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THEMEN DER ZEIT

Rollenklischees in Kinderbüchern: Kein Fortschritt in Sicht

PP 10, Ausgabe Juli 2011, Seite 321

Sonnenmoser, Marion

Viele Bilderbücher vermitteln Kindern unter sechs Jahren, die ihre eigene geschlechtliche Identität erst noch entwickeln, in unkritischer Weise bestimmte Geschlechtsrollenklischees. Diese haben kaum etwas mit der Realität zu tun.

Mitte der Achtzigerjahre beschäftigten sich die Hamburger Autorin Astrid Matthiae und andere Autoren und Wissenschaftler mit den Geschlechtsrollen und ihren Darstellungen in gängigen Bilderbüchern der damaligen Zeit. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass Geschlechtsrollenklischees in dieser Buchgattung häufig vorkommen und traditionelle Rollenbilder festigen. Beispielsweise sind in Bilderbüchern die Akteure, Hauptpersonen und Helden meistens männlich, während weibliche Figuren in der Regel unterrepräsentiert sind, passiv bleiben, Nebenrollen besetzen und minderbegabt dargestellt werden. Weibliche Figuren beschäftigen sich in Bilderbüchern darüber hinaus häufiger mit Haushaltstätigkeiten und Kindererziehung, während männliche Figuren eher einen Beruf ausüben, Sport treiben oder sich in einem Fahrzeug fortbewegen.

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Gut ein Vierteljahrhundert später wollten die Braunschweiger Psychotherapeutin Elisabeth Jürgens und die Psychologin Prof. Dr. Ruth Jäger wissen, welche Rollenbilder zu Beginn des zweiten Jahrtausends in Bilderbüchern vermittelt werden. Sie interessierte besonders, ob Geschlechtsrollenstereotypen immer noch so häufig in Bilderbüchern vorkommen, obwohl die Gleichstellung der Frau, die mit einer stärkeren Ausrichtung von Frauen auf den Beruf, höheren Ausbildungsabschlüssen von Frauen und mit der Auflösung traditioneller Geschlechtsrollen einhergeht, seither weiter fortgeschritten ist.

Um dies festzustellen, analysierten sie zwölf Bücher unter Gendergesichtspunkten, die in den Jahren 2007 und 2008 in die Empfehlungsliste für den Deutschen Jugendliteraturpreis in den Sparten Bilder- und Kinderbuch mit einer Altersempfehlung bis sechs Jahren aufgenommen worden waren. Bücher, die auf dieser Liste stehen, werden von Eltern, Erziehern, Lehrern und Buchhändlern sowie von Büchereien und Bibliotheken als Auswahlhilfe herangezogen, haben Signalwirkung und finden viel Beachtung.

Die Autorinnen fanden heraus, dass keines der nominierten Bücher von einer Frau geschrieben worden war. Nach wie vor werden männliche Figuren bevorzugt und sind überrepräsentiert. Sie haben vorwiegend die Hauptrollen inne, während sie in den Nebenrollen ungefähr genauso häufig vertreten sind wie weibliche Figuren. In der genannten Auswahl an Bilderbüchern gibt es sogar Bücher, in der ausschließlich männliche Hauptfiguren vorkommen. Darüber hinaus werden männliche Figuren meistens positiv gezeichnet oder machen eine wünschenswerte Entwicklung durch. Im Gegensatz dazu sind weibliche Figuren nur selten Protagonisten, und in manchen Büchern kommen sie überhaupt nicht vor. Sie haben nur selten Vorbildfunktion und werden eher gemäß dem Geschlechtsrollenstereotyp ambivalent oder negativ (dumm, unwissend, hilflos, passiv, böse) dargestellt. Unter Gendergesichtspunkten hat sich im Bereich Bilderbücher in den letzten 25 Jahren also wenig getan.

Die Autorinnen halten diesen Befund im Hinblick auf die Geschlechtsrollensozialisation für problematisch. Denn viele Bilderbücher vermitteln Kindern, die altersbedingt ihre eigene geschlechtliche Identität erst noch entwickeln und sich daher in einer sensiblen und prägbaren Phase befinden, offenbar in unkritischer Weise bestimmte Geschlechtsrollenklischees, die kaum etwas mit der Realität zu tun haben. Jürgens und Jäger kritisieren den unreflektierten Umgang mit Geschlechtsrollenstereotypen in Bilderbüchern und meinen: „Notwendig erscheint eine Sensibilisierung der Jury des Deutschen Jugendliteraturpreises ebenso wie all derjenigen, die Bilderbücher für Kinder aussuchen.“

Kritisch anzumerken ist, dass die Stichprobe an ausgewählten Bilderbüchern sehr klein und selektiv und daher nicht repräsentativ für die Gesamtheit der Bilderbücher ist. Die Studie ist daher nur bedingt aussagekräftig, und die Ergebnisse sind nicht verallgemeinerbar. Auch vernachlässigt sie, dass es mittlerweile eine ganze Reihe von Bilderbüchern gibt, die sich speziell dem „Starkmachen“ von Mädchen widmen und ganz gezielt weibliche Figuren in positiver Weise darstellen. Weitere Untersuchungen mit größeren und repräsentativen Stichproben wären daher notwendig.

Marion Sonnenmoser

1.
Jürgens E, Jäger R: Auf der Suche nach männlich und weiblich – welche Informationen finden Vorschulkinder heute im Bilderbuch? Verhaltenstherapie und psychosoziale Praxis 2010, 42(4): 1045–59.
2.
Matthiae A: Vom pfiffigen Peter und der faden Anna – zum kleinen Unterschied im Bilderbuch. Frankfurt: Fischer 1986.

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