DEUTSCHER ÄRZTETAG

Versorgung Sterbender: Mehr allgemeine Palliativmedizin

Dtsch Arztebl 2011; 108(23): A-1290 / B-1076 / C-1076

Meißner, Marc

Die ärztliche Betreuung von Sterbenden wird in einer alternden Bevölkerung immer wichtiger. Der Ärztetag widmete deshalb einen Tagungsordnungspunkt der Palliativmedizin – mit der Erkenntnis: Es gibt gute Angebote, aber nicht flächendeckend.

Die Palliativmedizin habe sich in den letzten Jahren rasant entwickelt, berichtete Friedemann Nauck.

Die meisten Sterbenden möchten ihre letzten Tage lieber zu Hause in ihrem gewohnten Umfeld verbringen als in einem Krankenhaus. Dies erfordert auch eine besondere Betreuung durch Ärztinnen und Ärzte, die auf die individuellen Bedürfnisse der Betroffenen und ihrer Angehörigen eingehen müssen. Woran es bei der palliativmedizinischen Versorgung mangelt, diskutierten die Delegierten auf dem 114. Deutschen Ärztetag in Kiel.

Anzeige

Über den Stand der ambulanten Palliativversorgung berichteten Prof. Dr. med. Friedemann Nauck, Dr. med. Elisabeth Albrecht und Dr. med. Barbara Schubert von der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin (DGP). „Die Palliativmedizin hat sich in den vergangenen 15 Jahren rasant entwickelt“, erklärte der DGP-Präsident. 5 000 Ärzte haben bisher die Zusatzweiterbildung Palliativmedizin erworben, und ab 2013 wird jeder Medizinstudierende in Palliativmedizin ausgebildet werden. „Trotzdem haben, wir immer noch ein unzureichende Versorgung von Sterbenden“, stellte Nauck fest.

Vor allem bei der allgemeinen ambulanten Palliativversorgung (AAPV) fehlten noch Strukturen. Häufig wüssten der Patient und seine Angehörigen nicht, dass der Tod bevorstehe. Durch eine unzureichende oder schlecht vernetzte Versorgung erhielten Betroffene und deren Familien oft widersprüchliche Aussagen über den Zustand des Patienten.

Um dem zu begegnen, müsse die ambulante Palliativmedizin dringend weiterentwickelt werden. „Das Ziel der Patienten ist es, in ihrer häuslichen Umgebung zu sterben oder in dem Altenheim, in dem sie leben, bei guter Symptomkontrolle, schmerzgelindert, ohne Luftnot und ohne Angst“, sagte der Palliativmediziner. Doch nur jeder Zehnte, der eine palliativmedizinische Betreuung benötigt, erhält diese auch ambulant. Es braucht, sagte Nauck, einer allgemeinen Versorgung Sterbender vor Ort in enger Zusammenarbeit mit den benötigten Spezialisten.

Darüber hinaus betonte der DGP-Präsident, wie wichtig eine frühe Palliativversorgung sei: „Palliativmedizin darf nicht erst in der letzten Lebensendphase einsetzen, sondern muss bei unheilbaren schwer kranken Patienten schon vorher integriert werden.“ Dadurch ließen sich die Leiden des Patienten vermindern oder sogar teilweise vermeiden, was zu einer besseren Lebensqualität des Betroffenen führe.

Kritisch sieht Barbara Schubert die Fokussierung der spezialisierten Palliativversorgung auf onkologische Patienten.

Obwohl die spezialisierte ambulante Palliativversorgung (SAPV) in den letzten Jahren gefördert wurde, profitieren nur bestimmte Patientengruppen davon. „Zurzeit erhalten überwiegend Patienten mit Krebsleiden eine palliativmedizinische Betreuung. Wir brauchen eine solche Betreuung aber auch für Patienten mit kardiologischen, neurologischen oder pulmonalen Erkrankungen in der Lebensendphase“, erklärte Nauck. Palliativmedizinische Versorgung sollte jedem zur Verfügung stehen, der sie benötige, unabhängig von seiner Erkrankung oder davon, ob er stationär oder ambulant betreut werden müsse.

