Vom Arztdasein in Amerika

Menschen mit Behinderung in den USA (Teil zwei)

Dienstag, 13. März 2012

Es gibt wohl kein westliches Land, das nicht eine staatliche Unterstützung fuer Menschen mit Behinderungen vorsieht. Die USA ist darin keine Ausnahme. Es gibt sogar einen Onlinerechner, mit dem man diese berechnen kann (http://www.ssa.gov/OACT/quickcalc/index.html). Da ich diverse Patienten mit Behinderungen betreue, habe ich in letzter Zeit über die Hintergründe der Gesetzgebung und Berechnung nachgelesen.

So ist die Validierung einer Behinderung oft ein langwieriger Prozess, bei dem viele ärztliche Unterlagen begutachtet werden. Ist sie festgestellt worden, so wird deren Schwere eingeschätzt. Ist diese signifikant, so hat der Betroffene Anspruch auf finanzielle Unterstützung. Sie ist vor allem an das vorherige Einkommen gekoppelt – circa ein Drittel des vorherigen Einkommens wird im Behinderungsfall ausbezahlt, wobei es zwar keine Maximalgrenze gibt, aber bei höheren Einkommen dann nur noch ein Viertel oder gar Fünftel ueberwiesen wird. Dieser Betrag wird meistens ein Leben lang bezahlt und nur von der Rente abgelöst, wenn sie höher als die Behinderungsalimentierung ist.

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Schauen wir uns einmal zwei Rechenbeispiele an: Ein 60-Jähriger erleidet einen Schlaganfall und ist nach drei Monaten noch immer dysarthrisch mit Halbseitenparese. Sein Verdienst war $50.000 pro annum vor jenem Apoplex. Nach §11.04 des „blauen (Sozial-)buches“ (http://www.socialsecurity.gov/disability/professionals/bluebook) erfüllt der Betroffene die Definition einer Behinderung. Somit wird aller Wahrscheinlichkeit nach ihm monatlich $1.322 ausbezahlt. Auszerdem hat er Anspruch auf staatlich alimentierte Krankenversicherung, Essensgutscheine, und ggf. zusätzlicher Geldzahlungen (http://www.socialsecurity.gov/pubs/10153.html#2=&a0=2). Lebt er in einem „großzügigeren“ Bundesstaat wie Minnesota, erhaelt er noch weitere Leistungen wie Wohngeld.

Das zweite Beispiel ist ein 45-jähriger Hilfsarbeiter, der eine systolische Kardiomyopathie mit signifikanter Einschraenkung seiner Belastbarkeit entwickelt. Aetiologie ist ischämisch und sein Nikotinabusus und Adipositas haben wohl dazu beigetragen. Trotz medikamentöser und revaskulierender Therapie verbessert sich im Laufe der nächsten zwölf Monate nur unzureichend seine Herzinsuffizienz. Eine Echokardiographie und Gehtest bestätigen die schwere Einschränkung. Dann erfüllt er nach §4.02 die Voraussetzungen, dass eine Behinderung anerkannt wird und hätte bei vorherigem Einkommen von $25.000 sein Leben lang Anspruch auf $947, neben schon oben erwähnten zusätzlichen Leistungen.

Diese Beträge mögen nicht eben großzügig sein, aber angesichts von 28,9% Familien mit mindestens einem Angehörigen mit Behinderung (n=20.874.130 betroffene Familien) ist das eine hohe finanzielle Bürde für den US-Staat (http://www.census.gov/prod/2005pubs/censr-23.pdf), wobei angemerkt werden muss, dass nicht alle Menschen mit Behinderung auch tatsächlich Geldleistungen erhalten. Noch dazu gibt es geographische (der Süden hat eine höhere Dichte), ethnische (Schwarze, Latinos und Indianer haben signifikant höhere Behinderungsquoten), urban-ländliche (zu Ungunsten der Stadt) Unterschiede, die dadurch einzelne Bundesstaaten mehr als andere belasten. Diese Zahlen helfen zu verstehen, dass die USA wie alle westlichen Staaten substanzielle Geldleistungen bezahlt. Und wieso die Republikaner dieses begrenzen wollen.

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L.A.
am Mittwoch, 14. März 2012, 15:35

Mein Vorurteil: Die USA sind "total unsozial"

Dieser Blog gefällt mir. Dadurch bekomme ich Einblicke in die wahren Verhältnisse.
Ich war noch nie in den USA. Wie es ausschaut, muss ich meine bisher gepflegten Vorurteile aufgeben...

Vom Arztdasein in Amerika

Vom Arztdasein in Amerika

Das Staatsexamen wurde 2007 abgelegt, und nicht nur die Frage der Fachrichtung, sondern auch die des Arbeitsortes musste beantwortet werden. Nachdem das Assistenzarztdasein in Frankreich und Deutschland ausprobiert wurde, ging es nach Minneapolis im Jahr 2009. Es schreibt Dr. Peter Niemann über seine Ausbildung zum Internisten (sowie der Zeit danach) und über die Alltäglichkeiten, aber auch Skurrilität eines Arztlebens in USA.

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