Dr. McCoy

Tricorder

Dienstag, 17. Januar 2012

Schon spannend, was vergangene Woche im Rahmen der diesjährigen Consumer Electronics Show (CES) in Las Vegas alles angekündigt wurde. Die Firma Qualcomm, einer der weltweit größten Anbieter von Mobiltechnologie, hat einen zehn Mio. Dollar Preis für die erfolgreiche Entwicklung eines medizinischen „Tricorders“ ausgelobt.

Im Rahmen des Qualcomm Tricorder X PRIZE Wettbewerbs sind Entwickler aufgefordert, das Wundergerät aus Raumschiff Enterprise, den medizinischen Tricorder nachzubauen. Ziel sei es, so Qualcomm Vorstand Paul Jacobs, ein Gerät zu entwickeln, welches die Patienten endlich unabhängig von Ärzten mache. Das Gesundheitswesen sei heutzutage „ineffizient, bürokratisch und im schlimmsten Fall fehlerhaft“. In den USA warte man im Schnitt 21 Tage auf einem Arzttermin und dann noch mal zwei Stunden im Wartezimmer. Frei übersetzt empfahl er folgerichtig: „Vergesst den Arzt, nehmt Technik!“

Der Tricoder soll durch die Konzentration verschiedenster – größtenteils nicht invasiver – Messgeräte in einer Art Smartphone sogenannten „Gesundheits-Konsumenten“das selbstständige Stellen von bis zu 15 verschiedenen Diagnosen in den eigenen vier Wänden ermöglichen. Messmethoden sollen u.a. Blutdruck, Puls, EKG, Atemfrequenz und Sauerstoffsättigung, scheinbar aber auch die Messung von Blutzucker, anderen Laborparametern bis hin zu DNA-Analysen sein. Und per SMS soll man dann sogar darüber informiert werden, dass man gerade einen Herzinfarkt erlitten hat. 

Tja, denkt man sich da als Doktor, „vergesst den Arzt und diagnostiziert Euch zuhause selber. Kommt aber bitte dann nicht in die Notaufnahme, wenn Ihr nicht mehr weiter wisst.“

Jetzt mal im Ernst. Hier soll also zukünftig medizinischen Laien – mit Sicherheit für viel Geld – eine ganze Batterie medizinischer Messgeräte in die Hand gedrückt werden. Von den Ideengebern als „Intensivstation am Hendgelenk“ gepriesen. Was für ein Unfug!

Das Ergebnis der massenhaften Verbreitung solcher Technologien in der Bevölkerung wird keineswegs die Stärkung der Patientenautonomie, die Förderung eines Dialogs auf Augenhöhe und des – ja zu Recht erwünschten – „shared decision making“ sein. Und schon gar nicht wird der medizinische Tricorder – wie vielleicht vom ein oder anderen erhofft – dazu führen, dass Patienten in Zukunft seltener Ihren Arzt aufsuchen und sich eher selbst zu helfen wissen.

Das Gegenteil wird eintreten.

Ärzte und auch die meisten Nicht-Ärzte kennen sie. Menschen, die unentwegt angstvoll die Signale ihres Körpers beobachten und diese als Symptome bedrohlicher Erkrankungen werten. Die Übergänge von einer – eher als Marotte belächelten – Hypochondrie bis hin zu manifesten psychosomatischen Krankheitsbildern mit ausgeprägten funktionalen Störungen sind fließend. Aber genau an diese Zielgruppe wenden sich offenbar die Anbieter der Zukunftstechnologie auf der Messe für Konsumelektronik. Allein, geholfen wird vielen dieser Menschen dadurch wahrscheinlich kaum. 

Für Ärzte in der Notaufnahme oder im KV-Notdienst, für die wäre so ein Tricorder wahrscheinlich gar nicht schlecht. Die Macher von Raumschiff Enterprise hatten das 1968 schon verstanden: Der „echte“ Triciorder wurde schließlich auch nicht von den Patienten selbst bedient, sondern von den Bordärzt/innen der verschiedenen Enterprise-Episoden: Dr. McCoy, Dr. Crusher und Dr. Pulaski.

Aber diese Zielgruppe ist der Firma Qualcomm wahrscheinlich zu klein. Zehn Mio. Dollar Preisgeld, die muss man erst mal wieder reinholen.

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klausenwächter
am Sonntag, 1. Juli 2012, 08:10

Haghighi Tricorder

Hallo Pille, hier Scotty. Den Tricorder gibt es längst im Original von Pari Delir Haghighi Monashi University Australia. Soll ich Dir einen auf die Krankenstation beamen?
klausenwächter
am Dienstag, 28. Februar 2012, 11:32

Haghighi Tricorder

Grundlagen für einen Tricoder berichteten Delir et al 2009:
Delir Haghighi, P., Zaslavsky, A., Krishnaswamy, S., Gaber, M. M., Loke, S. W., 2009, Context-aware adaptive data stream mining, Intelligent Data Analysis [P], vol 13, issue 3, IOS Press, Amsterdam Netherlands, pp. 423-434.
Die elektronisch gestützte Entscheidungsfindung ist in der Prähospitalphase und bei Interhospitaltransporten technisch möglich:
Burstein, F., Delir Haghighi, P., Zaslavsky, A., 2011, Context-aware mobile medical emergency management decision support system for safe transportation, in Decision Support: An Examination of the DSS Discipline, eds David Schuff, David Paradice, Frada Burstein, Daniel J. Power and Ramesh Sharda, Springer, New York NY USA, pp. 163-181.
Die Machbarkeit eines Tricoders ist in Reichweite: Delir Haghighi, P., Gaber, M. M., Krishnaswamy, S., Zaslavsky, A., 2009, Situation-aware adaptive processing (SAAP) of data streams, in Pervasive Computing: Innovations in Intelligent Multimedia and Applications, eds Aboul-Ella Hassanien, Jemal H. Abawajy, Ajith Abraham and Hani Hagras, Springer, London UK, pp. 313-338.
tremendo
am Dienstag, 17. Januar 2012, 17:21

Kalter Kaffee

Die c't berichtete bereits letztes Jahr darüber :-( https://www.heise.de/artikel-archiv/ct/2011/12/56 (12/2011 müsste bei 26 Ausgaben/Jahr etwa im Mai erschienen sein)

Dr. McCoy

Dr. McCoy

In seinem Blog – benannt nach dem Bordarzt von „Raumschiff Enterprise“ – kümmert sich Philipp Stachwitz weniger um ferne Galaxien, sondern er kommentiert, wie die Zukunft der Medizin durch Telematik und E-Health beeinflusst wird. Als Krankenhausarzt und ehemaliger stellvertretender Dezernent für Telematik der Bundesärztekammer kennt er die Materie gleichermaßen aus der Praxis wie auch aus der Politik.

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