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THEMEN DER ZEIT

Bernard Lown: IPPNW-Gründer und berühmter Kardiologe

Dtsch Arztebl 2011; 108(22): A-1220 / B-1021 / C-1021

Gottstein, Ulrich

Am 7. Juni wird der Friedensnobelpreisträger 90 Jahre alt.

Bernard Lown wurde vor 90 Jahren, am 7. Juni 1921, in Utena, Litauen, als Sohn eines Schuhmachers geboren. Die Familie emigrierte 1935 in die USA. Das Studium der Medizin absolvierte Lown an der University of Maine. Foto: IPPNW

Es war 1961 für Internisten und Kardiologen eine Sensation, als Bernard Lown, Kardiologe am Peter Bent Brigham Hospital in Boston, später Professor der Kardiologie an der Harvard University, über den Gleichstromdefibrillator zur Lebensrettung bei Kammertachykardie und Kammerflimmern publizierte. Es ist heute kaum noch vorstellbar, dass man zuvor hilflos vor den Patienten mit „akutem Herzstillstand“ stand und dass beherzte Chirurgen, wenn der Herzstillstand während einer Operation auftrat, den Thorax öffneten, um mit manueller Herzmassage das Leben zu retten – fast niemals erfolgreich. In Verbindung mit der später von Kollegen entwickelten thorakalen Herzdruckmassage, mit der über viele Minuten das Leben bis zur rettenden Defibrillation erhalten werden kann, wurden bis heute viele Menschenleben gerettet. Nach Meinung vieler Ärzte hätte Lown für seine Erfindung der Defibrillation den Nobelpreis in Medizin verdient.

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Nach Jahren intensivster klinisch-wissenschaftlicher Tätigkeit begann für Lown mit seinem Kampf für die Verhütung eines Atomkriegs ein für ihn wohl noch wichtigerer Lebensabschnitt. Sein ärztliches Gewissen war durch die Atombombenversuche, die in der Wüste von Nevada und in Kasachstan stattgefunden hatten, aufgeschreckt. Die ungeheure Vernichtungskraft, die radioaktive Verstrahlung in Hiroshima und Nagasaki sowie der anschließende weltweite radioaktive Fallout zeigten, dass ärztliche Hilfe in einem Atomkrieg nicht möglich sein würde. Mit US-Kollegen gründete Lown 1962 in Boston die „Physicians for Social Responsibility“ (PSR), um mit wissenschaftlichen Publikationen vor den Folgen eines Atomkriegs und der nuklearen Testexplosionen zu warnen.

Zur ihrer Enttäuschung ging das nukleare Wettrüsten weiter. Deshalb beschloss Bernard Lown 1980, nachdem bereits mehr als 1 200 Atombombentests durchgeführt worden waren und der „kalte Krieg“ zwischen den beiden Supermächten eskalierte, eine internationale, die Machtblöcke übergreifende Ärzteorganisation zu schaffen, um weltweit aufzuklären und die Erde vor der atomaren Vernichtung zu retten.

Gemeinsam mit seinem sowjetischen Kollegen Prof. Evgeny Chazow, Direktor des Moskauer Instituts für Herzforschung, rief er zur Gründung der „ International Physicians for the Prevention of Nuclear War“ (IPPNW) auf. Lown und Chazow wurden zu Kopräsidenten gewählt. Auch in der Bundesrepublik Deutschland und bald darauf in der DDR wurden 1981 nationale IPPNW-Sektionen gegründet. Gegen die Aufklärungsarbeit gab es auch in Deutschland jahrelang erheblichen politischen Widerstand. Unterstützende Sympathie kam vom Internationalen Roten Kreuz, von der Weltgesundheitsorganisation, vom Weltärztebund sowie von visionären und couragierten Politikern, zu denen auch Willy Brandt, Richard von Weizsäcker oder Hans-Dietrich Genscher zählten. International war die Unterstützung durch den Präsidenten der Sowjetunion, Michail Gorbatschow, der ein häufiger Gesprächspartner von Lown war, am wertvollsten.

Am 11. Oktober 1985, nur vier Jahre nach der Gründung, nahmen Lown und Chazow für die IPPNW in Oslo den Friedensnobelpreis entgegen. In der Laudatio heißt es unter anderem: „Es ist die Meinung des Komitees, dass diese Organisation der Menschheit einen wichtigen Dienst dadurch geleistet hat, dass sie autoritative Informationen verbreitet hat, wodurch die Erkenntnis der katastrophalen Konsequenzen eines Atomkriegs offenbar wurden.“

In mehr als 60 Ländern wurden IPPNW-Sektionen mit derzeit etwa 100 000 ärztlichen Mitgliedern gegründet, in Deutschland sind es zur Zeit 7 000. Lown mahnt bis zum heutigen Tag – bei aller Konzentration auf die Verhütung von Atomkrieg und der Ausbreitung von Atomwaffen in immer mehr Hände –, die Zusammenhänge von Krieg und Armut und Unrecht in der Dritten Welt klar auszusprechen. Tausende Milliarden US-Dollar würden für die Militarisierung jedes Jahr ausgegeben, anstatt sie für eine Verbesserung der Lebensverhältnisse der Menschheit zu verwenden. „Die Stunde ist spät, wir dürfen nicht zaudern. Die Nachwelt hat bei den Politikern keine Lobby. (. . .) Wir werden unser Ziel nur erreichen, wenn wir Millionen Menschen mit unserer Vision stärken, nämlich einer Welt frei von dem Schreckgespenst der Nuklearwaffen.“ So endete eine der Reden von Lown, die er als Ehrenmitglied der deutschen Sektion der IPPNW 2009 in Frankfurt/M. und Berlin hielt.

Prof. Dr. med. Ulrich Gottstein

Gründungs- und Ehrenvorstandsmitglied der deutschen IPPNW-Sektion


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