Gesundheit
Warum eine persönliche „Genom-Analyse“ Unsinn ist
Freitag, 18. Mai 2012
Die Kosten für die Sequenzierung des menschlichen Genoms
sinken. Schon bald könnte es – zumindest in den Industrieländern - für viele
Menschen erschwinglich werden, eine Blutprobe einzuschicken. Zwei Wochen später
fände er oder sie dann eine CD mit der kompletten Sequenz seiner Erbsubstanz in
seinem Briefkasten (und eine Rechnung auf ungefähr 1.000 Euro).
Doch das Geld wäre schlecht verwendet. Denn eine sinnvolle
Interpretation des genetischen Buchstabensalats ist auf absehbare Zeit nicht
möglich. Dies betrifft vor allem die Aussicht, in seinem Erbgut jene
„Genfehler“ zu finden, die die Anfälligkeit für Diabetes, Hypertonie, Arthrosen,
Adipositas, Morbus Alzheimer oder andere „Volksleiden“ erhöhen. Die bisherigen
genomweiten Assoziationsstudien haben keine Genvarianten gefunden, die einen
großen Anteil des familiären Risikos erklären.
Der Grund ist einfach: Das Genom ist 3 Milliarden Basenpaare
lang, und auf den 30.000 proteinkodierenden Genen sind eine Vielzahl von
Varianten möglich. Die Varianten sind die Folge von Genmutationen (in den
Keimzellen), die sich mehr oder weniger nach dem Zufallsprinzip über das Genom
verteilen.
Was das bedeutet, zeigen zwei Studien, die jetzt in Science
publiziert wurden. In der ersten Studie hat das Team um John Novembre von der
Universität von Kalifornien in Los Angeles eine kleine Zahl von 202 Genen bei
einer großen Gruppe von 14.002 Personen sequenziert (Science 2012; doi:
10.1126/science.1217876).
Ausgewählt wurden Gene, die die Wirkung von Medikamenten
beeinflussen können. Genvarianten waren häufig und weit verbreitet.
Durchschnittlich in jedem 17. Basenpaar fand sich eine Veränderung. Ob dies eine
Funktionsstörung des Proteins zur Folge hat, lässt sich biochemisch nur schwer
abschätzen. Um die Auswirkungen auf die Gesundheit zu prüfen, müsste für jede
Variante eine größere Studie durchgeführt werden, was schlicht unmöglich ist.
Auch das Exome Sequencing Projec des US-National Heart,
Lung, and Blood Institute um Michael Bamshad von der Universität des Staates
Washington in Seattle bietet keinen Anlass zum Optimismus. Die Forscher
sequenzierten 15.585 protein-kodierende Gene bei 2440 Menschen (Science 2012;
doi: 10.1126/science.1219240). Dabei stießen sie auf mehr als eine halbe
Million Genvarianten, von denen die meisten extrem selten waren: 86 Prozent
waren bei weniger als 0,5 Prozent der Teilnehmer vorhanden. Bei den Varianten,
denen die Forscher eine mögliche krankheitsauslösende Wirkung zusprachen, lag
der Anteil sogar bei 95 Prozent.
Zusammengefasst bedeutet dies: Ja, Genvarianten können
vermutlich die Anfälligkeit für bestimmte Erkrankungen erhöhen, was aufgrund
der positiven Familienanamnese und den Assoziationen bei Zwillingsstudien bei
vielen Erkrankungen ja seit längerem bekannt ist. Nein, die Anfälligkeit ist
nicht auf einige wenige Genvarianten zurückzuführen. Überspitzt gesagt, hat
jeder sein eigenes Genrisiko. Sie wäre zwar in der Genom-Analyse enthalten,
aber von den vielen harmlosen Varianten nicht zu unterscheiden.
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