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THEMEN DER ZEIT

Psychiatrie in der DDR: Bürgerliche Kontinuitäten

PP 10, Ausgabe Juli 2011, Seite 319

Jachertz, Norbert

Das Leipziger Psychiatriemuseum feierte – und mixte Kunst und Wissenschaft. In Letzterer ist die Frage nach politischem Missbrauch noch nicht beantwortet.

Mit einem Symposium, das unter dem doppeldeutigen Titel IRR-SINN künstlerische und wissenschaftliche Veranstaltungen vereinte, feierte das Leipziger Psychiatriemuseum am 20. und 21. Mai sein zehnjähriges Bestehen. Die Kombination ist charakteristisch für diese ungewöhnliche Institution, die von der Interessengemeinschaft Psychiatriebetroffener, „Durchblick e.V.“, getragen wird.

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Gab es eine spezifische DDR-Psychiatrie, oder sei es richtiger, einfach von Psychiatrie in der DDR zu sprechen?, fragte Thomas R. Müller vom Sächsischen Psychiatriemuseum. Der Referent zum Thema, Dr. med. Ekkehardt Kumbier, Oberarzt in der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Rostock, wählte für seinen Überblick die zweite Version. Dennoch, ein wenig DDR-Psychiatrie scheint es gegeben zu haben, wenn auch das Fach wissenschaftlich nicht so abgekapselt war, wie der Berichterstatter, aus dem Westen kommend, vermutete.

Opfer der „Euthanasie“: Selbstbildnis der Dresdener Malerin Elfriede Lohse-Wächtler, deren Lebensweg im Rahmen des Symposiums anhand von Familienfotos nachvollzogen wurde. Foto: Förderkreis Elfriede Lohse-Wächtler e.V., Hamburg

Kumbier riet, mit der Bewertung noch zu warten. Die Aufarbeitung laufe zwar seit Ende der 90er Jahre, doch fehle bisher eine Gesamtdarstellung. Die Sicherung und Sichtung der Akten aus der DDR-Zeit seien noch nicht abgeschlossen. Doch gebe es zu Teilgebieten schon eine Vielzahl von wissenschaftlichen Veröffentlichungen, etwa zum Stellenwert von Psychotherapie, Psychoanalyse und Psychologie oder auch zu den (in der DDR verschwiegenen) Suiziden.

Die Akteneinsicht ist noch nicht abgeschlossen

Die nach der „Wende“ immer wieder gestellte Frage nach dem politischen Missbrauch der Psychiatrie ist, folgt man Kumbier, noch nicht abschließend zu beantworten. Er verwies jedoch auf die gründliche Darstellung der Psychiaterin Dr. med. Sonja Süß, die zu dem Ergebnis kommt, dass es einen systematischen politischen Missbrauch nicht gegeben habe, wohl aber Übergriffe in einzelnen Fällen.

Presseberichte zu den Anstalten Waldheim und Uchtspringe, die nach der Wende einiges Aufsehen erregten, betrafen, erläuterte Kumbier, Missstände in der ärztlichen und pflegerischen Betreuung sowie bauliche Mängel, nicht aber politischen Missbrauch. Im Publikum waren freilich auch Stimmen zu hören, die solchen Missbrauch für möglich, wenn auch für schwer nachweisbar halten und damit die These des Referenten stützten, die Aufarbeitung halte noch an.

Kumbier unterschied vier Phasen der „Psychiatrie in der DDR“:

  • Phase 1, 1945 bis 1949: Die Zeit der Mangelverwaltung, Mangel vor allem auch an Ärzten. Daher auch deren flüchtige Entnazifizierung und schnelle Integration. Es galt, die medizinische Versorgung sicherzustellen und die wissenschaftlichen Ressourcen zu erhalten.
  • Phase 2, 1950 bis 1960: Anhaltende Abwanderung von Ärzten, Aufbau eigener Strukturen. So wurde 1956 die Gesellschaft für Psychotherapie und Neurologie in der DDR gegründet. Partei und Staat propagierten die Lehre von Iwan Petrowitsch Pawlow (Motto: „Für die Aneignung der Sowjetwissenschaft“), wie auf der Pawlow-Tagung Anfang 1953 in Leipzig. Betont wurden die biologischen Erklärungsursachen psychischer Erkrankungen, die sozialen traten dagegen zurück. Doch war man andererseits offen genug, an der Tagung der Fachgesellschaft 1956 Ost und West zu beteiligen. Noch war die Grenze offen.
  • Phase 3, 1961 bis Mitte 1970: Der Bau der Mauer 1961 stoppte nicht nur die Abwanderung von Ärzten, er markiert auch, sagte Kumbier, „eine Zäsur im Verhältnis zwischen Wissenschaft und Politik“, zumal sich schon seit etwa 1958 ein Generationenwechsel vollzog. Die neue Psychiatergeneration verhielt sich gegenüber dem politischen System loyal, brach aber gleichwohl nicht mit tradierten Berufsauffassungen; Kumbier sprach von „bürgerlichen Kontinuitäten“.

