirtschaftsministerium diesen Markt weiter ausbauen und vernetzen.
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Nach Braunschweig, Hannover und Osnabrück traf man sich jetzt in Oldenburg. Die Stadt soll sich zum medizinischen Versorgungsnetzwerk des Nordwestens entwickeln. Dafür werde „richtig Geld in die Hand genommen, um die Medizin aufzuwerten“, verkündete der Bürgermeister, Prof. Dr. Gerd Schwandner. Nicht nur hätten die drei Krankenhäuser der Stadt erhebliche Summen in die Modernisierung ihrer Infrastruktur gesteckt – allein das Klinikum wende dafür durchschnittlich etwa zehn Millionen Euro jährlich auf.
Auch die European Medical School (EMS) soll zur Aufwertung der Region beitragen. Dabei handele es sich um die „erste Neugründung einer Universitätsmedizin seit über 20 Jahren in Deutschland“, hob Prof. Dr. Gunilla Budde, die Vizepräsidentin der Universität Oldenburg, hervor. Sie verankere eine bislang fehlende akademisch ausgerichtete Medizin in der Region und werde im Wintersemester 2012/13 mit zunächst etwa 40 Studierenden starten. Als länderübergreifende Kooperation mit der niederländischen Universität Groningen habe die EMS bundes- und auch europaweit Modellcharakter (siehe DÄ, Heft 47/2010). Inhaltliche Schwerpunkte sollen die Neurosensorik und die Versorgungsforschung unter starker Einbeziehung der Allgemeinmedizin werden.
Geriatrie-Datenbank
Auf die wachsende Bedeutung von E-Health für die Krankenhäuser ging Rudolf Mintrop, Geschäftsführer des Klinikums Oldenburg, am Beispiel der vernetzten Versorgung geriatrischer Patienten ein: Ende 2010 wurde das Projekt Geriatrisches Zentrum Oldenburg (GZO) gestartet, ein Netzwerk zwischen dem Klinikum, dem Evangelischen Krankenhaus und dem Rehazentrum Oldenburg. Im Endausbau soll das GZO je 25 Betten in den Akutkrankenhäusern und 30 Betten in der geriatrischen Rehabilitation umfassen. Die Kooperation zwischen den drei Häusern umfasst dabei vor allem die gemeinsame Weiterbildung der interdisziplinären Teams und das Erarbeiten der erforderlichen Dokumentation.
Im GZO würden geriatrische Patienten behandelt, die in der Regel eine ausgeprägte Multimorbidität aufwiesen und multifaktoriell behandelt werden müssten, erläuterte Mintrop. Dabei gehe es immer um die Frage der Selbstständigkeit. Ziel sei es, diese Patienten wieder alltagstauglich zu machen. Bereits bei der Aufnahme der Patienten werden viele Tests gemacht, um die individuellen Fähigkeiten ebenso wie vorhandene körperlich-geistige Defizite zu erkennen und die Patienten gezielt zu fördern. Für die befundbasierte Therapiezielplanung, die Dokumentation, die Leistungskodierung und die Abrechnung wurde eine geriatrische Datenbank (GERDA) implementiert, die als Erweiterung des Krankenhausinformationssystems (KIS) die relevanten Patientendaten aus dem KIS über eine Schnittstelle nutzt. „Der nächste Schritt ist jetzt die mobile Leistungserfassung für die Dokumentation per iGERDA, einer Pflege-App für Apple-Geräte“, berichtete Mintrop. Geplant sei außerdem ein Kommunikationsportal für das Geriatrie-Netzwerk, über das systemunabhängig vom jeweiligen KIS oder Praxisverwaltungssystem Daten, wie etwa der Entlassbrief, an weiterbehandelnde Ärzte oder mittelfristig auch zur Falldiskussion übermittelt werden könnten.
Eine große Herausforderung ist darüber hinaus die Notfallversorgung älterer Menschen, vor allem in einem dünn besiedelten Flächenland. Mögliche Lösungen bieten nach Meinung von Wilfried Barysch, Regionalvorstand der Johanniter-Unfallhilfe, in die Umgebung integrierte Assistenzsysteme (AAL = ambient assisted living). Geriatrische Notfälle sind Barysch zufolge häufig vorhersehbare multifaktoriell bedingte Ereignisse, ausgelöst beispielsweise durch Multimorbidität, abnehmende Beweglichkeit und Risikofaktoren wie unerwünschte Arzneimittelwirkungen. AAL-Technologien können über den klassischen Hausnotruf hinaus hilfreich sein, indem etwa Vitaldatenübermittlung, GPS-Ortung oder Audio-Video-Kommunikation zusätzlich für ein Monitoring des Gesundheitszustands genutzt werden. Ein weiteres Beispiel ist die Sturzprophylaxe durch sensorbasierte Assistenzsysteme im Wohnumfeld oder körpernahe Sensoren. Auch die Schlaganfall-Rehabilitation lässt sich per Telemedizin nahtlos zu Hause fortführen, indem ein interaktives Training über das Fernsehgerät mit motorischen und sensorischen Übungen begleitet wird. Ambiente, unaufdringliche Sensorik ermöglicht auch hierbei die Gesundheitsdatenüberwachung.
