Gesundheit
Schwere Kindheit kann Hautkrebs auslösen
Dienstag, 5. Juni 2012
Columbus – In einem klassischen Experiment aus den 80er Jahren hatte
die US-Psychologe Martin Seligman junge Ratten durch Schocks dauerhaft
unter Stress gesetzt. Ihr Immunsystem wurde dadurch soweit zerrüttet,
dass sie als erwachsene Tiere anfälliger für Krebserkrankungen wurden.
Die Induktion einer Krebserkrankung gelang besonders einfach, wenn sie
kurz zuvor weiteren Schockerlebnissen ausgesetzt wurden.
Genau
das kann das Team um Janice Kiecolt-Glaser vom Institute for Behavioral
Medicine Research in Columbus/Ohio jetzt auch für den Menschen zu
belegen, natürlich nicht in einem experimentellen Ansatz, sondern durch
die retrospektive Untersuchung von Patienten, die zum zweiten Mal an
einem Basaliom erkrankt sind (Arch Gen Psychiatry. 2012;69(6):618-626).
Dieser
Hauttumor wurde ausgewählt, weil seine Entwicklung sehr stark von der
Abwehrlage des Körpers beeinflusst wird. Der Tumor wird häufig vom
Immunsystem angegriffen und spontane Regressionen sind möglich. Kleine
Basaliome können häufig erfolgreich mit dem Immunmodulator Imiquimod
behandelt werden, der die Aufmerksamkeit des Immunsystems auf den Tumor
lenkt.
Ob das Immunsystem den Tumor bekämpft, lässt sich durch
eine histologische Untersuchung klären. Kiecolt-Glaser hat hierzu in
den Tumorexzidaten von 91 Patienten die Messenger-RNA der Immunmarker
CD25, CD3ε, ICAM-1 und CD68 bestimmt, die an der Abwehrreaktion von
Tumoren beteiligt sind.
Alle Patienten wurden ausführlich von den
Verhaltensforschern befragt. Diese interessierten sich insbesondere für
traumatische Kindheitserlebnisse sowie für Stressoren in den Jahren vor
der Diagnose des Basalioms.
Tatsächlich fanden die Autoren heraus,
dass bei Patienten, die als Kind von ihrer Mutter vernachlässigt
wurden, die Immunreaktion auf das Basaliom um 350 Prozent reduziert war.
Bei einer Vernachlässigung durch den Vater waren die Immunmarker um 140
Prozent vermindert. Diese Abwehrschwäche wurde nur bei den Patienten
gefunden, die im Jahr vor der Diagnose des Tumors ein erneutes schweres
Trauma erlitten hatten.
Seligman ist als Psychologe für die
Theorie der „erlernten Hilflosigkeit“ bekannt geworden. Es beschreibt
eine Verhaltensweise von Menschen, die nach vielen unglücklichen
Erlebnissen sich mit ihrem Schicksal abfinden, selbst wenn sie die
Möglichkeit hätten ihre Situation zu verändern. Wie es scheint kann auch
das Immunsystem durch äußere Stressreaktionen die Fähigkeit verlernen,
Krebszellen zu bekämpfen. Dabei könnte eine ungünstige Prägung in der
Kindheit eine wesentliche Rolle spielen. Sicherlich ein Argument für
eine gewaltfreie Erziehung.
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