KULTUR

Sibirien: Ökotourismus auf Russisch

PP 10, Ausgabe Juli 2011, Seite 333

Buhr, Uta

Zum Angeln und Jagen in die Taiga, auf den Spuren des letzten Zaren in Tobolsk

Foto: picture alliance
Ein Himmel voller Sterne wölbt sich über der Taiga. Ihr Licht lässt das Wasser des Sees silbern aufblitzen. Aus der Tiefe des Waldes dringen Tierlaute. Plötzlich raschelt es im Unterholz, und ein Elch mit mächtigem Geweih betritt die Lichtung, nimmt Witterung auf und verschwindet im Dickicht – im Herzen Sibiriens.

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Mit dem Hubschrauber sind wir Stunden zuvor aus Tjumen nach Kunjaks aufgebrochen. Schier endlose Birkenwälder, unterbrochen von Teichen und Tümpeln, prägen das Bild der Landschaft, die fast nahtlos in einen dichten Nadelwald übergeht. Erst jüngst wurde hier ein kleines Feriendorf erbaut. Um einen See gruppiert sich eine Reihe einfacher Holzhütten. „Wir müssen noch etwas nachrüsten“, räumt Victor ein, Mitinitiator des Projekts. „Aber das Konzept ist stimmig und dürfte auch Menschen aus Deutschland anlocken, die auf Ökotourismus stehen.“ Vieles spricht dafür, dass vor allem Angler und Jäger in Kunjaks ihr Eldorado entdecken. Die Gewässer sind sauber, der See vor der Haustür randvoll mit Fischen. Einige besonders stramme Exemplare werden abends am Lagerfeuer gegrillt und, mit den Pilzen und Beeren des Waldes gefüllt, aus „der Faust“ genossen, während die mit Wodka gefüllten Gläser kreisen und die Scheite knacken.

In Tjumen, dem „Tor nach Sibirien“, brummt es rund um die Uhr. Des Volkes Himmel ist der Rummelplatz im Zentrum der Stadt, ein Mini-Disneyland mit schreiend bunten Plastikschwänen auf einem künstlichen Teich und Pommesbuden, aus denen ohrenbetäubende Musik schallt. Die 1586 gegründete Stadt hat aber auch manch schöne Ansicht zu bieten. Blendend weiß erstrahlt die Erlöserkirche in der Mittagssonne. Und die vielen mit Schnitzwerk verzierten pastellfarbenen Häuser aus dem 19. Jahrhundert sind echte Hingucker.

Als Höhepunkt erweist sich Tobolsk. Die Stadt erhielt erst jüngst ein Facelifting, das sie Ministerpräsident Wladimir Putin zu verdanken hat. Als dieser vor zwei Jahren vorbeikam, war er nicht erfreut

Fotos: Uta Buhr
über den desolaten Zustand der einst prächtigen Gebäude. Er soll nur kurz gesagt haben: „Da müsst ihr was tun.“ Und so geschah es – auch mit schnell bewilligten Geldern aus der Staatskasse. Sibirien ist mit seinen reichen Öl- und Gasvorkommen ein wohlhabendes Land. Nur leider, beklagen die Einheimischen hinter vorgehaltener Hand, muss zu viel von diesen Einnahmen nach Moskau abgeführt werden. In Tobolsk vollzog sich auch eine der dramatischsten Episoden der russischen Geschichte. Nach der Oktoberrevolution wurde die Familie des letzten Zaren Nikolaus II. dort im Gouverneurspalast interniert, bevor Bolschewiki sie 1918 in Jekatarinburg ermordeten. „Jeden Schritt überwachten die neuen Machthaber“, erzählt Stadtführerin Inna. „Nur an seinem Schreibtisch durfte der Zar allein sitzen.“ Heute lassen sich Touristen hinter dem Möbelstück ablichten. Inzwischen sind die Romanows weitgehend rehabilitiert. Dafür, dass dem Sibirjaken Grigori Rasputin auch endlich Gerechtigkeit widerfährt, hat sich bereits während der Sowjetzeit Jurgewna Smirnova eingesetzt. Sie hütet das Erbe des Wunderheilers und Zarenfreundes in dessen Heimatort Pokrowskoje. Jüngst freigegebene Dokumente sollen zudem belegen, dass kein Russe, sondern ein Mitglied des britischen Geheimdienstes Rasputin 1916 in St. Petersburg ermordete.

Uta Buhr

Informationen: www.russlandinfo.de.

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