Gratwanderung

Sterbehilfekliniken: Empörung selbst in den Niederlanden

Freitag, 21. Januar 2011

In den Niederlanden ist aktive Euthanasie unter bestimmten Voraussetzungen erlaubt. Doch dass jetzt sogar sogenannte Lebensendekliniken geplant werden, stößt selbst in dem liberalen Nachbarland auf Empörung. Geplant werden diese Kliniken von der „Niederländischen Vereinigung für ein freiwilliges Lebensende“.

Für notwendig hält die Vereinigung eine solche Klinik, weil „es Ärzte gibt, die prinzipiell gegen Euthanasie sind und die darum auch nicht auf andere Ärzte verweisen, weil sie auf diese Weise indirekt an der Euthanasie beteiligt seien. Für Patienten von solchen Ärzten kann die Lebensendeklinik eine Alternative bieten.“

Anzeige

Selbst der niederländischen Ärzteorganisation geht dieses Vorhaben eindeutig zu weit. Sie beanstandet vor allem die sehr kurze Verweildauer der „Patienten“. Interessant ist aber auch, dass es offenbar zahlreiche Ärzte gibt, die aktive Euthanasie ablehnen und die in keinerlei Weise bereit sind, zu unterstützen.

In Deutschland ist man von solchen Entwicklungen weit entfernt. Hierzulande wird zurzeit darüber diskutiert, ob eine ärztliche Unterstützung beim Suizid nicht nur strafrechtlich, sondern auch berufsrechtlich zulässig sein soll. Die Entwicklung in den Niederlanden sollte bei solchen Erwägungen aber zu denken geben. Denn das Dammbruchargument ist nicht von der Hand zu weisen.

Und anstelle Patienten aktive Euthanasie anzubieten, ist vielmehr der Aufbau einer flächendeckenden palliativmedizinischen Versorgung erforderlich. Dabei hapert es offenbar auch in den Niederlanden.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

advokatus diaboli
am Montag, 24. Januar 2011, 17:35

@Dr. Schätzler

Verehrter Herr Doktor.

Ich würde es begrüßen, wenn Sie sich darauf beschränken würden, in der Sache qualifiziert zu argumentieren, auch wenn es in Zeiten bewegter Wertedebatten schwer fällt, ein stückweit Toleranz zu üben.

Im Übrigen scheint ja der Vorstand der BÄK einen weitreichenden Beschluss am vergangenen Freitag gefasst zu haben, der Ihnen mehr als gelegen kommen dürfte.
Ob dieser Beschluss Bestand haben wird, muss sich in der Folge zeigen und zwar gerade mit Hinblick auf die Liberalisierung der ärztlichen Suizidassistenz und zwar unter dem Zeitpunkt, unter dem die Landesärztekammer meinen, diesen Vorstandsbeschluss „ratifizieren“ zu müssen.

Der Vorstand der BÄK ist in diesem Bereich zur „Normsetzung“ mit beachtlicher Außenwirkung nicht befugt und es fragt sich, woher die BÄK meint, ihre Kompetenz für die Generierung von Grundrechtsschranken nehmen zu können, mal ganz davon abgesehen, dass hier vortrefflich darüber gestritten werden kann, ob der Beschluss „ethisch“ vertretbar ist.

Weiterhin mit Verlaub: Herr Windhorst irrt, wenn er glaubt, dass es dann weiterhin eine Diskrepanz zwischen Strafrecht und Berufsrecht gäbe. Das Berufsrecht der Ärzteschaft dient nicht dazu, einen fragwürdigen ethischen „Konsens“ mit aller Macht durchdrücken zu wollen, der so in der Ärzteschaft bei weitem nicht mehr feststellbar ist.

Sollte sich das bestätigen, haben wir es mit einem unglaublichen Vorgang zu tun, der in keiner Weise zu akzeptieren und in höchstem Maße verfassungsrechtlich bedenklich ist. Ich meine, ein Fall für die staatliche Rechtsaufsicht!

Bleibt zu hoffen, dass der diesseitige Kommentar nicht gelöscht wird.

Lutz Barth
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Sonntag, 23. Januar 2011, 10:08

Da bleibt nur Sarkasmus!

Bei uns brauchen wir keine Sterbekliniken. Man muss ja nur in eine "Schönheitsklinik" zur Brustvergrößerung gehen. Die können das Andere auch!
Mit kollegialen Grüßen, Dr. med Thomas G. Schätzler, FAfAM Do

PS: @advokatus diaboli: PID, Sterbehilfe oder so ...; ist doch eh' alles das Selbe? Advok(c)atus? Ach ja, "Käsar und Kikero gingen in den Kirkus"
advokatus diaboli
am Sonntag, 23. Januar 2011, 05:40

"Glaubensbotschaften" und wissenschaftlicher Diskurs

„Über Empfehlungen ethischen und politischen Charakters ist ein Konsens kraft wissenschaftlicher Erkenntnis nicht zu erzielen.“. so der frühere Präsident der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Dietmar Willoweit Willoweit mit Blick auf die Stellungnahme der Wissenschaftsakademien zur PID.

Seine Kritik kann m.E. aber auch auf die Debatte um die Liberalisierung der Sterbehilfe übertragen werden. Die „Glaubwürdigkeit“ insbesondere der Ethik als Wissenschaft ist daran zu messen, Fakten und Alternativen darzustellen und nicht im Kern „persönliche Einstellungen“ in die Öffentlichkeit hinein zu transportieren, die letztlich den Charakter von individuellen Gewissensentscheidungen haben!

Das die Palliativmedizin entsprechend weiter auszubauen ist, steht nicht zu bezweifeln an; gleichwohl ist – auch in der Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen – das Selbstbestimmungsrecht der Patienten hinreichend zu berücksichtigen, wobei allerdings die Charta beileibe nicht die gebotene Liberalisierung des ärztlichen Berufsrechts ersetzt! Hier geht es um die Grundrechtsstellung der Ärzteschaft, die nicht in das freie Belieben der Kammern, geschweige der Ethiker gestellt ist!

Gratwanderung

Gratwanderung

Von embryonaler Stammzellforschung bis Sterbehilfe – mit ethischen Themen vom Beginn bis zum Ende des Lebens werden Ärzte immer wieder konfrontiert. Gisela Klinkhammer, beim Deutschen Ärzteblatt zuständige Redakteurin für Medizinethik, setzt sich mit aktuellen Entwicklungen auseinander.

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

Aktuelle Kommentare