Vom Arztdasein in Amerika
Wieviel ist mir Gesundheit wert?
Montag, 18. Juni 2012
Es ist unbestritten, dass Gesundsein sehr wichtig ist: „Gesundheit hat keinen Preis”, sagt der Volksmund und deutet damit
an, dass wir Menschen bereit sind, alles zu tun, um
diese zu erhalten bzw. wieder herzustellen. Doch so einfach dieses theoretisch ist, so komplex
ist dann doch die Realität: Es scheint eine individuell unterschiedliche monetäre
Zahl zu geben, die wir bereit sind, für die Genesung oder Ätiologiebestimmung
eines bestimmten Symptomes zu zahlen. Wie hoch dieser Wert letztendlich ist und wie er
zustande kommt, hängt wohl von vielen externen und internen Umständen und
der jeweiligen Situation ab; ich beobachte dieses Phänomen beinahe
täglich bei meiner Arbeit in den USA.
Einer meiner Oberärzte hat mir kürzlich eine besonders intensive
Konfrontation mit diesem Phänomen verschafft: Er piepste mich mittags an und
bat mich, einen krank gewordenen Kollegen kurzfristig in der von uns freitags
betreuten Armenpraxis zu ersetzen. Die von mir als Armenpraxis bezeichnete
Praxis ist eine Einrichtung, in welcher vor allem einkommensschwache und
nicht versicherte Menschen eine ärztliche Behandlung zu einem niedrigen Preis erhalten.
Der Patient bezahlt die Leistung zu 100% aus eigener Tasche, doch wird die Praxisgebühr
je nach Einkommen und Komplexität des Praxisbesuches unterschiedlich berechnet;
Labor- und Medikamentenkosten müssen zusätzlich und stets mit vollem Preis
bezahlt werden. Es gibt fünf Komplexitätsstufen, und so kann es sein, dass ein besonders armer Patient für
seinen Besuch in meiner Sprechstunde $1,35 zu bezahlen hat, während ein anderer
für den gleichen Sachverhalt $23,50 bezahlt.
So hatte ich also ein halbes Dutzend an Patienten in
zwei Stunden an jenem Freitag zu betreuen – überschaubar, aber ein doch recht
dichter Sprechstundenplan für die Armenpraxis. Dabei blieb
mir eine jüngere Patientin in Erinnerung, die klinisch unter Blutungsneigung
und einem generalisierten Pruritus litt. Die Differentialdiagnose umfasste z.B. TTP, ITP, Leberdysfunktionalität, Glomerulonephritis etc.
Ich
teilte der Frau all meine Überlegungen mit, und obwohl sie mir mehrmals
versicherte, wie wichtig ihre Gesundheit sei, verhandelten wir beinahe zehn
Minuten über die anzuordnende Diagnostik: Am Ende entschieden wir uns für ein großes Blutbild ($40) und Leber- und Nierenfunktionswerte (jeweils $15).
Einen Harnstatus, Schilddrüsenhormone, Vaskulitis- und Autoimmunevaluierung
wollte die Patientin zunächst sparen; auch die Medikation musste günstig sein. Die Preisliste, die in jedem Patientenzimmer hängt, half mir ihr die Preise zu
erläutern.
Eine andere Patientin wiederum bat mich, ihr nur
günstige Blutdruckmedikamente zu verschreiben, sonst „würde sie sie nicht nehmen”. All mein Bitten, den AT2-Antagonisten bei
ihrem Diabetes einzunehmen, half nichts; sie wollte nur Medikamente von der
$4-Dollarliste, vertrug aber ACE-Hemmer nicht. Sie war bereit, das erhöhte
Risiko der Niereninsuffizienzprogression zu akzeptieren und erhielt einen
Betablocker.
Eine andere
Patientin, die ich schon tags zuvor telefonisch beraten und behandelt hatte,
war ähnlich preisorientiert: Ihre schmerzhafte Otitis externa wollte sie lieber
weiter ertragen als die verschriebenen Ciprofloxacin/Dexamethason-Ohrentropfen für $210 zu kaufen. Erst als ich
auf eine günstigere Alternative
wechselte, eine für $34, nahm sie die Tropfen ein und ist seither auf dem Weg
der Besserung.
So ist die USA viel nackter und transparenter wenn es
um die Frage der Gesundheitskosten geht; wenn es an das eigene Portemonnaie
geht, stutzen dann doch die meisten Patienten und stellen bei sich innere
Preisgrenzen fest, die sie nicht überschreiten wollen. Plötzlich will man doch nicht
auf Biegen und Brechen ein CT haben, akzeptiert die etwas günstigeren und
nebenwirkungsreicheren Antibiotika und ist zu vielen anderen Abstrichen bereit.
Beim nächsten Patienten, der am Sonntag früh zur Entfernung einer Zecke oder
Abklärung eines banalen Schnupfens in eine Notaufnahme kommt, möge der
behandelnde Arzt sich einmal fragen, ob dieser Patient wohl auch gekommen wäre
wenn er dafür 75 Euro hätte zahlen müssen. Ob der Patient wohl auf das Röntgenbild
zur Abklärung der Knieschmerzen verzichtet hätte, wenn er dafür 50 Euro hätte
zahlen müssen.
Plötzlich merkt man, daß Gesundheit zwar abstrakt gesprochen unbezahlbar
ist, aber in einer konkreten Situation einen bestimmten Preis hat. Dieser
innere Preismechanismus wird außer Gang gesetzt, wenn eine Krankenversichung
oder die Gesellschaft die Rechnung bezahlt; dann gibt es obendrein oft lautes
Getöse, wenn nicht alle Leistungen bezahlt werden.
Für diese
Lektion, die ich in der Armenpraxis hautnah erhielt, bin
ich meinem Oberarzt dankbar, auch wenn er dafür meinen Freitag völlig
durcheinander gewirbelt hat.
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