Dr. McCoy
Tele-Irgendwas?
Donnerstag, 26. Januar 2012
Wenn man Nicht-Medizinern erzählt, dass man sich als Arzt mit Telematik befasst, stellen die
meisten sich immer Telemedizin vor. Und zwar die von der spannenden Sorte: Ein berühmter
Spezialist aus Amerika operiert einen Patienten über den Atlantik hinweg in – sagen wir mal Frankfurt
oder Rom. Gelegentlich erkläre ich dann, dass es bei der Telematik zwar auch um Telemedizin,
meistens (im Großen wie im Kleinen) aber eher um quälend langwierige IT-Projekte, Datenformate,
Rechtsfragen oder Datenschutz geht. Und dann sehe ich mich mit einem enttäuschten „Ach so!“
konfrontiert.
Die Telemedizin übt also offenbar – gerade auf Laien – eine ziemliche Faszination aus. Sie
scheint der bisweilen sowieso schon rätselhaften ärztlichen Kunst einen Nimbus von Zauberei oder
Science Fiction zu verleihen.
In diesem Kontext kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass sich seit einiger Zeit die
Telemedizin gerade bei der Politik einer verstärkten Unterstützung erfreut. So kündigte der damalige
Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium (BMG) Kapferer (in Vertretung seines Ministers
Rösler) im April 2011 zur Eröffnung der Messe
conhIT in Berlin an „Wir werden
Telemedizin zu einem zentralen Bestandteil der gesundheitlichen Versorgung der Zukunft machen.“
Und beim
6. IT-Gipfel der
Bundeskanzlerin
im
Dezember
2011 wurde vom Ministerium angekündigt, schon bis zum IT-Gipfel 2012 (!) ein Informationssystem
flächendeckend (!) verfügbar zu machen, um „die flächendeckende Nutzung von telemedizinischen
Anwendungen zu erleichtern“.
Und auch die Länder wollen nicht hintanstehen. Die Gesundheitsministerin von NRW, Barbara
Steffens (Grüne), des (nach eigenen Angaben) Bundeslandes mit den „meisten Telemedizinprojekten“
will
jetzt
ein
überregionales Zentrum für Telemedizin aufbauen. Dessen Aufgabe soll vor allem
– man höre genau hin – die „umfassende Beratung von Telemedizinanbietern“ – der
Industrie also – bei der Einführung von Telemedizin sein. Für das Thema stellt NRW
zusammen mit der EU in den nächsten drei Jahren Fördermittel in Höhe von zehn Mio. Euro bereit.
Dass Telemedizin dringend eingeführt gehört, daran scheint bei den politisch Verantwortlichen
inzwischen also gar kein Zweifel mehr zu bestehen. Laut Ministerin ist das Potenzial der Telemedizin
„erheblich“ und sie soll vor allem Versorgungsdefizite im ländlichen Raum ausgleichen. Leider, so
bedauert die Ministerin, ist das alles – selbst in NRW – aber noch „nicht wesentlich über den
Projektstatus hinausgekommen“ und selbst in NRW liege der „telemedizinische Versorgungsgrad“
unter einem Prozent. Ein schlimmes Defizit also, das schnell behoben werden muss!
Wer aber kümmert sich denn eigentlich um den Nachweis des medizinischen Nutzens und auch
der Unbedenklichkeit der Telemedizin? (Primum nil nocere! ) Schließlich sollen hier für
Erkrankungen wie Herzinsuffizienz, COPD oder Diabetes mellitus Verfahren eingeführt werden, die
sehr unmittelbar den Behandlungsprozess verändern. Studien dazu gibt es. Aber Studien gibt es ja zu
vielen Themen. Und man muss nicht lange suchen um festzustellen, dass die Wirksamkeit und auch
die Unbedenklichkeit von Telemedizin für die genannten Diagnosen keineswegs bereits ausreichend
wissenschaftlich nachgewiesen sind. Leider!
Teilnehmer Diskussionsrunde 2. Fachkongress Telemedizin 2011:
- Prof. Dr. med. G. Ertl, Würzburg, Deutsche Gesellschaft für Kardiologie Herz- und
Kreislaufforschung
- Prof. Dr. med. J. Röther, Hamburg, Deutsche Schlaganfallgesellschaft
- Prof. Dr. med. R. Brüning, Hamburg, Deutsche Gesellschaft für Neuroradiologie
- Prof. Dr. med. A. Seekamp, Kiel, Deutsche Gesellschaft für Unfallchirurgie
- Prof. Dr. med. M. Pfeifer, Regensburg, Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und
Beatmungsmedizin
Nach einhelliger Auffassung der Vertreter von immerhin fünf medizinischen Fachgesellschaften
(s. Kasten) gibt es heute keine Studienlage die dazu berechtigen würde, Telemedizin umfassend in
die Leitlinien der Fachgebiete zu integrieren. Soweit die ausdrücklichen Statements namhafter
deutscher Wissenschaftler im Rahmen einer
Diskussionsrunde während des 2. Fachkongress Telemedizin im November
2011 in Berlin. Und keiner dieser Wissenschaftler muss sich den Vorwurf der Technikfeindlichkeit
machen lassen. Alle betonten, dass sie grundsätzlich große Zukunftschancen für die Telemedizin
sehen.
Aber, so legte beispielsweise Prof. Dr. med. G. Ertl dar, eine der bestgemachten
multizentrischen Studien zum Thema Herzinsuffizienz hat für den primären Endpunkt (die
krankheitsunabhängige Mortalität) keine signifikanten Vorteile im Interventionsarm
zeigen können.
Echte Vorteile bestehen offenbar nur für bestimmte Subgruppen. Weitere Forschung sei
dringend notwendig. Und für die – an klinischer Relevanz rasant zunehmende – Diagnose COPD fasste
Prof. Dr. med. M. Pfeifer nach Darstellung der Studienlage aus seiner Sicht die Situation wie folgt
zusammen: „Es gibt keine Ergebnisse, die uns berechtigen, Telemedizin in die Versorgung
aufzunehmen“.
Diese Einschätzung erscheint folgerichtig. Denn solange die Telemedizin nicht ausreichend
beforscht ist, gibt es keine ausreichende wissenschaftliche Erkenntnis um sie in Leitlinien
aufzunehmen. Die Aufnahme in die Leitlinien aber ist eine wesentliche Voraussetzung für die
Einführung von Telemedizin in die Regelversorgung.
Damit ich nicht falsch verstanden werde: Ich bin auch dafür, Telemedizin zu fördern! Es zeigt
sich aber, dass gerade diejenigen, die sich als Ärzte und Wissenschaftler intensiv mit Telemedizin
befassen, vor überschwänglicher Euphorie warnen. Stattdessen betonen sie, wie wichtig weitere
Forschung ist. Das aber scheint – wie ja leider so oft – die Politik in ihrem Tatendrang
kaum zu stören. Telemedizin – das klingt schön modern, ist gut für alle Benachteiligten
und ein bisschen Zauberei und Science Fiction können ja nicht schaden. Und Wirtschaftsförderung ist
auch dabei.
Die Politik sollte aber beherzigen, dass aktuell die beste Förderung der Telemedizin vor allem
Forschungsförderung ist! Und nicht die Förderung der schnellen Überführung von Tele-
Irgendwas in die Regelversorgung.
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