POLITIK

Reaktionen auf die PID-Entscheidung: Zustimmung und Kritik

Dtsch Arztebl 2011; 108(28-29): A-1562 / B-1324 / C-1320

Klinkhammer, Gisela

Die Schlagzeilen der Tageszeitungen am 8. Juli kommentierten die Bundestagsentscheidung.

Die Bundesärztekammer will daran mitwirken, dass das Verfahren unter kontrollierten Bedingungen angewendet werden kann. Vertreter der Kirchen bedauern das Votum des Bundestages.

Schon kurz nach Ende der Bundestagsdebatte zur Präimplantationsdiagnostik (PID) gab es die ersten Reaktionen. Die Entscheidung wurde erwartungsgemäß sehr unterschiedlich aufgenommen. Für einen verantwortungsvollen Umgang mit der PID hat sich der Präsident der Bundesärztekammer, Dr. med. Frank Ulrich Montgomery, ausgesprochen. Er teilte mit, dass „wir Ärzte Verantwortung übernehmen werden, dass dieses Verfahren unter kontrollierten Bedingungen und nur bei vorheriger fachkundiger Beratung angewendet wird. Wir wollen auf keinen Fall, dass die PID ein Routineverfahren der In-vitro-Fertilisation wird. Sie muss auf
wenige und ganz bestimmte Indikationen begrenzt werden.“ Keine Indikationen für die PID dürften Geschlechtsbestimmungen ohne Krankheitsbezug, das Alter der Eltern oder Maßnahmen der assistierten Reproduktion im Allgemeinen sein. „Mit uns wird es kein Designerbaby geben und auch kein sogenanntes Retterbaby, das nur einem erkrankten Kind als Ersatzteillager dienen soll. Wir sind auch gegen einen Katalog bestimmter Krankheiten“, betonte Montgomery. Vielmehr sollten den Kommissionen bei den Ärztekammern, besetzt mit Ärzten, Psychologen, Theologen, Ethikern und Juristen, die einzelnen Behandlungsfälle in anonymisierter Form vorab zur Beurteilung vorgelegt werden. „Wir Ärzte werden dafür sorgen, dass die betroffenen Paare eine gute psychosoziale Betreuung und Beratung bekommen.“

Anzeige

Auch der Präsident der Ärztekammer Berlin, Dr. med. Günther Jonitz, fordert, „dass für die Durchführung der PID genaue Regelungen getroffen werden müssen. Es geht hier ausschließlich um den Schutz der Mütter und der werdenden Eltern. Das ,Baby nach Maß’ muss strikt verboten bleiben!“ Grundsätzlich begrüßte Jonitz die Entscheidung des Bundestages. Bei einer Ablehnung der PID hätten aus medizinischer Sicht auch Abtreibungen verboten werden müssen, sagte er.

„Selektion von Embryonen“

Der Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Präses Nikolaus Schneider, begrüßte es, dass nun Rechtssicherheit herrsche. Er würdigte auch den Entscheidungsprozess der Politikerinnen und Politiker. „Sie haben sich Zeit gelassen, mit großem Ernst gedacht und diskutiert und, wie es dieser Sache angemessen ist, fraktionsübergreifend der persönlichen Entscheidung Raum gegeben.“ Schneider meinte auch, dass Fortpflanzungsmedizin in Deutschland mit großem Verantwortungsbewusstsein betrieben und in Anspruch genommen werde. „Ich möchte Medizinerinnen und Medizinern sowie den Paaren nicht mit einem grundsätzlichen Misstrauen gegenübertreten.“ Allerdings hält der EKD-Vorsitzende die Freigabe der Präimplantationsdiagnostik für „zu weit gehend“. Er hätte eine Zulassung der PID nur für den Ausnahmefall einer mit großer Wahrscheinlichkeit drohenden Tot- oder Fehlgeburt persönlich vorgezogen.

Auf sehr viel schärfere Kritik stößt die geplante Neuregelung beim Vorsitzenden der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Dr. Robert Zollitsch: „So sehr wir die Nöte von Eltern verstehen und den Wunsch nach einem gesunden Kind nachvollziehen können; die Selektion von menschlichen Embryonen verstößt gegen das Achtungsgebot der Menschenwürde, die jedem Menschen von Anbeginn zuteil ist.“ Jeder Mensch sei einmalig als Person und Träger seiner unverfügbaren Würde, unabhängig von seinem Entwicklungsstand, seinen aktuellen Fähigkeiten, seinen Begabungen, Stärken, Schwächen oder seiner sozialen Stellung, und zwar in allen Phasen seines Daseins.

„Guter und vertretbarer Weg“

Auch der Europaabgeordnete Peter Liese (EVP-Christdemokraten) bedauert das Votum des Bundestages. „PID ist keine menschenfreundliche Methode und garantiert auch kein gesundes Kind. Ich hoffe sehr, dass die Entscheidung nicht der Startschuss für die Abschaffung des Embryonenschutzgesetzes war“, betont Liese. Das einzig Gute an der PID-Diskussion sei, dass von allen Seiten darauf hingewiesen worden sei, dass eine Abtreibung ethisch problematisch sei und auch für die Frau eine große Belastung bedeute. Der schleswig-holsteinische Gesundheitsminister Heiner Garg (FDP) dagegen hält die getroffene Entscheidung für einen „guten und vertretbaren Weg“.

Die Bundesvereinigung Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung befürchtet, dass die PID künftig bei vielen Paaren angewandt wird und Behinderung als vermeidbar erscheinen lässt. „Die Lebenshilfe hat sich für ein anderes Ergebnis eingesetzt. Viele Menschen mit Behinderungen müssen diese Entscheidung als diskriminierend empfinden“, sagte der Vorsitzende der Bundesvereinigung, Robert Antretter.

Gisela Klinkhammer

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Alle Leserbriefe zum Thema

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

Anzeige