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WIRTSCHAFT

Evangelische Krankenhäuser: Den Marktanteil gehalten

Dtsch Arztebl 2011; 108(28-29): A-1592

Steinert, Andrea

Ein genauer Blick auf die Zahlen zeigt: Der privaten Konkurrenz mag es zwar nach weiteren Übernahmen dürsten, kirchliche Krankenhäuser dürften dafür aber weniger infrage kommen. Foto: Bilderbox

Passen konfessionell geführte Krankenhäuser überhaupt noch in die Zeit? Dies war eine der Fragen, die bei der Jahrestagung des Deutschen Evangelischen Krankenhausverbandes diskutiert wurden.

Warum machen wir das mit den Krankenhäusern überhaupt noch?“ Diese Frage werde ihm durchaus gestellt, berichtet Pfarrer Christoph Radbruch von den Pfeifferschen Stiftungen in Magdeburg. Schließlich seien etwa 60 Prozent der Mitarbeiter nicht einmal mehr in der Kirche. Und in jeder Pflegehandlung das besondere evangelische Moment zu finden, sei auch nicht gerade einfach. Es sind weitreichende Worte, die hier im Plenum des Evangelischen Krankenhausforums Ende Juni in Frankfurt/Main fallen. Auf den Plätzen wird es unruhig. Ein Teilnehmer meldet sich zu Wort: Man habe doch einen biblischen Auftrag, sagt er. Ein weiterer bekräftigt: „Wir machen das im Auftrag Jesu Christi.“ Zustimmendes Gemurmel. Der Referent bietet eine Lösung an, wie das eigene Tun im Krankenhausalltag eben doch begründet werden kann: Das Besondere sei nicht unbedingt die Handlung, sondern die diakonische Deutung.

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Der Wille aufseiten der Träger ist da. Aber können sich die evangelischen Krankenhäuser auf einem Markt behaupten, dessen Spielregeln nicht nur christlich sind? Die vergangenen Jahre waren schwierig. Seit 1999 hat die evangelische Kirche 30 Krankenhäuser an andere Träger verloren, vor allem an kommerzielle. Sieben Krankenhäuser mussten schließen. Eine Trendwende scheint nicht in Sicht. Hinter vorgehaltener Hand heißt es am Rande der Tagung: Wie machen die Privaten das bloß? Sie zahlen höhere Steuern, müssen für ihre Kapitalkosten tiefer in die Tasche greifen, arbeiten kaum mit Ehrenamtlichen zusammen und sind doch rentabler.

Pfarrer auch bei den Privaten

Auch dass der Krankenhaus-Rating-Report 2011 ausgemacht haben will, dass Patienten in wirtschaftlich arbeitenden Kliniken zufriedener sind als in unrentablen, bereitet Sorgen. Vielleicht fehlt wenigstens die christliche Seelsorge bei Rhön, Asklepios, Sana, Helios & Co? Fehlanzeige. Einige der Konzerne holen sich bereits gegen Bezahlung Pfarrer ins Haus.

Der Vorsitzende des Deutschen Evangelischen Krankenhausverbandes (DEKV), Manfred Witkowski, hat sein halbes Leben als Krankenhausmanager verbracht. Heute leitet er die EKF – Evangelische Krankenhausfördergesellschaft in Hamm, eine Holding mit drei Krankenhäusern und weiteren Einrichtungen. Witkowski lehnt sich zurück, lächelt und sagt, wichtig sei, genau hinzuschauen. Er beginnt mit den Krankenhäusern, die die evangelische Kirche in den vergangenen Jahren verloren hat. „Es kommt darauf an, den Marktanteil zu halten. Und das ist uns gelungen.“ Man bewege sich nun einmal in einem schrumpfenden Markt. Da komme es vor, dass es auch die eigenen Häuser treffe. Aber anders als viele kommunale Träger habe man sich am Markt behaupten können.

In Deutschland gibt es zurzeit etwas mehr als 200 evangelische Krankenhäuser. Circa 100 000 Beschäftigte arbeiten in den Einrichtungen. Sie versorgen jährlich etwa zwei Millionen Patienten. Der Jahresumsatz beträgt mehr als 6,2 Milliarden Euro. Evangelische Krankenhäuser sind damit ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Aber es herrscht ein scharfer Wettbewerb. Bis zum Jahr 2020 könnten insgesamt ungefähr zehn Prozent der Krankenhäuser aufgeben, so die Prognose des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) im Krankenhaus-Rating-Report 2011. Wird es auch evangelische Häuser treffen?

