THEMEN DER ZEIT

Medizin in der NS-Zeit: Anpassung, eine Ehrenpflicht

Dtsch Arztebl 2011; 108(27): A-1526 / B-1292 / C-1288

Jachertz, Norbert

Die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie arrangierte sich, freudig oder notgedrungen, mit den Nationalsozialisten. Nun stellt sie sich ihrer Vergangenheit.

Auf ungewöhnliche Weise nähert sich die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie (DGCH) der Zeit des Nationalsozialismus. Sie ließ durch Medizinhistoriker untersuchen, wie sich ihre Präsidenten zwischen 1933 und 1945 geäußert und verhalten haben. Die Ergebnisse des Forschungsprojekts wurden am 16. Juni 2011 im Langenbeck-Virchow-Haus in Berlin, dem Stammsitz der Gesellschaft, vorgestellt. Als Quellen dienten die Reden der Präsidenten der Gesellschaft anlässlich der jährlichen Chirurgenkongresse und die sogenannten Roten Bücher. Das sind rot eingebundene Kladden, in die jeder Präsident zum Abschluss seiner einjährigen Amtszeit seine persönlichen Eindrücke aufschreibt und die er seinem Nachfolger von Hand zu Hand weiterreicht. So geschehen auch in der NS-Zeit.

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Die Roten Bücher sind zwar nicht geheim, aber nichtöffentlich, da persönliche handschriftliche Aufzeichnungen. Sie wurden jetzt erstmals wissenschaftlich ausgewertet. Die Präsidentenreden waren hingegen öffentlich und wurden auch veröffentlicht. So erschien 1958 eine Zusammenstellung der Präsidentenreden seit dem Jahr 1933. Als Prof. Dr. med. Hans-Ulrich Steinau, Präsident der Gesellschaft 2006/2007, diese Sammlung studierte, fiel ihm auf, dass kompromittierende NS-Inhalte fehlten. Das gab den Anstoß, die Jahre von 1933 bis 1945 genauer und ohne Vorbehalte zu beleuchten.

Steinau dürfte auch über seine Klinik – Bergmannsheil in Bochum – mit dem Thema in Berührung gekommen sein. Denn einer seiner frühen Vorgänger war Georg Magnus; bis November 1933 wirkte er in Bochum als Chef der Chirurgie, 1935 präsidierte er dem Chirurgenkongress. Magnus, dessen Einstellung zum Nationalsozialismus die NSDAP 1938 als „absolut positiv“ einschätzte, machte in der NS-Zeit Karriere. Das gilt auch für zwei seiner Schüler, Karl Brandt und Paul Rostock, beide bis 1933 in Bergmannsheil und seitdem kollegial verbunden. Bis zum Ende. Brandt wurde dank eines Zufalls (er rettete dem Adjutanten Hitlers nach einem Autounfall das Leben) seit 1934 zu Hitlers „Begleitarzt“. Fortan stieg er auf, bis zum Reichskommissar für das Sanitäts- und Gesundheitswesen. Er leitete die Krankenmordaktion T4 und war wie auch Rostock verantwortlich für Versuche an Kriegsgefangenen und KZ-Häftlingen. Brandt wurde in Nürnberg 1947 zum Tode verurteilt und 1948 in Landsberg hingerichtet, wohingegen Rostock freikam. Den Beiden ist ein Exkurs im Berichtsband des Forschungsprojekts der DGCH gewidmet, obwohl sie selbst keine Präsidenten waren.

Bearbeitet haben dieses Forschungsprojekt die Medizinhistoriker Prof. Dr. med. Heinz-Peter Schmiedebach und Dr. phil. Rebecca Schwoch, beide Hamburg und in der NS-Forschung erfahren, sowie der Chirurg und Medizinhistoriker Prof. Dr. med. Michael Sachs, Frankfurt am Main. Sie zogen neben den Präsidentenreden und den Roten Büchern auch Personalakten (soweit auffindbar), Veröffentlichungen der Präsidenten und Sekundärliteratur hinzu. So entstanden innerhalb von etwa drei Jahren Biografien der zehn in der NS-Zeit amtierenden Präsidenten (vgl. Kasten), mehr oder weniger ausführlich, je nach Quellenlage. Die Ergebnisse werden in Kürze auch als Buch vorliegen.

Die Autoren beschränken sich nicht darauf, die Einstellung der Protagonisten zum Nationalsozialismus zu schildern, sie würdigen vielmehr auch deren wissenschaftliche Leistungen und ärztliche Karrieren. Damit entsteht das facettenreiche Bild fachlich kompetenter, ja teils ausgezeichneter Chirurgen, die sich mit dem Regime arrangierten – einige eher notgedrungen wie Otto Nordmann, andere um der Karriere willen wie Georg Magnus, manche freudig und überzeugt wie Erich Lexer. Die Lebensläufe belegen einmal mehr, dass hohe fachliche Kompetenz durchaus einhergehen kann mit bereitwilliger Anpassung an politische Vorgaben. So steuerte der bis heute fachlich hoch angesehene Lexer 1934 zeitgemäß einen chirurgischen Beitrag für den Kommentar zum „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ bei. Er betätigte sich auch praktisch einschlägig, wurden doch zwischen 1934 bis 1937 in seiner Münchener Klinik 1 050 „Erbkranke“ sterilisiert. Als Präsident des 60. Chirurgenkongresses 1936 dankte er Hitler „aus ganzer Seele“ und grüßte ihn „ehrfurchtsvoll“ mit einem kräftigen „Sieg Heil“ – übrigens ganz im Sinne der Versammelten, die mit einem „begeisterten Beifall“ (Protokoll) sekundierten.

