Vom Arztdasein in Amerika
Patientenzufriedenheit
Montag, 30. Juli 2012
In den USA wird zunehmend
Druck auf die Krankenhäuser ausgeübt, die Patientenzufriedenheit zu einem
wichtigen Maßstab für das Niveau des Krankenhauses werden zu lassen: Wenn ein
Patient ein Krankenhaus als “exzellent” einstuft, dann wird das in nationalen
Studien aufgeführt und soll langfristig nicht nur für Patienten als Messlatte
dienen, sondern ab Oktober 2012 vom US-Staat festgelegt Grundlage sein, um die Höhe der Vergütung
festzulegen; schlechter bewertete Krankenhäuser erhalten dann weniger Vergütung.
Diese
Patientenzufriedenheit wird durch eine schriftliche Befragung der Patienten ermittelt;
sie ist unter seinem Kürzel HCAHPS bekannt und umfasst 27 verschiedene Fragen,
die z.B. den Umgang Arzt-Patient und Krankenpflege-Patient betreffen, zum Teil
Fragen zur Qualität der Entlassungsdokumente, Schmerzeinstellung, Sauberkeit,
Ruhe und globale Zufriedenheit beinhalten. Siehe https://www.cms.gov/Medicare/Quality-Initiatives-Patient-Assessment-Instruments/HospitalQualityInits/Downloads/HospitalHCAHPSFactSheet201007.pdf.
Das klingt auf dem ersten Blick vernünftig
und patientenorientiert, doch beim näheren Betrachten ist es nicht ganz so
einfach. Denn ein Patient hat oftmals
eine im Verhältnis zur Behandlungsmannschaft verzerrte Hierarchisierung:
Während der Arzt durchaus bereit ist, es als unwichtiges Übel anzusehen, wenn
der Kaffee und die Matratze nicht dem Geschmack des Patienten entsprechen, er dafür
aber gesund wird, ist der Patient dem Krankenhaus gegenüber aber dennoch
verstimmt.
Weiterhin mag ein
bestimmter Patient sich ggf. am Ton des Arztes stoßen – jeder Arzt ist anders
in seinem Charakter – und gibt dem Arzt schlechte Noten, obwohl er sich
aufgeopfert hat für das Wohl des Patienten. Wie wird die Beurteilung ausfallen,
wenn das Zimmer nicht ganz sauber war, die Mahlzeiten zu fade und der
Bettnachbar ein schnarchender lauter Mensch? Das mag oft wichtiger für viele
Patienten für ihre Evaluierung sein als der für einen Patienten schwieriger zu
greifende Therapieerfolg oder –misserfolg.
Was mich besonders beim
Gedanken am Fragebogen zum Thema Patientenzufriedenheit stört, ist wie
selbstverständlich der Therapieerfolg für unsere Gesellschaft geworden ist: Der
Patient und seine Familienangehörigen sind gar nicht mehr darauf eingestellt,
dass ein Patient im Krankenhaus körperlich nicht wiederhergestellt oder sogar
versterben könne.
Es ist, als käme der
Patient mit der absoluten Gewissheit ins Krankenhaus, gesund wieder hinauszugehen;
eine zwar schmeichelnde Anerkennung der Fähigkeit des Krankenhauspersonals,
doch wirklich immer realistisch? Der Mensch kann noch so viel Raubbau mit
seinem eigenen Körper betrieben haben, noch so viel Krankheit im Laufe seines
Lebens akkumuliert haben, dass es im Herzinfarkt oder Hirnblutung kumuliert,
aber die Möglichkeit daran zu versterben, wird einfach nicht mehr akzeptiert.
Daher meine ich, dass die
Patientenevaluierung kein sehr wichtiger Indikator ist und wieder ad acta
gehört noch ehe sie eingeführt wurde; das Primärziel des Krankenhauses soll und
muss eine niedrige Mortalität sein, bzw. eine restitutio ad integrum. Die Patientenzufriedenheit ist sekundär oder gar tertiär im
Verhältnis hierzu. Es ist
ungeheuerlich, dass Kollegen und Pflegepersonal plötzlich als schlecht
klassifiziert werden, weil das Klopapier einmal ausgegangen war, die
Krankenpflege angesichts eines Notfalles einmal den Patienten 15 Minuten warten
hat lassen und der opiataffine Patient nicht sein Hydromorphon regelmäßig gespritzt
erhielt.
Dass dann gar auf solchen
Fragebögen Geldzahlungen basieren sollen, wie bald von Obama und Konsorten
geplant, ist absurd. Doch nicht umsonst sind Politiker
weder Ärzte noch Krankenpfleger, sondern eben fachfremd.
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