Obwohl Ärzte und Pflegekräfte im Krankenhaus eng zusammenarbeiten, gibt es immer wieder Konflikte. Oft geht es um die Aufgabenverteilung und Hierarchien.
Da treffen Welten aufeinander: Auf der einen Seite die arroganten Ärzte, die sich – manchmal gerade frisch von der Uni – allesamt für Chefärzte halten und unglaublich wichtig finden. Auf der anderen Seite die Pflegekräfte: die Jammerlappen, die nie ernst genommen werden, obwohl sie doch so viel Erfahrung haben. Alles Klischees oder normaler Krankenhausalltag? Tatsächlich hat die viel beschworene Teamarbeit noch nicht überall in den Kliniken Einzug gehalten. „Zwei Welten – ein Patient“ lautete dann auch der Titel einer Veranstaltung auf dem Hauptstadtkongress Mitte Mai in Berlin.
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Im Prinzip habe jeder erkannt, dass der Patient im Mittelpunkt stehen solle. Und der könne nur gut behandelt werden, wenn alle an einem Strang zögen, erklärte Prof. Dr. med. Jörg F. Debatin. „Die Realität hinkt leider diesen Ankündigungen hinterher“, ergänzte der Vorstandsvorsitzende des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE). Die Selbstwahrnehmung vieler Pflegekräfte sei von dem Gefühl getragen, keine Wertschätzung zu erfahren. Die Pflege definiere sich häufig darüber, was sie nicht dürfe, sagte er mit Blick auf die Debatte um die Aufgabenverteilung zwischen den Berufsgruppen. Für Debatin steht allerdings auch fest: Jeder hat vor seiner eigenen Tür zu kehren. „Platzhirschgehabe und Minderwertigkeitskomplexe werden zum Teil noch offensiv gelebt“, berichtete Debatin.
Auch Barbara Schulte, Vorstand Universitätsmedizin Göttingen, ist der Ansicht, dass es an manchen Stellen immer noch einen Dauerdisput um Autorität und Hierarchien gibt. Dabei seien die Berufsgruppen aufeinander angewiesen. „Die Kompetenzen ergänzen sich“, sagte sie. Dass ein gutes Zusammenspiel funktionieren könne, zeigte sich für sie in Hochleistungsteams, etwa in der Intensivmedizin. Da sei kein Platz für zwei verschiedene Welten.
Im Klinikalltag sind Ärzte und Pflegekräfte also zum Teil gar nicht so weit voneinander entfernt. UKE- Chef Debatin ist der Meinung, dass viele Konflikte eher auf einer berufspolitischen Ebene stattfinden und nicht „an der Front“. Er sieht bei den Pflegekräften eine gewisse Tendenz sich abzusondern und abzuschotten. Schon die grundsätzliche Unterteilung in Medizin und Pflege ist für ihn nicht nachvollziehbar. Es gebe nur einen Patienten und eine Medizin, meint Debatin. Ebenso hält er die bisherige Akademisierung der Pflege mit der Einrichtung von Lehrstühlen für nicht zielführend. „Es gibt ja auch keine Arztlehrstühle.“ Debatin plädiert dafür, Pflegekräfte dort auszubilden, wo auch die Ärzte ausgebildet werden. Das würde aus seiner Sicht auch zu einer gemeinsamen Sozialisation führen und Missverständnisse verhindern. Der UKE-Vorstand ist darüber hinaus gegen die Einrichtungen von Pflegekammern. Die Weiterführung von Seperatismen sei der falsche Weg. „Fordern Sie doch eine Medizin-Kammer“, schlug er dem Deutschen Pflegerat (DPR) vor, auf dem Podium vertreten durch Andreas Westerfellhaus.
Der DPR-Vorsitzende sah die Sache anders. Aus seiner Sicht braucht die Pflege eine eigene Interessenvertretung. Bezüglich der Aufgabenverteilung unter den Berufsgruppen seien ebenfalls klare Regeln notwendig, betonte Westerfellhaus. Nur so könne der Pflegeberuf attraktiver und die Karriereperspektiven in der Pflege planbar werden.
Für Dr. rer. pol. Michael Philippi, Vorstandsvorsitzender der Sana- Kliniken AG, ist es entscheidend, die gesamte Branche für junge Menschen attraktiver zu machen. „Würden hier Schüler im Publikum sitzen, wäre die Hälfte schon rausgerannt“, sagte er. Das „berufspolitische Gehänge und Gewürge“ interessiere niemanden. Die Schwierigkeit zwischen Ärzten und Pflegekräften sei im Übrigen ein zutiefst deutsches Phänomen. Im Ausland sei es längst üblich, dass es viele Berufsgruppen mit Zwischenstufen gebe. Sana bilde seit einiger Zeit „Physician Assistants“ (Arztassistenten) aus. Ärzte, Pflegekräfte, Gewerkschaftsvertreter – alle seien dagegen gewesen. Mittlerweile könne er sagen, es funktioniere außerordentlich gut.
„Die Versorgungsrealität verändert sich radikal“, sagte Philippi. Und tatsächlich hat sich in den vergangenen Jahren eine Vielzahl von neuen Berufsbildern entwickelt. Neben dem Physician Assistant der Sana AG gibt es zum Beispiel den chirurgischen Operationsassistenten der Klinikkette Asklepios. Vielerorts etabliert ist mittlerweile der operationstechnische Assistent, obwohl es auch für ihn noch keine einheitlichen staatlichen Ausbildungsvorgaben gibt. Während manche Ärzte und Pflegekräfte also noch in Klischees gefangen sind, werden andernorts längst neue Realitäten geschaffen.
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