MEDIZIN: Diskussion
Operative Therapie von Malignomen der Halswirbelsäule Ein differenziertes chirurgisches Behandlungskonzept: Schlußwort
Dtsch Arztebl 1998; 95(8): A-423
Zu dem Beitrag von Dr. med. Tobis Pitzen, Dr. med. Wolfhard Caspar, Dr. med. Dragos Barbier und Prof. Dr. med. Wolf-Ingo Steudel in Heft 39/1997


Durch die Neurochirurgische Abteilung des Zentralklinikums Augsburg (CA Prof. Th. Grumme)
wurden in den Jahren 1983 bis 1994 in 248 Fällen Operationen wegen sekundärer Malignome der Wirbelsäule durchgeführt. Allein in 46 Fällen davon
(18,55 Prozent) handelte es sich um Metastasen der HWS.
Die Patientenkollektive sind ähnlich: Das Durchschnittsalter lag bei 60,2 Jahren, bei fast identischer
Geschlechtsverteilung, aber deutlich geringerer Erstmanifestationsrate wie in Homburg. Solitäre HWSMetastasen lagen in 30,5 Prozent der Fälle vor, in allen anderen Fällen handelte es sich um eine weitergehende
Tumorprogression. Allerdings fanden wir unter unseren Fällen mit HWS-Metastasen etwa zwei Fünftel bereits
mit so fortgeschrittenen Ausfällen, daß die Patienten gehunfähig waren.
Auch wir bevorzugten die ventrale Korporetomie und einen Wirbelkörperersatz mit Knochenzement oder
autologem Beckenspan, haben aber zwei Fälle aufzuweisen, die nicht stabil fusioniert werden konnten. In drei
von 46 Fällen verschlechterte sich der neurologische Zustand des Patienten signifikant, während in 21 Fällen
eine Wiedererlangung der Gehfähigkeit oder komplette Rückbildung der Armparesen erzielt wurde. Die
Einjahres-Überlebenswahrscheinlichkeit betrug knapp 50 Prozent. Aus diesen und den weiteren Ergebnissen
unserer eigenen Statistik sowie der Literatur haben wir unter anderem gefolgert, daß Operationen bei Patienten
mit kompletter motorischer Querschnittlähmung sinnlos sind, daß man in Fällen besonders rasch progredienter
und disseminierter Malignome nicht mehr operieren sollte (besonders schlechte Erfahrungen machten wir in
diesem Zusammenhang mit Bronchialkarzinomen und malignen Melanomen), aber andererseits Metastasen
prognostisch günstiger Tumoren (auch und gerade typischerweise besonders häufig beim Mammakarzinom) und
stabilitätsgefährdende oder neurologisch beeinträchtigende Manifestationen der hämatologischen
Systemerkrankungen rasch und radikal operativ angegangen werden sollten. Dabei scheinen gerade letztere
Patienten von der Verwendung des autologen Knochenspanes langfristig zu profitieren.
Eine Osteosynthese bei der Operation von Wirbelsäulenmetastasen muß zu sofortiger und möglichst
orthesenfreier Belastungsstabilität führen, da der therapeutische Ansatz fast ausschließlich palliativ ist.
Dr. med. Markus Bode
Neurochirurgische Klinik
Zentralklinikum
Stenglinstraße
86156 Augsburg
Mein klinischer Lehrer, PhD. Dr. med. W. Caspar, entwickelte 1979, basierend auf den Vorarbeiten von Smith
und Robinson, Bailey und Badgley und Orozco aus den 50er Jahren, die nach ihm benannte Operationstechnik
der internen Stabilisierung ventraler autologer Knochenspanfusionen an der Halswirbelsäule mittels ventraler
Trapezplattenosteosynthese und ebenfalls das dazu erforderliche Instrumentarium. Ferner erarbeitete er die
Indikationen für diese Technik, die von Traumen über degenerative Erkrankungen, Tumoren, Revisionseingriffe,
entzündliche Prozesse bis hin zur Korrektur von Anomalien reichen und die heute als allgemein gültig und
verbindlich angesehen werden.
Das Verfahren hat sich rasch in der Halswirbelsäulenchirurgie sowohl von orthopädischer als auch von
neurochirurgischer Seite etabliert, wozu eine hohe Fusionsrate sowie eine Herabsetzung fusionsbedingter und
auch Op-technischer neurologischer Komplikationsraten auf ein bis dato nicht erreichbares Minimum beitrugen.
Besonders bei Instabilitäten nach Korporektomien ist es ein sicheres und wenig belastendes Verfahren, das eine
hohe Initialstabilität (biomechanisch nachgewiesen) und in der Regel eine orthesenfreie Nachbehandlung
ermöglicht. Gerade deshalb empfiehlt es sich für Patienten mit tumorösen Destruktionen der Halbwirbelsäule,
die ja meist vom Halswirbelkörper ausgehen. Die Fallzahl von 19 Patienten (inzwischen über 30) erklärt sich
durch eine strenge Indikationsstellung, die die Lokalisation des Krankheitsprozesses und insbesondere das OpVerfahren berücksichtigt: Bei einem Dorsalbefall der knöchernen Strukturen ist ein dorsales Vorgehen
(Laminektomie und gegebenenfalls dorsale, zuggurtende Stabilisierung, gegebenfalls ein ventro-dorsaler
Eingriff) indiziert. Diese Fälle wurden aber in der vorliegenden Arbeit bewußt ausgespart, da wir die Technik,
Ergebnisse und Komplikationen des ausschließlich ventralen Zuganges mit Korporektomie, Wirbelkörperplastik
und Trapezplattenosteosynthese für dieses spezielle Patientenkollektiv in einer Studie erarbeiten wollten.