Auf einem Symposium sozialistischer Länder über psychiatrische Rehabilitation 1963 wurden die „Rodewischer Thesen“ verabschiedet. Deren Verfechter forderten die Öffnung der Großanstalten und die Integration der psychisch Kranken in die Gesellschaft. Die „Brandenburger Thesen“ von 1974, mit denen die soziale Integration und Mitbestimmung des Patienten („therapeutische Gemeinschaft“) eingefordert wurden, deuten indes darauf hin, dass sich „Rodewisch“ kaum durchsetzte.

Öffnung der Anstalten: Ost vor West

Während der Tagung im Leipziger Psychiatriemuseum bemerkte Prof. Dr. med. Klaus Weise, einer der Vorkämpfer einer Psychiatriereform in der DDR, dass die Wirkung der Rodewischer Thesen „insgesamt sehr schwach“ gewesen sei. Doch hätten sie örtliche Auswirkungen gehabt, zum Beispiel in Leipzig (Weise selbst steht für das „Leipziger Modell“), Halle und Brandenburg. Die DDR sei eben ein armes Land gewesen, auch seien sich die Psychiater nicht einig gewesen. Die einen hätten die großen Anstalten verteidigt, andere deren Öffnung.

Immerhin lag „Rodewisch“ durchaus im Trend der Zeit, ja war ihm 1963 voraus. Man bedenke, dass im Westen erst der 74. Deutsche Ärztetag 1970 in Stuttgart und die 1971 vom Deutschen Bundestag in Auftrag gegebene Psychiatrie-Enquete (vorgelegt 1975) zu ähnlichen Ergebnissen kamen.

  • Phase 4, von 1970 an: Die vierte Phase ist Kumbier zufolge durch eine vorsichtige Liberalisierung gekennzeichnet. Habe bis dahin zum Beispiel die Gruppentherapie vorgeherrscht, so seien jetzt auch individuell bezogene Verfahren einschließlich Psychoanalyse und tiefenpsychologisch fundierter Psychotherapie anerkannt worden. Diese seien seit den 50er Jahren diskreditiert gewesen, hätten aber seit den 80er Jahren an Einfluss gewonnen.

In einer Produktion des „Durchblick“ wurden, um den künstlerischen Teil des Leipziger Symposiums zumindest zu erwähnen, Daniel Schrebers „Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken“ in Szene gesetzt. Schreber, der Sohn des Orthopäden und „Erfinders“ der Schrebergärten, war ein namhafter Jurist, Patient und bizarrer Schriftsteller. Der Medizinhistoriker Dr. rer. medic. Holger Steinberg (Leipzig) stellte neue Quellen zum „Fall Woyzeck“ vor, die die Annahme von Georg Büchner oder auch Alban Berg, Woyzeck/Wozzeck sei geisteskrank und nicht zurechnungsfähig gewesen, infrage stellen.

Dr. phil. Boris Böhm (Pirna), Leiter der Gedenkstätte Sonnenstein, ging anhand eines Fundus familiärer Fotografien dem Aufstieg und Abstieg von Elfriede Lohse-Wächtler nach, einer (expressionistischen) Malerin, die aus dem bürgerlichen Leben immer wieder auszubrechen versuchte, schließlich in die Anstalt Arnsdorf eingewiesen wurde und 1940 auf dem Sonnenstein umkam, ein Opfer der „Euthanasie“ der Nationalsozialisten.

Norbert Jachertz

WEITER FORSCHEN

Foto: privat

Dr. med. Ekkehardt Kumbier, Referent zum Tagungsthema, hat zur Geschichte der Nervenheilkunde geforscht, beispielsweise zur Fächerdifferenzierung unter sozialistischen Bedingungen und zur Frage der Beteiligung der Psychiatrischen Kliniken in Mecklenburg an der „Euthanasie“ im NS-Staat. Eine von ihm betreute Dissertation hatte den Einfluss des Pawlowismus auf die Wissenschaft der DDR am Beispiel der Nervenheilkunde zum Thema.


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