POLITIK

Ethik auf dem Deutschen Ärztetag: Verbesserung der Lebensqualität

Dtsch Arztebl 2011; 108(21): A-1160 / B-960 / C-960

Klinkhammer, Gisela

Der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin, Friedemann Nauck, wird auf dem Deutschen Ärztetag Konzepte für eine bessere palliativmedizinische Versorgung vorstellen. Auch mit dem Thema PID werden sich die Delegierten befassen.

Schon bei der Vorstellung der „Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen in Deutschland“ im letzten Jahr in Berlin hoffte der Präsident der Bundesärztekammer (BÄK), Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe, auf eine breite gesellschaftliche Auseinandersetzung mit den Themen Sterben und Sterbebegleitung. Hoppe kündigte an, dass er dem Vorstand der BÄK empfehlen wolle, Palliativmedizin als ein Schwerpunktthema für einen der nächsten Deutschen Ärztetage auszuwählen, „um dort eine Diskussion über sie auszulösen und auch um auf diese Weise ihre mediale Verbreitung zu unterstützen“.

Durch die Schaffung neuer Lehrstühle wurden Lehre und Forschung in der Palliativmedizin gefördert. Friedemann Nauck begrüßt diese Entwicklung. Foto: Georg-August-Universtität Göttingen
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Diese Empfehlung wurde so rasch aufgegriffen, dass bereits beim diesjährigen 114. Deutschen Ärztetag in Kiel der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin, Prof. Dr. med. Friedemann Nauck, Gelegenheit erhalten wird, Konzepte für eine bessere palliativmedizinische Versorgung vorzustellen. Einer im „New England Journal of Medicine“ veröffentlichten Studie zufolge könne ein früher Einsatz der Palliativmedizin dazu beitragen, die Lebensqualität der betroffenen Patienten zu verbessern, den Einsatz tumorspezifischer Therapien zu verringern und mitunter sogar das Leben der Patienten zu verlängern, sagte Nauck. Dennoch sei eine flächendeckende palliativmedizinische Versorgung noch bei weitem nicht ausreichend umgesetzt. Der Göttinger Palliativmediziner bedauerte, dass es nach wie vor Barrieren auf Ärzte- und Patientenseite gebe. Er sehe immer noch Defizite in der Aus-, Weiter- und Fortbildung, sagte er dem Deutschen Ärzteblatt.

Nauck begrüßte es, dass der Bundesrat im Jahr 2009 einem Gesetz zugestimmt hat, wonach die Palliativmedizin als 13. Querschnittsfach, und damit als Pflichtlehr- und Prüfungsfach, in die Approbationsordnung für Ärzte eingeführt wurde. Sämtliche Universitäten müssten die Bedingungen dazu schaffen, dass Palliativmedizin im Rahmen des Querschnittbereiches 13 gelehrt und geprüft werden könne. „Dazu gehören auch das Erlernen der erforderlichen kommunikativen Kompetenz in der Begegnung mit den Patienten und deren Angehörigen sowie die Auseinandersetzung mit ethischen Fragen“, sagte Nauck.

Ein erster Grundstein für ein neues Curriculum Palliativmedizin für Studierende der Medizin wurde kürzlich in Köln gelegt. Dort suchten Studenten und Dozenten unter Leitung von Priv.-Doz. Dr. med. Christine Schiessl nach Lösungsansätzen für eine praxisnahe und gute Lehre. „In dem Workshop wurde deutlich, wie stark das Interesse an einer hochqualifizierten Umsetzung der universitären Lehre in der Palliativmedizin in Deutschland ist, welche die Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin aktiv unterstützt“, betonte Nauck. Er bekräftigte, dass durch die Schaffung neuer Lehrstühle und Professuren für Palliativmedizin Lehre und Forschung künftig deutlich gefördert würden.

