SCHLUSSPUNKT
Von Schräg unten: Parallelwelten
Dtsch Arztebl 2011; 108(21): [100] / [100] / [100]

Viel ist heute die Rede von Parallelgesellschaften, die in Parallelwelten leben. Die Aufruhr darüber ist groß, was ich aber gar nicht nachvollziehen kann. Denn solange ich im Dienst der Krankenversorgung tätig bin, gleicht mein Tagesablauf einem Pingpong in Parallelwelten.
6.40 Uhr: Ein scheußliches, graues, faltiges Gesicht guckt mich an. Es ist das Meinige, im Spiegel. Hinter diesen Augen mit der knittrigen Hornhaut vermute ich ein Gehirn. Es ist noch nicht aktiv. Weil völlig vernarbt von Abertausenden Anamnesen, Befunden, Diagnosen, p-Werten, relativen Risikoreduktionen. Dieses Gehirn sagt mir: Meine Speicherkapazitäten sind erschöpft, bald schalte ich mich ab. Ich beschließe, wenigstens den äußeren Schein zu wahren und mein Ansehen durch Rasieren zu steigern. Es scheitert. Denn dieses faltige Gesicht ist die Realität.
7.30 Uhr: Ich treffe in der Praxis ein und beschließe mit meinen Angestellten, dass dieser Tag nicht durch Hektik, sondern durch konzentriertes ruhiges Arbeiten gefüllt sein soll. Ausnahmsweise. Es wird nicht gelingen. Dies ist meine Parallelwelt des Selbstbetrugs.
7.38 Uhr: Ich stehe bereits voll im Dienst der Patienten. Zerknirscht erläutere ich, dass für die Vergabe eines Originalpräparats eine Zuzahlung zu leisten sei, mit Trauer in der Stimme muss ich mitteilen, dass ein höherer Grad der Behinderung nicht drin sei und im Fall des Widerspruchs der Gang zum Sozialgericht unumgänglich sei. Umgehend werde ich ausgiebig beschimpft, für mikroskopische Renten und schlechte Politik verantwortlich gemacht. Bin ich aber nicht. Ich habe all diese Sachen nicht erfunden und werde trotzdem dafür verantwortlich gemacht. Diese Parallelwelt nenne ich Surrogatbestrafung.
8.20 Uhr: Das Wartezimmer ist übervoll, ich arbeite auf 20 000 Umdrehungen. Die Minutenmedizin verlangt Entscheidungen im Sekundentakt. Die ersten Beschwerden laufen ein. Zu lange Wartezeiten! Terminvergabe erst in zwei Monaten! Da kann man schon längst tot sein! Das ist eine andere Parallelwelt, in der ich der Prügelknabe für die real existierenden Strukturen bin. Zum Trost rekapituliere ich, dass die ambulante fachärztliche Medizin bald nicht mehr existiert. Diese Kommentare begleiten mich schon mehr als 20 Jahre. 20 Jahre, die mein berufliches Scheitern prognostizieren. Das ist meine Parallelwelt des Scheintoten.
11.20 Uhr: Eine überaus attraktive und freundliche junge Dame sitzt vor mir und flötet etwas von klinischen Eckpunkten. Es ist die Pharmavertreterin. Sie gibt mir für einen Moment das Gefühl, selbstständig wichtige Entscheidungen treffen zu können. Mit dem Rezeptblock, zum Wohl der Patienten und nicht zuletzt der pharmazeutischen Industrie. Kann ich aber nicht, weil mein Medikamentenbudget erschöpft ist. Dies ist meine Welt der Scheinselbstständigkeit.
19.34 Uhr: Ich komme nach Hause, meine geliebte Ehefrau schimpft mit mir, weil es heute so lange gedauert hat. Ich würde fürchterlich aussehen, völlig abgerieben, sagt sie. Lange diskutieren wir, wie ich mein Arbeitspensum reduzieren könnte, um die berufliche Restlaufzeit zu überstehen. Da kommt mir eine brillante Idee: Ich sattle um. Verlasse die scheintote, scheinselbstständige ambulante Medizin. Und werde Fachberater für Parallelwelten.
Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.
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