POLITIK

Bundesärztekammer: Wer wird neuer Präsident?

Dtsch Arztebl 2011; 108(21): A-1154 / B-956 / C-956

Hibbeler, Birgit

Der Deutsche Ärztetag in Kiel wählt den neuen Präsidenten der Bundesärztekammer. Fünf Kandidaten gehen ins Rennen.

Der Deutsche Ärztetag in Kiel ist eine Zäsur. Nach zwölf Jahren als Präsident der Bundesärztekammer (BÄK) tritt Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe (70) nicht mehr an. Wer wird nun in seine Fußstapfen treten? Fünf Kandidaten stellen sich auf dem Ärztetag zur Wahl. Seine Kandidatur angekündigt hat Dr. med. Frank Ulrich Montgomery. Er dürfte auch Ärztinnen und Ärzten gut bekannt sein, die mit Berufspolitik ansonsten nicht viel zu tun haben. Montgomery, damals Vorsitzender des Marburger Bundes (MB), war das Gesicht des Streiks der Klinikärzte 2005 und 2006. Ebenfalls zur Wahl stellen sich Dr. med. Günther Jonitz und Dr. med. Theodor Windhorst. Alle drei sitzen bereits im BÄK-Vorstand, denn sie sind Präsidenten einer Landesärztekammer. Weitere Gemeinsamkeiten: Ihre berufspolitische Heimat ist der MB, der einen Großteil der Delegierten stellt. So darf man gespannt sein, wer von ihnen das Rennen macht. Neben den drei Krankenhausärzten kandidieren zwei Niedergelassene: Dr. med. Gottfried von Knoblauch zu Hatzbach, Internist, und Martin Grauduszus, Allgemeinarzt. Es wird die Frage sein, ob es einem von ihnen gelingt, die Stimmen der niedergelassenen Delegierten zu bündeln. Grauduszus werden dabei nur geringe Chancen eingeräumt.

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Neu gewählt werden auch die beiden Vizepräsidenten. Ihre Kandidatur bestätigt haben bisher Dr. med. Max Kaplan (58), Allgemeinarzt, Pfaffenhausen, Präsident der Bayerischen Landesärztekammer, und Dr. med. Martina Wenker (52), Internistin und Klinikärztin, Präsidentin der Ärztekammer Niedersachsen. Denkbar ist aber auch, dass die Kandidaten, die keinen Erfolg bei der Präsidentenwahl hatten, im Anschluss daran für einen Vizeposten kandidieren.

Großes Interesse an weiteren Vorstandsposten

Neben dem Präsidenten und den Vizepräsidenten gibt es noch zwei Posten, die besetzt werden. Die Delegierten wählen zwei weitere Ärzte, die dem BÄK-Vorstand angehören – ebenfalls für vier Jahre. Wer sich zur Wahl stellen will, braucht mindestens zehn Delegierte, die die Kandidatur unterstützen – genau wie beim Präsidenten- und Vizepräsidentenamt. Erneut kandidieren wird der MB-Vorsitzende, Rudolf Henke (56). Doch es gibt auch neue Gesichter: Dr. med. Ellen Lundershausen (60), niedergelassene Hals-Nasen-Ohren-Ärztin und Vizepräsidentin der Landesärztekammer Thüringen, möchte in den BÄK-Vorstand. Ebenso Dr. med. Regine Rapp-Engels, (55), Präsidentin des Deutschen Ärztinnenbundes (DÄB). Zur Wahl stellen will sich auch die frühere DÄB-Präsidentin Dr. med. Astrid Bühren (58), Mitglied im Bundesvorstand des Hartmannbundes (HB). Sie bekommt allerdings Konkurrenz von ihrem Verbandskollegen Dr. med. Klaus Reinhardt (51), dem stellvertretenden HB-Vorsitzenden.

Wie die Chancen für die einzelnen Kandidaten stehen, ist schwer abschätzbar. Der NAV-Virchow-Bund unterstützt die Kandidaturen von Kaplan, Lundershausen und Henke. Zum Amt des BÄK-Präsidenten hat sich bisher kein Verband offiziell geäußert. Der MB hat erwartungsgemäß keine Erklärung abgegeben. Allein die Frühjahrstagung des Deutschen Hausärzteverbandes stellte sich auf die Seite von Jonitz, der Mitglied in der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin ist. Prof. Dr. med. Karsten Vilmar, Ehrenpräsident der BÄK, sprach sich für Montgomery aus.

