Als Facharzt im nun zweiten Arbeitsmonat werde ich
allmählich Teil der hiesigen Krankenhauskultur, bzw. man versucht mich Teil von
ihr zu machen; wenig überraschend ist man als Facharzt deutlich mehr unter Druck als Assistenzarzt. Die Krankenhausleitung
ist ebenfalls ein Teil dieser Druckkulisse.
So
wurden wir neuen Fachärzte vor wenigen Tagen zum Krankenhausdirektor gerufen, offiziell vorgestellt und erhielten zudem eine Art Willkommensvortrag. Anwesend waren
neben fünf Ärzten die Sozialarbeitsleitung und der Leiter der Finanzabteilung:
Man stellte uns Krankenhausstatistiken vor, wobei überraschend war, dass es schon nach vier Wochen Arbeitszeit offensichtlich auch Statistiken
in Bezug auf uns fünf anwesenede Ärzte gab – man hatte richtig Tagebuch geführt
über die Eckdaten von uns neuen Ärzten. Diese hatte man in Relation zu den der
anderen Ärzten gesetzt und stellte die entsprechenden Ergebnisse vor.
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Der
Krankenhausdirektor legte uns in diesem Kontext dar, wie die durchschnittliche
Patientenverweildauer im Verhältnis zu denen anderer Kollegen abschnitt und wo
und wie es Verbesserungsbedarf gebe – es wurden solche Vokabeln wie “verpasste Möglichkeitstage” oder “Wachstumspotenzial” für zu lange Liegedauer
gebraucht. Etwas peinlich berührt stellten wir Neuärzte fest, dass die meisten von uns schlecht
abschnitten im Vergleich zu den anderen Ärzten und dass wir zu lange Verweildauern unserer Patienten aufzuweisen hatten.
Der Krankenhausdirektor
rechnete uns zudem vor, was das bezüglich der Morbidität und Mortalität für
unsere Patienten zu bedeuten hätte, welcher Einfluss ein einziger Krankenhaustag statistisch auf die Infektionsquote des
Patienten besitze und dass jeder Tag im
Krankenhaus eine Erhöhung der Mortalität bedeute. Kurz verwies er auch auf das
Einsparpotenzial für das Krankenhaus hin.
Dann
entließ er uns mit netten und aufmunternden
Worten. Aber das mulmige Gefühl, dass man als Arzt
von allen Seiten beurteilt und beobachtet wird, blieb doch bestehen und das
Gefühl, dass der schnellste Arzt
der beste sei.
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In Deutschland ist es ja auch schon soweit. Kein Argument ist dumm genug, um Umsatz zu rechtfertigen: "... und dass jeder Tag im Krankenhaus eine Erhöhung der Mortalität bedeute." Klarer Fall: Wer ins Krankenhaus kommt, begibt sich in Lebensgefahr. Schnell raus. Umsatz, Umsatz, Fallpauschale. Keiner interessiert sich für die individuelle Notlage, die bei jedem einzelnen Patienten anders ist. Ach nein: Der Sozialdienst war bei der Moralpredigt ja auch dabei.
Vom Arztdasein in Amerika
Das Staatsexamen wurde 2007 abgelegt, und nicht nur die Frage der Fachrichtung, sondern auch die des Arbeitsortes musste beantwortet werden. Nachdem das Assistenzarztdasein in Frankreich und Deutschland ausprobiert wurde, ging es nach Minneapolis im Jahr 2009. Es schreibt Petrulus über seine Ausbildung zum Internisten (sowie der Zeit danach) und über die Alltäglichkeiten, aber auch Skurrilität eines Arztlebens in USA.
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