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EDITORIAL

Modellprojekt „Qualitätsmonitoring in der Psychotherapie“: Die Diskussion beginnt erst

PP 10, Ausgabe Juli 2011, Seite 293

Bühring, Petra

Bevor die Diskussion für oder wider das Gutachterverfahren (GAV) die begrüßenswerten Aspekte des Modellprojekts der Techniker-Krankenkasse (TK) zum „Qualitätsmonitoring in der ambulanten Psychotherapie“ überlagert, dies gleich vorweg: Psychotherapie ist hochwirksam und jeden Cent wert. 84 Prozent der Patienten geht es nach der Psychotherapie wesentlich besser, und selbst ein Jahr nach der Therapie nehmen die seelischen Belastungen weiter ab. Jeder in eine Psychotherapie investierte Euro führt innerhalb eines Jahres zu einer Einsparung zwischen zwei und vier Euro an gesamtgesellschaftlichen Kosten. Oder: Eine Psychotherapie kostet im Durchschnitt 3 200 Euro, spart aber aufgrund der wiederhergestellten Arbeitsproduktivität circa 10 425 Euro ein. Die Ergebnisse des Modellprojekts zeigen außerdem, dass niedergelassene Psychotherapeuten Patienten mit vergleichbar schweren psychischen Störungen versorgen wie in der stationären psychosomatischen Behandlung. Zur Qualität der ambulanten Psychotherapie gab es bislang nur wenige aussagekräftige Studien. Die Langzeitstudie, die die TK zusammen mit Wissenschaftlern der Universitäten Mannheim und Trier zwischen 2005 und 2009 mit knapp 400 Psychotherapeuten und 1 700 Patienten in den Regionen Westfalen-Lippe, Hessen und Südbaden durchführte, ist daher ein wichtiger Beitrag zur Versorgungsforschung.

Die Schlussfolgerung, die die Techniker-Krankenkasse jedoch aus ihrem Modellprojekt zieht, nämlich dass auf das Gutachterverfahren verzichtet werden kann, darf infrage gestellt werden. Die Hälfte der teilnehmenden Therapeuten betreute die Patienten nach dem Einsatz des GAV, bei der anderen Hälfte wurden Therapeuten und Patienten mit Hilfe psychometrischer Tests während des Therapieverlaufs immer wieder um Einschätzung der Ergebnisqualität gebeten (Qualitätsmonitoring). Im Vergleich der beiden Ansätze – der zentralen Fragestellung – konnten keine signifikanten Qualitätsunterschiede festgestellt werden. Das Qualitätsmonitoring war dem GAV nicht überlegen.

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Aufgrund der fehlenden Unterschiede spricht die TK dem Gutachterverfahren die Existenzberechtigung ab. „Es dient nicht der Qualitätssicherung, ist aufwendig, bürokratisch und teuer“, erklärt Studienleiter Dr. Thomas Ruprecht gegenüber PP. 40 bis 50 Millionen Euro im Jahr gebe die GKV im Jahr dafür aus. Die Gutachter verdienten gut daran. Dass die Studie dieses Fazit wissenschaftlich gar nicht hergibt, stört ihn nur bedingt. Die Deutsche Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychosomatik und Tiefenpsychologie wirft der TK deshalb auch vor, „die eigenen Ergebnisse zu verzerren und interessengeleitet gegen das Gutachterverfahren zu argumentieren“. Der Bundesverband der Vertragspsychotherapeuten kritisiert, die Kasse „widerspricht den eigenen Ergebnissen“ und „führt die Öffentlichkeit auf eine falsche Fährte“.

Ruprecht indes fordert, es sollte den Krankenkassen freigestellt werden, ob sie ein Gutachten anfordern oder nicht. Das bedeute nicht, dass das Qualitätsmonitoring eingeführt werden soll. Auch an der Genehmigungspflicht für jede Psychotherapie will er festhalten.

Das Gutachterverfahren spaltet die Psychotherapeutenschaft seit vielen Jahren. Eine erneute Diskussion schadet der Sache nicht.


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