Erstmals untersuchten die Wissenschaftler des Rating-Reports auch die Trägerschaft im Detail. In Sachen Wirtschaftlichkeit ergab sich eine klare Rangliste: Die freigemeinnützigen waren deutlich mehr auf Zack als die kommunalen. Mit den privaten konnten sie jedoch nicht mithalten: So schreiben 85 Prozent der privaten Krankenhäuser schwarze Zahlen, knapp 70 Prozent der freigemeinnützigen und etwa 50 Prozent der kommunalen. Durchaus überraschend zeigte die Analyse allerdings, dass die Wahrscheinlichkeit, bald Insolvenz anmelden zu müssen, bei den freigemeinnützigen Krankenhäusern nicht wesentlich höher war als bei den privaten. Das RWI schlussfolgert, die konfessionellen Krankenhäuser hätten sich am Markt „gut behaupten“ können.

Delikate Ergebnisse brachte der Vergleich zwischen den Konfessionen zutage: So erwiesen sich die Katholiken eindeutig als die besseren Manager. Während 69 Prozent der katholischen Krankenhäuser einen Gewinn erwirtschafteten, gelang dies nur 62 Prozent der evangelischen Häuser. Die Katholiken hätten frühzeitiger auf große Verbünde gesetzt, räumt Witkowski ein. Aber man habe inzwischen nachgezogen. „Denn Verbundbildung ist der wichtigste Punkt, um wettbewerbsfähig zu bleiben“, sagt Witkowski. „Das gilt vor allem auch für die Zukunft.“ So gibt es auf evangelischer Seite inzwischen eine ganze Reihe von Verbünden, wie etwa Agaplesion, den Valeo-Klinikverbund oder ProDiako. Sie alle handeln nach dem Motto „Gemeinsam stark sein“ und bilden Einkaufsgemeinschaften oder tauschen ihr Know-how untereinander aus. „Allerdings ist ein Verbund kein Allheilmittel“, warnt Witkowski vor einer zu undifferenzierten Betrachtungsweise: „Entscheidend ist eine hohe Verbindlichkeit innerhalb des Verbundes.“

Kircheninterne Lösungen

Nicht nur die Verbünde sollen wachsen. Auch einzelne Kliniken, indem sie schwächelnde Häuser aus den eigenen Reihen aufkaufen. Das ist ausdrückliche Verbandspolitik. Nachdem im vergangenen Jahr die Rummelsberger Anstalten ihr Krankenhaus in Schwarzenbruck an die private Sana-Kliniken AG verkauften und damit schmerzhaft klar wurde, wie schnell Marktanteile auch verlorengehen können, setzt der Verband jetzt offensiv auf kircheninterne Lösungen. Vorstand und Geschäftsführung bieten an, die nötigen Kontakte herzustellen.

Drei Punkte schreiben die Wissenschaftler des RWI den evangelischen Krankenhausmanagern ins Aufgabenheft, um ihre Häuser weiter fit für die Zukunft zu machen: Die Kliniken müssten auf ein eigenverantwortliches Management mit hohem Autonomiegrad achten, Entscheidungsprozesse in Aufsichtsgremien verschlanken und überregionale Verbünde nutzen, die über lose Kooperationen hinausgingen. Dann könnten die evangelischen Träger ihre Wettbewerbsposition voraussichtlich halten oder „sogar ausbauen“. Viele dieser Punkte habe man bereits umgesetzt, sagt Witkowski. Und auch für die Gesamtheit der kirchlichen Krankenhäuser hält der Report beruhigende Worte bereit: „Wir gehen davon aus, dass sie ihren Marktanteil von 30 Prozent halten werden.“ Der genaue Blick auf die Zahlen zeigt also: Der privaten Konkurrenz mag es zwar nach weiteren Übernahmen dürsten, kirchliche Krankenhäuser dürften dafür aber weniger infrage kommen.

Andrea Steinert


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