"Herr Doktor, diese Vitaminpillen sind doch gut für mich, nicht wahr?!" will eine steinalte Dame von mir wissen, die in Begleitung ihrer Tochter vor mir sitzt, und reicht mir einen Zettel mit einer sündhaft teuren Vitamin B- und C-Mischung herüber, wie sie in jeder halbwegs naturfremden Fruchtsaftmischung zu finden ist.
Ich verziehe meine Mundwinkel und beobachtet die Tochter, deren Hautfarbe ins Ärgerliche changiert. "Und diese Aufbaupillen, die brauche ich auch dringend, nicht wahr?!" Ich kann nach Studium der wirksamen Bestandteilen nur überwiegend aufbauende Effekte für die Rendite der herstellenden Firma ausmachen.
Also rate ich ihr, ein paar naturnahe Orangen auf dem Markt zu kaufen und vom gesparten Geld sich ein Essen im Kreise der Familie in einem guten Restaurant ihrer Wahl zu gönnen. Die alte Dame ist von dem Rat nicht begeistert, die Tochter umso mehr.
"Aber die Werbung sagt, das sei Vitalität und Spannkraft!" Ein paar Früchte vom Supermarkt würden ihr das Gleiche bieten. Und meiner Ansicht nach würde sie mit ihrer schmalen Rente damit nur die Spannkraft der Pharmafirma erhöhen. Mir wäre es sowieso rätselhaft, was sich alles auf diesem Markt tummeln würde; es würde mich nicht wundern, wenn es demnächst frische Luft aus dem Sauerland, einzeln verpackt in Tüten, zu kaufen gäbe.
Die Tochter lacht laut und meint: "Mutti, der Doktor hat Recht, lass' uns gehen!" Beim Hinausgehen wendet sich die alte Dame noch mal um: "Wo gibt's denn das, frische Luft aus dem Sauerland in Tüten?" Für solch schrägen Unfug sind wir Ärzte nicht zu haben.
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Hypersomniac am Dienstag, 13. September 2011, 19:10
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Sehr gut gelungener Textbeitrag! Hervorragend!
:-)
praxisnah
Mit scharfem Blick und einem Augenzwinkern berichtet Thomas Böhmeke, Kardiologe aus Gladbeck, in seinem Blog von den alltäglichen Begegnungen in der Arztpraxis.
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