Vom Arztdasein in Amerika
Angriff auf den Arzt
Mittwoch, 5. Oktober 2011
Während eines meiner Nachtdienste wurde ich von der psychiatrischen Abteilung angepiepst; ob ich wohl kommen könne, um die Halswunde einer Frau zu untersuchen? Natürlich sagte ich ein sofortiges Kommen zu, es klang dringend.
Auf der (nachts geschlossenen) Psychiatrieabteilung angekommen, stellte sich mir der Sachverhalt in seiner Gänze dar: Eine junge, depressive Frau hatte versucht, sich mit ihrem Plastikmesser die Radialisarterien aufzuschneiden und als dieses nicht so gelang, wie sie es sich vorgestellt hatte, hatte sie versucht, sich mit ihrem Hemd die Kehle und Luftzufuhr abzuschnüren.
Ersteres hatte kleine, sehr oberflächliche und nur gering kapillär blutende Wunden auf ihrem rechten Handgelenk hinterlassen, Letzteres hatte zu einer Rötung des Gesichtes und oberen Halses geführt, aber die Patientin deswegen nicht sonderlich beeinträchtigt, weil das von ihr festgezogene Hemd sich gelockert hatte, als sie kurz vor der Bewusstlosigkeit gewesen war und ihre Handmuskeln sich wohl unwillkürlich relaxiert hatten.
Ich evaluierte die mittlerweile wieder hellwache Patientin und versorgte und säuberte die Schnittwunden mit einfachem Wundverband. Plötzlich holte sie aus und stieß mich mit aller Kraft von sich; was jedoch angesichts meines recht robusten Gewichtes und ihrer Kleinwüchsigkeit nicht sonderlich gelang.
Doch es geschah, was immer in solchen Situationen in meinem Krankenhaus und den meisten US-Krankenhäusern geschieht: Die Krankenschwester drückte einen Knopf und ein “Notruf Grün” (“Code Green”) wurde ausgerufen. Innerhalb von dreißig Sekunden waren drei bullige und mit allerlei Waffen ausgestattete Krankenhauspolizisten im Zimmer und drückten die Patientin mit festem Griff zu Boden. Erst als sie sahen, dass die Patientin keine Anstalten machte sich zu wehren ließen sie ein wenig nach und ich konnte die Wundsäuberung beenden.
Die Patientin kam – vielmehr wurde gezerrt –in ein Isolierzimmer und eine psychiatrische Schwester setzte sich zu ihr. Sie trug einen mobilen “Notruf Grün” Knopf als Schutz. Da die Patientin friedlich blieb, verzichtete man auf Hand- und Fußfesseln, legte sie aber im Krankenbett bereit. Die Polizisten blieben noch eine kleine Weile und beobachteten sie genau.
Ich selber machte mich auf den Weg zum nächsten Anruf, ein wenig irritiert vom Erlebten: Dieses direkte Zurschaustellen von roher Gewalt ist mir als Deutscher bis heute nicht ganz geheuer. Das ist das, was ich in USA “die Sprache der Stärke” nenne und die sehr effektiv scheint. In Deutschland springt man deutlich lockerer mit Autoritätspersonen um als in den USA, was vor allem an dieser ubquitären Machtpräsenz liegt. Diese Sprache der Stärke kennen wir in deutschen Krankenhäusern bisher nicht. Hoffentlich werden wir sie auch nie kennen und einsetzen müssen.
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