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114. Deutscher Ärztetag: Sachlich, diszipliniert, ernsthaft

Dtsch Arztebl 2011; 108(23): A-1255 / B-1047 / C-1047

Stüwe, Heinz

Heinz Stüwe Chefredakteur

Vor Beginn des 114. Deutschen Ärztetages in Kiel stand eine kritische Frage, die ein Mann aus der Wirtschaft so formulierte: „Warum schafft es die Ärzteschaft nicht, die Nachfolge ihres Präsidenten rechtzeitig und einvernehmlich zu regeln?“ Ganz ohne Berechtigung war die Frage nicht, klang in ihr doch die Sorge an, nach der Wahl könne der neue Kapitän eine tief zerstrittene Mannschaft vorfinden. Diese Befürchtung ist, auch wenn der Wahlkampf von fünf Kandidaten die eine oder andere Narbe hinterlassen haben mag, nach der demokratischen Entscheidung des Deutschen Ärztetages nicht eingetreten. Sehr große Gegensätze in der Sache waren ohnehin nicht auszumachen. Mit Dr. med. Frank Ulrich Montgomery, dem neuen Präsidenten der Bundesärztekammer, wollen und werden auch jene Vertreter ärztlicher Verbände und Organisationen gut zusammenarbeiten, die sich vor der Wahl ihm gegenüber reserviert gezeigt haben. Montgomery bringt die besten Voraussetzungen mit, um ein nach innen und außen überzeugender Präsident der Bundesärztekammer zu sein. Das neue Führungsteam wurde in Kiel einhellig gelobt. Die breite Unterstützung, auf die Dr. med. Martina Wenker und Dr. med. Max Kaplan, die neuen Vizepräsidenten, zählen können, spiegelt sich in ihren hervorragenden Wahlergebnissen wider. Auch die weiteren Vorstandsmitglieder Rudolf Henke und Dr. med. Ellen Lundershausen haben Rückhalt in der Ärzteschaft.

Kiel steht für einen Ärztetag, der von offener, sachlicher und disziplinierter Diskussion gerade über die komplexen medizinethischen Themen geprägt war. Diesem Befund des gastgebenden Kammerpräsidenten Dr. med. Franz Bartmann dürften alle Delegierten und Gäste zustimmen. Nach einer ernsthaften Debatte sprach sich der Deutsche Ärztetag mit großer Mehrheit für eine Zulassung der Präimplantationsdiagnostik (PID) in engen Grenzen aus. Sie soll nur für Paare zugänglich sein, für deren Kinder ein hohes Risiko einer familiär bekannten und schwerwiegenden genetisch bedingten Erkrankung besteht. Die Abwägung zwischen dem Bestreben, betroffenen Paaren zu helfen, und der Sorge, hier werde die Tür geöffnet zu einer Selektion von „fehlerfreiem“ menschlichem Leben, wurde vom Ärztetag nicht leichthin, sondern nach Anhörung aller Argumente getroffen. Auch deshalb wäre die Bundesärztekammer die richtige Institution, um Richtlinien zur Anwendung der PID zu erarbeiten, wenn sie vom Gesetzgeber zugelassen werden sollte.

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Mit seinem Votum für eine Informations- und Selbstbestimmungslösung mit Erklärungspflicht hat der Ärztetag die lebhafte Debatte über Änderungen des Transplantationsrechts schon beeinflusst. Er zeigte einen Weg auf, der zwischen der geltenden Zustimmungslösung und der Widerspruchslösung liegt. Über den Tag hinaus von Bedeutung ist auch das Verbot der Suizidbeihilfe, das erstmals in der Berufsordnung verankert wurde. Damit setzt die Ärzteschaft einen vorläufigen Schlusspunkt unter die intensive Diskussion der vergangenen Monate. Auch hierüber gab es auf dem Ärztetag eine bemerkenswerte Debatte, die von Respekt und gegenseitigem Zuhören geprägt war.

Das Niveau solcher Diskussionen, die in diesem Heft zusammengefasst sind, ist das Besondere Deutscher Ärztetage. Schließlich erwächst aus dem Recht der Ärzteschaft, die ethischen Normen der Berufsausübung und die Inhalte der ärztlichen Qualifikation selbst zu regeln, eine Verantwortung. Dieser ist sich die Ärzteschaft – das hat Kiel gezeigt – bewusst.

Heinz Stüwe
Chefredakteur

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