Die AAPV ist eine originäre Aufgabe der Hausärzte. Dies verdeutlichte Elisabeth Albrecht in ihrem Vortrag. Das heutige Gesundheitssystem würde den Arzt dabei aber kaum unterstützen, im Gegenteil: Es bleibe zu wenig Zeit, sich angemessen um die Patienten zu kümmern. Vor allem die Honorierung sei unzureichend: „Wir haben eine Gebührenordnung, die den Begriff Palliativversorgung nicht mal kennt“, kritisierte Albrecht.

Gute Vernetzung aller Beteiligten

Die Verschreibung teurer Schmerzmittel im Rahmen einer palliativmedizinischen Pflege könne darüber hinaus dazu führen, dass Hausärzte ihre Arzneimittelbudgets überzögen. „Wir kommen mit einigen teuren Patienten ziemlich nah an einen Regress“, sagte die Palliativmedizinerin. „Das heißt, wer ein paar Schmerzpatienten hat, hat schnell ein finanzielles Risiko.“

Für eine gute AAPV ist eine entsprechende Ausbildung notwendig. Diese fehle jedoch vielen Hausärzten, die zu Zeiten studiert hätten, als Palliativmedizin noch nicht gelehrt worden sei. Albrecht verwies deshalb auf ein 40-stündiges Fortbildungsprogramm, das die notwendigen Kenntnisse vermitteln soll. „Das ist etwas, was wir brauchen und auch flächendeckend anbieten müssen.“

Außerdem ist eine gute Vernetzung aller Beteiligten notwendig. „Ein Sterbender sollte von seinen Angehörigen, seinem Hausarzt und seinem vertrauten Pflegedienst umsorgt werden – das ist es, was ich mir wünsche“, sagte Albrecht. Auf diese Grundversorgung könne – falls notwendig – eine SAPV aufsatteln.

Genau hier sieht Barbara Schubert ein Problem bei der spezialisierten Palliativversorgung: „Was wir für die SAPV brauchen, ist der Hausarzt.“ SAPV-Teams würden diesen unterstützen und beraten, beispielsweise beim Wundmanagement oder bei der Schmerztherapie. „Das kann aber nur funktionieren, wenn alle eng zusammenarbeiten: Hausarzt, Pflegedienst, ambulante Hospizdienste, Apotheken und Sozialdienste.“ Diese Strukturen hätten sich bisher aber noch nicht ausreichend etabliert. Spezialisierte ambulante Palliativversorgung stehe immer noch nicht flächendeckend zur Verfügung. Von den benötigten 330 SAPV-Teams seien bisher lediglich 150 eingerichtet. Im stationären Bereich sei die Situation besser: Hier stünden 22 Betten für eine Million Einwohner zur Verfügung; benötigt würden 30.

Die allgemeine ambulante Palliativ - versorgung sei eine originäre Aufgabe der Hausärzte, betonte Elisabeth Albrecht.

Kritisch sieht Schubert die Fokussierung der spezialisierten Palliativversorgung auf onkologische Patienten. „Den Betroffenen ist es egal, woran sie sterben“, sagte die Palliativmedizinerin. Deshalb müsse eine entsprechende Betreuung und Pflege jedem zur Verfügung stehen, der sie benötige. „Spezialisierte Palliativversorgung ist eine multiprofessionelle Angelegenheit. Dabei geht es nicht nur um onkologische Patienten, sondern um alle mit komplexen Symptomen.“

Der Vorstand der Bundesärztekammer greift in einem umfangreichen Antrag – der von den Delegierten einstimmig angenommen wurde – viele der genannten Probleme auf:

  • Die AAPV soll flächendeckend angeboten werden. Deshalb wird gefordert, dass die Politik Strukturen schafft, die eine qualitativ hochwertige AAPV ermöglichen.
  • Bei der SAPV kritisiert der Vorstand die schwierigen Rahmenbedingungen, die sich aus dem GKV-Wettbewerbsstärkungsgesetz ergeben: Demnach müssen für SAPV-Angebote Einzelverträge mit den Krankenkassen geschlossen werden. Dies sei der Grund für die mangelhafte Versorgung mit spezialisierter Palliativmedizin. Der Gesetzgeber solle deshalb das Einzelvertragssystem durch kassenübergreifende Verträge oder eine integrierte spezialisierte palliativmedizinische Versorgung ersetzen.
  • Die stationäre Palliativmedizin soll ebenfalls erweitert werden. Dazu sollen die Krankenhäuser unter anderem multiprofessionelle konsiliarisch tätige Palliativteams einführen, die die palliativmedizinische Expertise sicherstellen. Außerdem sollen Kurzzeitpflegeplätze ausgebaut werden, um für Angehörige zusätzliche Entlastungsmöglichkeiten zu schaffen.
  • Palliativmedzin soll in der ärztlichen Tätigkeit stärker verankert werden. Durch die Aufnahme in die Approbationsordnung als Pflichtfach wurden die Grundlagen der Palliativmedizin in das Medizinstudium integriert. Dies müssten die Universitäten durch den Ausbau der Lehrstühle für Palliativmedizin umsetzen, betonte der Ärztetag in seinem Beschluss. Darüber hinaus müsse es eine öffentlich geförderte Forschung in diesem Bereich geben, um neue und evidenzbasierte Erkenntnisse zu gewinnen.

Ein menschenwürdiges Sterben ermöglichen

Darüber hinaus sprach sich der Deutsche Ärztetag für einen Antrag von Ute Taube, Sächsische Landesärztekammer, aus. Sie fordert die Krankenkassen auf, Anträge auf eine stationäre Versorgung in einem Hospiz unverzüglich zu bearbeiten. „Die Bewilligung nimmt oft mehrere Tage in Anspruch“, erklärte sie. „Die Aufnahme in ein Hospiz ist so oft nicht möglich.“ Je nach Zustand des Patienten könne es für ihn bei der Bewilligung schon zu spät sein.

In weiteren Anträgen stimmte die Ärzteschaft für den Ausbau der Delegation ärztlicher Leistungen in Zusammenhang mit der palliativmedizinischen Versorgung. Hierzu müsse vor allem eine sinnvolle Finanzierung erarbeitet werden. Auch solle die Regressdrohung gegen besonders engagierte Ärzte abgeschafft werden, heißt es in einem Antrag aus Hessen. Dr. med. Gottfried von Knoblauch zu Hatzbach, Mitglied des Vorstandes der Bundesärztekammer, stellte in diesem Zusammenhang die Bedeutung des Dispensionsrechts heraus: „Das wichtige Problem ist die Versorgung mit Betäubungsmitteln und verschreibungspflichtigen Schmerzmitteln in Zeiten des Apothekennotdienstes. Wir stoßen dann plötzlich an die Grenzen des Möglichen, weil die Ärzte keine Medikamente beim Patienten lassen dürfen.“

Deutlich wurde in den Anträgen der Delegierten: Die Palliativversorgung muss gestärkt und weiter ausgebaut werden, so dass sie jedem zugänglich ist und ein menschenwürdiges Sterben ermöglicht. Prof. Dr. med. Alexandra Henneberg aus Hessen brachte es auf den Punkt: „Das Schlimmste, was passieren kann, ist, dass die Patienten glauben, es macht keinen Sinn mehr zu leben.“ Der Wunsch nach Sterbehilfe fuße oft auf unzureichender Palliativmedizin, betonte Dr. med. Helmut Gudat, Delegierter aus Nordrhein. Die Ärzteschaft lehnt deshalb in ihren Beschlüssen Sterbehilfe oder die Legalisierung einer Tötung auf Verlangen ab, wenn der Wunsch danach nur die Folge einer mangelhaften Betreuung und Pflege Sterbender ist.

Dr. rer. nat. Marc Meißner

FAZIT

TOP II: Palliativmedizinische Versorgung in Deutschland

  • Der Deutsche Ärztetag fordert von der Regierung bessere Rahmenbedingungen für eine flächendeckende allgemeine ambulante Palliativversorgung.
  • Einzelvertragssystem bei spezialisierter ambulanter Palliativversorgung (SAPV) soll durch kassenübergreifende oder integrierte Versorgungsverträge ersetzt werden.
  • Lehrstühle und Forschung im Fach Palliativmedzin sollen ausgebaut werden.
  • Die Delegation ärztlicher Leistungen in der Palliativmedizin soll ausgebaut und eine ausreichende Finanzierung gewährleistet werden.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Alle Leserbriefe zum Thema

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

Anzeige