Ein wichtiges Medizinethikthema, mit dem sich die Delegierten des Deutschen Ärztetages in Kiel voraussichtlich beschäftigen werden, ist die Präimplantationsdiagnostik (PID). Denn noch vor der Sommerpause will der Deutsche Bundestag über deren gesetzliche Zulassung entscheiden. Die Bundesärztekammer hatte vor kurzem einen „Entwurf für ein Memorandum zur PID“ vorgelegt (dazu 3 Fragen an . . .). Darin vertritt sie die Meinung, dass Präimplantationsdiagnostik nach gegenwärtigem Erkenntnisstand unter bestimmten Voraussetzungen angeboten werden könne. „Ich werde in meiner Rede auf der Eröffnungsveranstaltung auf dieses Memorandum eingehen und es verteidigen“, erklärte Hoppe dem Deutschen Ärzteblatt. Er sei gespannt auf die Diskussion über dieses Thema im Plenum.

Gisela Klinkhammer

3 Fragen an . . .

Prof. Dr. med. Jan Schulze, Präsident der Sächsischen Landesärztekammer

Halten Sie es für ethisch zulässig, wenn sich ein Paar für eine Präimplantationsdiagnostik (PID) entscheidet und wenn Ärzte dieses Verfahren durchführen?

Schulze: Als Mitverfasser des Memorandums der Bundesärztekammer zur PID halte ich eine Zulassung der PID in bestimmen Grenzen für vertretbar. Denn insbesondere eine ethische Abwägung spricht für eine Zulassung der PID in bestimmten Grenzen. Die Persönlichkeitsrechte und das Selbstbestimmungsrecht des Paares sowie ihre Gewissensverantwortung fallen besonders ins Gewicht. Unter Gesichtspunkten der Zumutbarkeit für die Frau und des Entwicklungsstands des vorgeburtlichen Lebens ist die In-vitro-Befruchtung „auf Probe“ (PID) in bestimmten Fällen ethisch weniger problematisch als eine „Schwangerschaft auf Probe“ (PND) mit nachfolgendem Schwangerschaftsabbruch.

Wo sehen Sie die Aufgaben für die Bundesärztekammer (BÄK) im Falle einer gesetzlichen Zulassung der PID?

Schulze: Im Falle der gesetzlichen Zulassung der PID in engen Grenzen – wovon ich überzeugt bin – wird die BÄK an einer verantwortungsbewussten Umsetzung des Gesetzes mitwirken, indem sie eine Muster-Richtlinie zur Durchführung der PID erarbeitet. Diese müsste unter Beachtung der gesetzlichen Vorgaben Festlegungen zum Indikationsspektrum, zur personellen und apparativen Ausstattung, zur medizinischen und psychosozialen Beratung sowie zur Anzahl und Qualität durchführender Zentren enthalten. Bei den Landesärztekammern wären nach dem Vorschlag der BÄK behandlungsunabhängige PID-Kommissionen einzurichten, die die Qualitätssicherung der PID gewährleisten. Die erhobenen Daten müssten in anonymisierter Form in einem zentralen Register zusammengeführt werden.

Wahrscheinlich wird auf dem bevorstehenden Deutschen Ärztetag das Thema PID diskutiert. Welches Ergebnis erwarten Sie?

Schulze: Es wird auf dem 114. Deutschen Ärztetag eine erneute Diskussion über die Zulassung der PID geben, wobei das vom Wissenschaftlichen Beirat der BÄK sorgfältig erarbeitete und vom BÄK-Vorstand zustimmend verabschiedete Memorandum eine hervorragende Grundlage darstellt. Gegenüber dem 105. Deutschen Ärztetag in Rostock befinden wir uns in einer grundsätzlich neuen Diskussionslage: Der Bundesgerichtshof hat 2010 ein Grundsatzurteil zur PID gefällt. Danach begründet die Untersuchung pluripotenter Zellen auf schwere genetische Schäden keine Strafbarkeit. Zudem liegen seit 1997 kontinuierlich erhobene Daten aus 57 PID-Zentren (n = 10 153 PID) und profunde positive Stellungnahmen deutscher Ethikkommissionen vor. Angesichts der Notwendigkeit einer gesetzlichen Regelung der PID rechne ich mit einer mehrheitlichen Zustimmung durch die deutsche Ärzteschaft.

Die Fragen stellte Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann.

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