Dr. med. Birgit Hibbeler

@Mehr zur Wahl und den Kandidaten: www.aerzteblatt.de/111154

3 Fragen an . . . die Kandidaten

1. Was zeichnet einen guten Präsidenten der Bundesärztekammer (BÄK) aus?

2. Wo sehen Sie die dringendsten Aufgaben der nächsten vier Jahre?

3. Wie gewinnt man mehr junge Ärztinnen und Ärzte für die Kammerarbeit?

Martin Grauduszus (52), Allgemeinarzt, niedergelassen in Erkrath, Präsident der Freien Ärzteschaft

1. Sowohl die Fähigkeit zur Koordinierung und zum Ausgleich innerhalb des Vorstands als auch die Kraft, den rechtlichen und politischen Spielraum der Bundesärztekammer voll auszuschöpfen. Den Interessen aller Ärztinnen und Ärzte verpflichtet tritt er gegenüber Politik, Krankenkassen und Konzernen entschieden, glaubhaft und überzeugend für die Würde und Freiheit des Arztberufs und deren Wiederaufbau ein.

2. Wir müssen wieder in Würde und Freiheit Arzt sein können und die ärztliche Tätigkeit in Praxis und Klinik so gestalten, dass sie – befreit von Bürokratiemonstern und Datenwahn – in organisatorischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen wieder Freude macht und fachliche wie persönliche Zufriedenheit und Zuversicht vermittelt. Nur so können wir Ärzteflucht und Ärztemangel stoppen und verhindern.

3. Indem man ihnen ihr originäres Recht auf eine umfassende, zuwendungsorientierte Weiterbildung nicht länger vorenthält. Dazu müssen die Weiterbilder in ihrem bürokratieüberfrachteten Tagesgeschäft umfänglich entlastet werden. Es ist auch ärztlicher Auftrag, Erfahrungen weiterzugeben. Wenn wir dies wieder ermöglichen, werden die solcherart Weitergebildeten den Wert der Kammerarbeit schätzen lernen.

Dr. med. Günther Jonitz (52), Chirurg, Präsident der Ärztekammer Berlin

1. Durchsetzungsfähigkeit, Überzeugungskraft und vor allem Standfestigkeit gegenüber der Politik; Glaubwürdigkeit, Aufrichtigkeit und strategische Klugheit, bezogen auf unsere ärztlichen Anliegen, und nicht zuletzt die Fähigkeit, in kritischen Situationen innerärztlich zu integrieren. Nur eine geschlossen auftretende Ärzteschaft kann ihre Ziele schlagkräftig nach außen vertreten.

2. Mit ärztlicher Souveränität und einem guten Maß an „heiterer Besessenheit“ werden wir uns einer Politik entgegenstellen, die uns für die Folgen ihres Tuns verantwortlich machen will. Vom Getriebenen zum Antreiber werden – das ist mein Ziel. Freiheit und Selbstbestimmung des Arztes ist die Grundbedingung für eine vertrauensvolle Beziehung zwischen Arzt und Patient.

3. Die Kammer muss klar Position für junge Ärztinnen und Ärzte beziehen und sie aktiv in die Gestaltung ihrer Zukunft einbinden. Weiterbildung und Fortbildung müssen aus dem Blick der jungen Generation mitgestaltet werden. Davon profitiert nicht nur der ärztliche Nachwuchs, sondern die Ärzteschaft insgesamt.

Dr. med. Gottfried von Knoblauch zu Hatzbach (63), Internist, niedergelassen in Marburg, Präsident der Landesärztekammer Hessen

1. Einer für alle! Er lässt Ärztinnen und Ärzte mit einer Stimme sprechen und setzt den Anspruch der Ärzteschaft auf Mitgestaltung der Gesundheitspolitik durch: Für ein leistungsstarkes Gesundheitswesen in Praxis und Krankenhaus in ärztlich-ethischer Verantwortung und gegen fehlgeleitete Ökonomisierung.