Blick in das
IDEAAL-Labor, das
zur technischen Integration
von AALTechnologien
in einem
voll funktionstüchtigen
häuslichen
Umfeld genutzt
wird. Es wird auch
für Studien zur
technischen Machbarkeit
und Bedienbarkeit
genutzt.
Foto: OFFIS
Viele dieser AAL-Systeme werden derzeit erforscht, unter anderem auch von OFFIS – dem Oldenburger Forschungs- und Entwicklungsinstitut für Informatik, das mit der IDEAAL-Wohnung ein eigenes Labor für Assistenzsysteme aufgebaut hat. Dort wird zum Beispiel untersucht, ob sich durch AAL die Versorgungssituation zu Hause erfassen lässt, etwa durch Intentions- oder Aktivitätserkennung, um eine situations- und bedarfgerechte Bereitstellung von Hilfs- und Pflegediensten zu ermöglichen.
Eine noch „sehr prototypische Entwicklung“ für die palliative Versorgung in der häuslichen Umgebung präsentierte Steffen Simon vom Institut für Palliative Care in Oldenburg. Das 2007 gegründete Forschungsinstitut widmet sich der Verbesserung der medizinischen Behandlung und psychosozialen Begleitung von unheilbar erkrankten Menschen.
Häusliche Palliativversorgung
In dem seit 2009 vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Verbundprojekt PAALiativ geht es um den Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnologien zur Unterstützung der häuslichen Versorgung von Menschen in ihrem letzten Lebensjahr. Zielgruppe sind Patienten mit einem Lungenkarzinom und Patienten mit einer chronisch-obstruktiven Lungenerkrankung. Ein wesentliches Ziel sei es, Krisen, wie komplexe Schmerzzustände oder auftretende Luftnot, die häufig zu Krankenhauseinweisungen führten, möglichst zu vermeiden oder aber sie frühzeitig zu erkennen und zu meistern, erläuterte Simon. Auch gehe es darum, die Kommunikation zwischen den Akteuren zu fördern, die Sicherheit zu Hause zu erhöhen und die soziale Integration zu unterstützen.
Kommunikation unterstützen
Hierfür wurde in Zusammenarbeit mit OFFIS eine Hauskommunikationsplattform entwickelt, über die sämtliche beteiligte Akteure kommunizieren können. Sie umfasst eine persönliche elektronische Gesundheitsakte, in der durch Sensorik und Monitoring gewonnene Daten gespeichert werden und in die Patienten, Pflegekräfte und andere berechtigte Personen medizinisch-relevante Informationen eingeben können. Diese Plattform ist mit einer koordinierenden Krisenzentrale, in diesem Fall den Johannitern, verbunden, die rund um die Uhr besetzt ist und gegebenenfalls intervenieren kann. Erprobt und evaluiert werden Kriseninterventionspfade (was macht man ab welchem Zeitpunkt?) und abgestufte Alarmsysteme.
Ein Schwerpunkt des Projekts liegt nach Simon dabei auf dem nichtprofessionellen Versorgungsnetz, in das Angehörige, Freunde, Nachbarn und die Gemeinde einbezogen werden sollen. So befasst sich ein Unterprojekt mit den Erfahrungen und Bedürfnissen von Patienten mit fortgeschrittenem Krankheitsverlauf und deren Angehörigen bei Krisen. Ebenso geht es um die Schnittstelle von Mensch und Technik: Letztere muss niedrigschwellig und flexibel in das Lebensumfeld der Betroffenen integriert werden und datenschutzrechtlichen Anforderungen genügen.
Heike E. Krüger-Brand
Hintergrund und Links
eHealth.Niedersachsen
ist eine Initiative des Niedersächsischen Ministeriums für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr zur Erschließung des wirtschaftlichen Potenzials von E-Health im Rahmen der Gesundheitswirtschaft für mittelständische Unternehmen. Mit der Umsetzung wurde Nordmedia – Die Mediengesellschaft Niedersachsen/Bremen mbH beauftragt (www.nordmedia.de/content/content/digita le_medien/ehealth_niedersachsen/artikelliste.html).
Der Beirat der E-Health-Initiative hat außerdem einen informativen „Leitfaden zur Stärkung der Gesundheitswirtschaft in Niedersachsen“ entwickelt, abrufbar unter: www.nordmedia.de/scripts/getdata.php?DOWNLOAD=YES&id=25455.
Links
European Medical School Oldenburg-Groningen: www.uni-oldenburg.de/aktuell/38183.html
Oldenburger Institut für Informatik: www.offis.de
Projekt IDEAAL – Integrated Development Environment for AAL: http://ideaal.de
Projekt PAALiativ – Intelligente technische Unterstützungsmöglichkeiten in der häuslichen Versorgung für Menschen in ihrem letzten Lebensjahr: www.paaliativ.de
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