Dienstag, Mittagszeit: Statt einer Fortbildungskonferenz ist der Präsident unseres Krankenhauses gekommen. Das Thema ist die beabsichtigte Medicaid-Kürzung in Minnesota, je nach Arztgruppe um 3 bis 10%. Das Thema wird zunächst erörtert, dann jedoch wird globaler über die Entwicklung des US-Gesundheitswesens aus der Krankenhausperspektive referiert. Der Grundtenor ist pessimistisch und reflektiert damit die Ängste der meisten US-Ärzte: Man geht davon aus, ob nun der Demokrat Obama oder einer der aktuellen republikanischen Kandidaten gewinnt, dass die Ärzte Federn in Form von Geldeinbußen lassen müssen. In Zeiten kleiner werdender Budgets wird jeder betroffen sein.
Der Krankenhauspräsident referiert im Detail, wie das derzeitige US-System funktioniert: Es sei das Prinzip des „Geld-für-Leistung“. Wird ein Patient mit Kurzatmigkeit aufgenommen und die Pneumonie mit CT-Thorax diagnostiziert und den Pulmologen konsilarisch dazugerufen, bringt das dem Krankenhaus einen höheren Umsatz als der mit einem Stethoskop und Anamnese diagnostizierende Internist, der alles alleine händelt.
Dieses System soll in den USA durch das sogenannte Kapitationsprinzip ersetzt werden, ein System das man in den USA bis in die 1980er Jahre benutzte und das wir deutsche Ärzte in der durch das DRG-System in ähnlicher Form kennen: Eine bestimmte Diagnose wie Pneumonie bedeutet einen bestimmten Geldbetrag an das Krankenhaus. Man kann zwar diesen Betrag durch bestimmte Nebendiagnosen erhöhen, aber im Großen und Ganzen kann der Fixbetrag nicht deutlich verändert werden.
Der Krankenhauspräsident ist nicht sehr angetan von dem erwarteten Systemwechsel. Es wurde offen darüber gesprochen, dass in absehbarer Zeit die fetten Jahre vorbei sein könnten.
„Hat die Regierung nicht Angst, dass die US-Ärzte aufhören zu arbeiten wenn es weniger Gehalt gibt?”, fragte ein amerikanischer Kollege. „Ach, dann holt sie einfach mehr ausländische Ärzte“ erwiderte ein anderer und zwinkerte mir und meinen neben mir sitzenden lybischen, tibetischen und Hmong-Kollegen freundlich zu. Und ein anderer erwiderte: „In anderen Ländern arbeiten Ärzte für ein Viertel oder Fünftel des Geldes, ohne auf die Barrikaden zu gehen. Wir Ärzte sind gar nicht so streiklüstern, und Du wirst überrascht sein, wie wenig Widerstand es gibt“.
Man merkte es den Kollegen an: Sie sind besorgt, dass die fetten Jahre ein Ende haben.
Das Staatsexamen wurde 2007 abgelegt, und nicht nur die Frage der Fachrichtung, sondern auch die des Arbeitsortes musste beantwortet werden. Nachdem das Assistenzarztdasein in Frankreich und Deutschland ausprobiert wurde, ging es nach Minneapolis im Jahr 2009. Es schreibt Petrulus über seine Ausbildung zum Internisten (sowie der Zeit danach) und über die Alltäglichkeiten, aber auch Skurrilität eines Arztlebens in USA.
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