Vom Arztdasein in Amerika
Das elektronische Rezept
Donnerstag, 7. Juni 2012
Seit dem 1. Januar 2012
müssen alle Rezepte in Minnesota elektronisch verschrieben werden, also ein
eRezept (eprescription) sein. Ausgenommen sind nur Medikamente, die ein
deutliches Missbrauchspotenzial
haben, wie beispielsweise Narkotika oder Benzodiazepine. Unser Krankenhaus hat
dieses Gesetz schon vor Jahren umgesetzt und schon seit Jahren verschreiben wir
unsere Medikamente elektronisch, seit
2012 eben noch konsequenter.
Logistisch hat man sich das wie folgt vorzustellen:
Der Patient wird bei Aufnahme bzw. wenn wieder kognitiv ansprechbar, nach
seiner bevorzugten Apotheke gefragt. Er gibt dann z.B.
eine Apotheke in einem bestimmten Supermarkt im Walmart im Süden von
Minneapolis an. Die Krankenschwester tippt diese Angabe elektronisch in
unsere digitale Patientenakte ein, klickt auf die dann erscheinende Adresse der
Apotheke, gleicht sie nochmals mit dem Patienten ab und speichert das alles im
EDV-System.
Wenn
es dann auf die Patientenentlassung zugeht, bespricht der Arzt alle neuen
und modifizierten Medikamente mit dem
Patienten, bestätigt nochmals seine Apothekenwahl und schickt dann elektronisch
alle relevanten Rezepte mittels Mausklick an die gewünschte Apotheke. Der
Patient muss auf seinem Heimweg
nur noch bei ihr vorbeigehen und die auf ihn dort wartenden Medikamente
abholen.
Das klingt gut, hat aber Vor- und Nachteile. Die
Vorteile liegen auf der Hand: Geringe Wartezeiten, Reduktion des Papier-,
Schreib- und Bürokratiebedarfs und hierdurch letztlich wohl eine
Kostenersparnis (sieht man vom teuren Kauf und Wartung des EDV-Systemes ab).
Aber wenn z.B. in letzter Minute sich Medikamentenänderungen ergeben, dann wird
das System zu einer lahmen Ente: Man muss die Apotheke anrufen und das alte Rezept stornieren
und ein neues elektronisch hinschicken.
Werden solche Anrufe nicht getätigt – was
öfters vorkommt – hat der Patient plötzlich mehrere neue Medikamente und weiß nicht welches er nun einnehmen
soll: Antibiotikum A oder B? Weiterhin passiert es
nicht allzu selten, daß der Patient
plötzlich nicht mehr die von ihm ursprünglich angegebene Apotheke nutzen will,
sie schon geschlossen ist, und er das Antibiotikum erst in ein oder zwei Tagen
abholen kann oder er über das Internet seine Medikamente beziehen will, da billiger.
Außerdem müssen bestimmte Medikamente mit Missbrauchspotential weiterhin in
Papierform aus Sicherheitsgründen ausgegeben werden, weil dann neben den
Verschreibungsnummern des Arztes auch noch seine Unterschrift zentral
abgeglichen werden kann. Somit ist das elektronische Verschreibungssystem wie
so vieles: Zwar eine Verbesserung im Verhältnis zum Papierzeitalter der 1990er
Jahre, eine Notwendigkeit angesichts der ubiquitären Technologisierung, aber eben
nicht der Riesenschritt wie er von der US- und Minnesota-Regierung gefeiert
wird. Einen Stift muß ich also auch noch im Jahr 2012 mit mir
herumtragen.
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