2. Engagement für Wertschätzung des Arztberufs. Ärztliche Leistung muss auch in Zukunft anerkannt werden. Verbesserung der beruflichen Rahmenbedingungen und gerechte Honorierung sind Voraussetzung; überarbeitete Gebührenordnung für Ärzte als „Leitwährung“ für ärztliche Vergütung! Positive Botschaften vermitteln und begeistern, statt den Arztberuf schlechtzureden: Der Nachwuchs geht dorthin, wo Arztsein Freude macht!

3. Durch sichtbare Erfolge unserer Arbeit. Junge Ärztinnen und Ärzte müssen die Kammer als ihr Instrument verstehen, um Einfluss auf die ambulante und stationäre Weiterbildung nehmen zu können. Eine umfassende Weiterbildung ist nur unter Mitwirkung der niedergelassenen Ärzteschaft möglich. Daher gilt es, die entsprechenden Voraussetzungen dafür zu schaffen.

Dr. med. Frank Ulrich Montgomery (58), Radiologe, Präsident der Ärztekammer Hamburg, Vizepräsident der Bundesärztekammer

1. Teamfähigkeit, Zukunftsorientiertheit, Fleiß und eine fundierte ethische Grundhaltung. Er muss die Landesärztekammern zusammenführen und gut in der Ärzteschaft vernetzt sein, um die Politik auf unsere Fragen und Lösungen vorzubereiten. Er muss einen Überblick über alle Gebiete der Medizin und der Sozialpolitik besitzen. Und er muss Teamplayer sein. Wer Kollegialität fordert, muss sie leben!

2. Die neue Gebührenordnung für Ärzte ist das drängendste Thema, das muss noch in dieser Legislatur vollendet werden. Wir müssen gemeinsam für eine weitere Verbesserung der materiellen Grundlagen ärztlicher Tätigkeit in Klinik und Praxis kämpfen – der Kampf der letzten Jahre war erst der Anfang. Und wir müssen den Arztmangel durch echte Anreize und Chancen beheben. Der Arztberuf muss wieder zukunftsfähig werden!

3. Durch Vorbild, Anreiz und Teamarbeit. Wir müssen die jungen Kollegen schon an der Uni abholen und uns ernsthaft auf ihre Ängste, Sorgen und Nöte einlassen. Wir müssen davon überzeugen, dass nur Engagement in der ärztlichen Selbstverwaltung Freiberuflichkeit und Therapiefreiheit bewahrt und vor staatlichem Dirigismus schützt. Wir müssen wieder lernen zuzuhören und dann auch echte Chancen zur Mitarbeit bieten!

Dr. med. Theodor Windhorst (60), Chirurg aus Bielefeld, Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe

1. Er muss sich mit klaren Worten entschieden und authentisch als Präsident aller Ärzte engagieren und die Kräfte sektorübergreifend bündeln, der Selbstverwaltung eine gewichtigere, unüberhörbare Stimme in der Politik verleihen, sich für Existenzsicherung, Berufsperspektiven und -zufriedenheit aller Ärzte einsetzen. Das erfordert nachhaltiges Einmischen – auch um einer besseren Patientenversorgung willen.

2. Besonders dringlich sind Förderung, Pflege und Systemintegration des Ärztenachwuchses, unmissverständliches Einfordern von planerischer und existenzieller Sicherheit, faire Honorierung durch eine neue Gebührenordnung für Ärzte unter Erhalt freier Arzt- und Therapiewahl. Einklang von Beruf, Familie und Freizeit muss primäres Ziel sein. Eine modulare Weiterbildungsordnung muss Leitschiene im Sinne einer Berufsausübungsordnung werden.

3. Wir müssen auf die jungen Ärztinnen und Ärzte schon in der universitären Ausbildung zugehen und zeigen, dass die Freiheit von politischer Fachaufsicht eine riesige Chance zur Gestaltung des eigenen Berufs ist. So wird eine selbstbestimmte Arbeits- und Lebensplanung möglich. Kammerarbeit muss intensiv die Nöte des Nachwuchses bei der Weiterbildung und der Integration am Arbeitsplatz angehen.

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