Solche Präsidentenworte und Heil-Rufe bei einem offiziellen Anlass in Anwesenheit von allerlei Parteiprominenz erlaubt gewiss keine zuverlässigen Rückschlüsse auf das generelle Verhalten der Chirurgen in Deutschland. In der Hinsicht wäre es aufschlussreich, die Arbeit der Chirurgen vor Ort, etwa in den konfessionellen Krankenhäusern zu untersuchen, gab der gegenwärtige Präsident der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie, Prof. Dr. med. Axel Haverich, in Berlin zu bedenken. Doch lassen Präsidentenreden und Versammlungsprotokolle zumindest auf das Verhalten der Funktionsträger schließen. Man müsse da aber genau hinsehen, vermerkt Medizinhistoriker Schmiedebach. Natürlich habe jeder Präsident nach 1933 den Verhältnissen Rechnung getragen. Aber es gebe feine Unterschiede. Während Lexer etwa ausdrücklich Adolf Hitler seine persönliche Ergebenheit bezeugt habe, sei Otto Nordmann 1939 einer solchen Ergebenheitsadresse sorgfältig ausgewichen. Auch der Präsident von 1964, Rudolf Nissen, der 1933 wegen seiner jüdischen Abstammung Deutschland verlassen musste, differenzierte und vermerkte 1969, „dass Männer wie Kirschner, Guleke, Läwen und insbesondere Nordmann versuchten, den Einfluss des Nazismus zu reduzieren“.

Nach 1945 war von den NS-Verwirrungen öffentlich nicht mehr die Rede, geschweige denn von schuldhafter Verstrickung, lebendig blieben allein die chirurgischen Leistungen und die Chirurgenpersönlichkeiten. Durchweg kamen die Präsidenten der Jahre 1933 bis 1945 in der Bundesrepublik oder der DDR wieder zu Ehren, auch in den Chirurgengesellschaften. Das dürfte ein Grund dafür sein, dass sich die Chirurgen (und nicht nur sie) lange schwer taten, die NS-Zeit aufzuarbeiten. Welcher Schüler bringt es schon über sich, das Andenken des verehrten Lehrers anzukratzen? Inzwischen scheint die Zeit reif, wie auch das Beispiel anderer wissenschaftlicher Gesellschaften zeigt.

Das Forschungsprojekt förderte auch zutage, dass sich die Gesellschaft nach 1933 unverzüglich ihrer jüdischen und politisch missliebigen Mitglieder entledigte. Ob sie die Mitglieder aus vorauseilendem Gehorsam oder aus Überzeugung ausschloss, wäre noch zu eruieren. Es könnte eine Mischung aus beidem gewesen sein. Einen Hinweis, wie freiwillige Gleichschaltung funktioniert, liefert der Eintrag von Wilhelm Röpke im Roten Buch. Röpke, der Präsident von 1933, vermeldet, man habe angesichts der „nationalen Strömung“ dafür gesorgt, dass kein jüdischer Redner auf dem Kongress der Gesellschaft zu Wort gekommen sei. Vorausgegangen war ein Brief von Leonardo Conti (damals „Kommissar“ im Preußischen Innenministerium, später Reichsärzteführer) an Röpke. Darin bezeichnete Conti es als „Ehrenpflicht“, sich dem nationalsozialistischen Staat anzupassen und bei der Tagesordnung den Notwendigkeiten der nationalen Entwicklung Rechnung zu tragen. Dies sei, versichert Röpke im Roten Buch, „in jeder Weise geschehen“.

Derzeit sind 216 Namen von Mitgliedern, „die einfach aus den Listen verschwunden sind“ (Schmiedebach), bekannt. Dem Schicksal der verschwundenen Mitglieder will die DGCH weiter nachgehen. In Berlin wurde ein Anschlussprojekt angekündigt. Fürs Erste sollen in der nächsten Ausgabe ihrer „Mitteilungen“ die Namen der bisher bekannten Kollegen veröffentlicht werden in der Hoffnung, dass daraufhin weitere Hinweise eingehen. Das Vorhaben erinnert an ein ähnliches Projekt der Kassenärztlichen Vereinigung Berlin, das mit einem Gedenkbuch und einer Gedenkveranstaltung 2009 eindrucksvoll abgeschlossen wurde. Nun hat sich die DGCH auf den Weg gemacht.

Norbert Jachertz

Präsidenten 1933 bis 1945

1933 Wilhelm Röpke, Wuppertal-Barmen († 1945)

1934 Martin Kirschner, Heidelberg († 1942)

1935 Georg Magnus, Berlin († 1942)

1936 Erich Lexer, München († 1937)

1937 Rudolf Stich, Göttingen († 1960)

1938 Nicolai Guleke, Jena († 1958)

1939 Otto Nordmann, Berlin († 1946)

1940 Hans von Haberer, Köln († 1958)

1943 Arthur Läwen, Königsberg († 1958)

1944 Albert Fromme, Dresden († 1966)

Zwischen 1944 und 1948 fanden keine Chirurgenkongresse statt, Fromme amtierte bis 1949, als er durch Eduard Rehn, Freiburg († 1972) abgelöst wurde.

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