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POLITIK: Leitartikel

Etablierung "Vernetzter Praxen": Impuls von der Basis

Dtsch Arztebl 1998; 95(8): A-387 / B-311 / C-291

Glöser, Sabine

Rund 100 Kassenärzte haben sich in Eigenregie getroffen, um Erfahrungen über neue Versorgungsstrukturen auszutauschen.
Die niedergelassenen Ärzte werden aktiv: sie schließen sich zu Praxisnetzen zusammen, um die gegenwärtige "Kassenarztdepression" zu mindern. Die Devise lautet: Zusammenarbeit statt Einzelkämpferdasein. Entsprechende regionale Verträge müssen zwar von den Kassenärztlichen Vereinigungen und Krankenkassen geschlossen werden, doch: "Die Basisinitiativen sind das eigentliche Schwungrad der Zeit", sagte einer der 100 Kassenärzte, die bei einem Bundestreffen vernetzter Arztpraxen am 6. und 7. Februar in Frankfurt Erfahrungen austauschten. Initiiert hat die Tagung Dr. med. Johann May aus Karlsruhe; finanzielle Unterstützung erhielt der Internist von fünf Pharmaunternehmen. Über die verschiedenen Konzepte vernetzter Strukturen diskutierten Ärzte aus 30 "Netzen" aus ganz Deutschland. Darunter einige, die bereits handfeste Verträge und ein eigenes Honorarbudget haben, wie die Medizinische Qualitätsgemeinschaft Rendsburg, aber auch solche, die sich gerade zusammenfinden. Ziel dieser Initiativen ist es, die medizinische Versorgungsqualität zu verbessern. Zugleich sollen Rationalisierungsreserven erschlossen werden, wie vermeidbare Krankenhauseinweisungen oder Doppeluntersuchungen. Erreichen wollen dies die Ärzte durch mehr Kooperation, auch mit anderen Leistungserbringern, vor allem aber durch mehr Kommunikation untereinander. Die Niedergelassenen erwarten, daß sie an erzielten Einsparungen beteiligt - und so leistungsgerechter vergütet werden.
Erweiterte Möglichkeiten für vernetzte Versorgungsstrukturen hat die Politik in den beiden GKVNeuordnungsgesetzen geschaffen: Danach kann die Selbstverwaltung Strukturverträge abschließen (§ 73 a SGB V) oder erweiterte Modellvorhaben erproben (§ 63 ff. SGB V). Von diesen Regelungen erhoffe sich der Gesetzgeber einen Innovationsschub, sagte Dr. Michael Dalhoff vom Bundesministerium für Gesundheit - insbesondere durch den Ausbau der Wettbewerbselemente in der GKV.
Die Vorgaben für Strukturverträge seien im Gesetz "sehr eng gestrickt". KVen und Kassen könnten zwar den Leistungsumfang sowie spezielle Finanzierungs- und Vergütungsformen vereinbaren. Größeren Spielraum eröffneten jedoch die Regelungen zu Modellvorhaben: Neben Verfahrens-, Organisations-, Finanzierungs- und Vergütungsformen könnten auch neue Leistungen erprobt werden. Allerdings: Modellvorhaben sind zeitlich befristet, müssen wissenschaftlich begleitet und in den Satzungen festgelegt werden.
Unzufrieden mit der Selbstverwaltung Kritik mußte die Selbstverwaltung einstecken: Einige Ärzte haben ihren KVen zu wenig Engagement und fehlende Unterstützung vorgeworfen. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung sagte eine Teilnahme aus Terminengpässen ab. Den Krankenkassen hielt man vor, regionale Vertragsverhandlungen zu blockieren. Der Vorstandsvorsitzende der AOK Hessen, Wolfgang Gerresheim, entgegnete, die AOK stehe den neuen Versorgungsformen aufgeschlossen gegenüber. Man sei auch bereit, den Ärzten bis zu 50 Prozent der Nettoeinsparungen zur Verfügung zu stellen. Die Kasse stelle jedoch gewisse Mindestanforderungen an die Kooperation mit Ärztenetzen: eine geringe Vorfinanzierung, eine "saubere" Berechnung der Einsparungen, eine institutionalisierte Qualitätssicherung, eine überschaubare Gruppengröße und ein professionelles Netzmanagement. Der Verband der Angestellten-Krankenkassen macht die finanzielle Unterstützung eines Projektes davon abhängig, "wie aussichtsreich es ist", erklärte Dr. Werner Gerdelmann. Eine wichtige Voraussetzung für das Gelingen eines Modells sei, daß die Kooperation nicht oktroyiert werde.
"Die Ärzte müssen selbst Aktivitäten entwickeln, sonst passiert nichts", meinte auch Prof. Dr. Peter Oberender von der Universität Bayreuth. Vernetzte Praxen seien ein erster Schritt in die richtige Richtung: die Öffnung des Gesundheitswesens. Erforderlich sei jedoch, daß neben den KVen auch andere Vertragspartner zugelassen werden. "Lassen Sie den Wettbewerb der Systeme zu", forderte er. Die Versicherten könnten dann zwischen verschiedenen Modellen wählen. Auf diese Weise würde auch das Problem der Qualität im Gesundheitswesen gelöst. Eine weitere Konsequenz: "Die Faulen bleiben auf der Strecke."
Eine zweite Arbeitstagung ist bereits vorgesehen. Die gute Resonanz und das große Interesse der Kassenärzte ließen Dr. Johann May während der Tagung verkünden: "Wir werden uns Ende September wieder treffen."
Dr. Sabine Glöser
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