Den Angaben des Kollegen Dr. Bode möchten wir unsererseits etwas Entscheidendes hinzufügen: Wir können
keineswegs zustimmen, daß "Operationen bei Patienten mit kompletter motorischer Querschnittlähmung sinnlos
sind" und daß man in Fällen "besonders rasch progredienter und disseminierter Malignome nicht mehr operieren
sollte". Dagegen spricht, daß nicht wenige eben dieser Patienten bei Destruktionen der Halswirbelsäule unter
heftigsten, ganz im Vordergrund stehenden Lokalsyndromen leiden, die in der Regel konservativ nicht oder nur
unzureichend therapierbar sind. Gerade solche Patienten profitieren von einer solchen Operation, auch wenn
hiermit keine signifikante Lebensverlängerung, geschweige denn eine Heilung, allenfalls ein kurzzeitiger
Aufschub möglich, dafür jedoch eine deutliche Verbesserung der "Lebensqualität" erzielbar ist. Das zeigt sich in
der erstaunlichen Tatsache, daß keiner unserer Patienten postoperativ Opiate mehr benötigte! Die nicht operative
Alternative bestünde bei solchen instabilen Destruktionen zusätzlich zur Schmerztherapie in einer permanent
externen Immobilisation, entweder durch Schädellangzeittraktion oder eine Halo-Weste, was zu einer weiteren
drastischen Einschränkung der Lebensqualität im letzten Lebensabschnitt und zu einer Verschlechterung der
Möglichkeiten stationärer und/oder ambulanter Pflege (Lagerung) führt. Abgesehen davon sollte es das Ziel sein,
die Patienten zu einem möglichst frühen Zeitpunkt zu diagnostizieren und zu behandeln, bevor eine komplette
Querschnittlähmung eingetreten ist. Das erfordert eine erhebliche Aufklärungsarbeit hinsichtlich Frühdiagnostik,
die sich jedoch lohnt: In den letzten drei Jahren ist bei uns kein Patient mehr mit einer kompletten
Querschnittlähmung zur Operation vorgestellt worden.
Vor Publikation dieser Arbeit haben wir selbstverständlich eine ausführliche Medline-Research durchgeführt
(Schlüsselworte: spinal neoplasms, cervical vertebrae adult), und zwar mit folgendem Ergebnis: Insgesamt gibt
es sehr wenige Arbeiten einschließlich der - nicht gelisteten - Doktorarbeit des Kollegen Bode (die wir gerne zitiert hätten, wenn sie
denn einen wissenschaftlichen Impakt über den Augsburger Raum hinaus gehabt hätte) die über
Patientenkollektive von über 20 Fällen mit dieser Erkrankung berichten können. Unsere Arbeit hebt sich von
anderen Publikationen durch ein sehr langes Follow-up (bis zu 12 Jahren) und die Tatsache ab, daß über den
gesamten Zeitraum von 1980 bis 1996 die gleiche Operationsmethode, die gleichen Implantate und die gleichen
Prinzipien zur Nachbehandlung zur Anwendung kamen und somit sowohl ein homogenes Patientenkollektiv als
auch eine identische operative Behandlungsmethode angewandt wurden. Dadurch ist die Zielsetzung unserer
Arbeit, nämlich die Dokumentation des Nutzens der ventralen Korporektomie, Knochenspan- oder PMMAPlastik plus interner Trapezplattenstabilisierung darzulegen, voll erreicht worden. Neu - und damit der
bisherigen allgemeinen Ansicht und der Literatur widersprechend - ist der erbrachte Beweis in unserer Arbeit,
daß für den Ersatz eines tumorös befallenen Wirbels kein autologer oder homologer Knochen verwendet werden
dürfe, da dieser, bedingt durch die anschließende Strahlenbehandlung, nicht knöchern integriert würde. Das
Gegenteil ist der Fall: Wir hatten sogar den Eindruck, daß unter der Strahlenbehandlung eine besonders rasche
und knöchern stabile Einheilung des Implantats erfolgt. Diese essentiellen, von den meisten bisherigen Arbeiten
abweichenden Gesichtspunkte scheinen dem Studieneifer des Kollegen Bode entgangen zu sein.
Letztlich wäre noch anzumerken, daß eine aktualisierte Version dieser Arbeit mit 30 Patienten in
Zusammenarbeit mit einer US-amerikanischen Klinik von einem renommierten amerikanischen
wissenschaftlichen Journal zur Veröffentlichung angenommen wurde.
Literatur bei den Verfassern
Dr. med. Tobias Pitzen
PhD. Dr. med. Wolfhard Caspar
Neurochirurgische Klinik der
Universitätskliniken des Saarlandes
66421 Homburg/Saar
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