Die US-Amerikaner nehmen
evidenzbasierte Medizin sehr ernst. Sobald eine Studie veröffentlicht wird, dass
z.B. Dabigatran mit einem erhöhten
kardiovaskulären Risiko assoziiert ist, oder in einer Metaanalyse festgestellt
wird, dass Probiotika die Inzidenz der pseudomembranösen Kolitis senken, merkt
man das im Verschreibungsalltag im Krankenhaus sehr zügig, wie ich jüngst
wieder feststellen konnte.
Diesem Muster an
evidenzbasierter Medizin folgend wurde kürzlich im New England Journal of Medicine ein spannender Artikel zum Thema
Krankenversicherung und Effektivität veröffentlicht: Sommers BD et al,
“Mortality and access to care among adults after state Medicaid expansions”,
NEJM 367 (4), Onlinevorveröffentlichung. In diesem gingen die Autoren der Frage
nach, welche Auswirkungen eine Ausweitung der Armenkrankenversicherung Medicaid mit sich bringen wird.
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Zur Erinnerung: Medicaid ist eine staatlich bezahlte
Krankenversicherung für erwachsene US-Amerikaner, die weniger als $15.000 pro
Kopf an Jahresgehalt beziehen und entweder schwanger, chronisch erkrankt oder behindert
sind oder minderjährige Kinder in Betreuung bei sich wohnen haben. In vielen
Bundesstaaten wurde Medicaid seit den
1980 Jahren ausgeweitet und schließt nun alle US-Amerikaner im Alter von 18
bis 64 ein, die ein Jahreseinkommen unter $15.000 aufweisen; so wurde
beispielsweise in Arizona, New York oder Maine Mitte der 1990er Jahre Medicaid ausgeweitet.
Das bedeutet hohe Kosten
für den Steuerzahler, weil die Medicaid-Empfänger
ähnlich wie deutsche Hartz-IV-Empfänger keine Versicherungskosten zu schultern
haben und die Gesundheitskosten vom Staat bezahlt bekommen: Die Kosten belaufen
sich auf Pro-Kopf-Summen in Höhe von $11.000 im günstigen Arizona bis zu $24.000
im teuren Maine oder New York. Siehe http://wiki.answers.com/Q/What_is_the_cost_per_person_annually_for_medicaid.
In jenem oben zitierten Artikel wurde nun eine Kohortenanalyse angeführt; dort wurden Daten aus den drei Bundesstaaten New York, Maine und Arizona herangezogen, eben
jenen Bundesstaaten, die Medicaid
seit mehr als zehn Jahre ausgeweitet haben, und mit drei Nachbarstaaten
verglichen, die das noch nicht getan haben. Das Resultat ist natürlich
politisch hoch brisant, weil eines von Dr. Obamas Wahlkampfversprechen war, das
Programm Medicaid auf alle
Nichtwohlhabende auszuweiten, was ab 2014 der Fall sein wird.
Am Rande: Damit wird Obamacare die
USA zu einem massiv staatlich reglementierten Krankenversicherungsmarkt machen,
in welchem alle US-Amerikaner unter 26 via der elterlichen Krankenversicherung,
alle Nichtwohlhabende via Medicaid, alle
über 65-jährige via Medicare und alle
anderen via Versicherungszwang (mit Befreiungsmöglichkeit mittels Strafgebühr)
versichert sein werden.
Zurück zum Artikel: Hierin wird die politisch brisante Frage gestellt, wie
effektiv denn solch eine Ausweitung des Medicaid-Programmes
sei. Wie viele Menschen leben gesünder, wie viele sterben weniger durch
Ausweitung des nicht gerade günstigen Medicaid-Programmes?
Die Studie ist wirklich lesenswert und bietet eine
Vielschichtigkeit aufgrund ihres statistischen Reichtumes; ich selber habe sie
mehrmals analysiert und empfehle sie jedem anderen herzlichst. Der Grundtenor
ist ein simpler: Die Ausweitung von Medicaid bedeutet eine sinkende Mortalität, ein besseres und höheres Gesundheitsgefühl
und zufriedenere Bürger. Doch der Teufel steckt im Detail.
Denn wie effektiv ist Medicaid wirklich?
Eine relative Mortalitätsreduktion bei Ausweitung der Medicaid-Versicherungum
6,1% auf die nun endlich Versicherten klingt beeindruckend, doch ist sie das
wirklich? Da hilft der statistische Parameter NNT (number needed to treat): Es ist die Zahl der zu behandelnden Fälle,
um einen Todesfall zu verhindern. Er liegt laut Studie bei 176, d.h., dass 176 Menschen pro Jahr mit Medicaid versichert sein müssten, um
einen Todesfall zu vermeiden. Bei Kosten von 20.000 US-Dollar je Versicherten ergibt das
also 3.520.000 US-Dollar pro gerettetem Menschenleben – für die
meisten Ärzte gilt, dass kein Betrag zu hoch ist, um ein Menschenleben zu
retten.
Aber es bleibt ein bitterer Nachgeschmack, wenn man diese
Zahl mit anderen in Relation setzt. So liegt die NNT bei Statinen in der
Sekundär- und Tertiärprävention bei 37, d.h. 37 Menschen mit einem Herzinfarkt müssen
ein Statin verschrieben bekommen, um einen Todesfall zu vermeiden. Vergleiche
z.B. Rembold CM, J Fam Pract 42 (6): 577-586. Bei einem jährlichen Preis von $40
je Simvastatin ist das natürlich beeindruckend günstig: $1480 pro gerettetem
Menschenleben.
Beim Beta-Blocker Carvedilol in Patienten mit Herzinsuffizienz
ist die Zahl noch beeindruckender: Wenn 25 Menschen Carvedilol verschrieben
bekommen und einnehmen, wird ein Todesfall jährlich vermieden, also eine NNT
von 25. Vergleiche z.B. Bell DS et al, Curr Med Res Opin 22 (2): 287-296. Da
Carvedilol nur $3,50 monatlich kostet, ist auch hier die Kosten-Nutzen-Rechnung
mit $1050 pro gerettetem Menschenleben sehr günstig. Selbst bei teuren
Interventionen wie der iatrogen-induzierten Hypothermie bei Zustand nach
Herzstillstand, die je Behandlungsfall bis zu $50.000 kostet, liegt das Kostenverhältnis
von $350.000 je zusätzlich gerettetem Menschenleben (NNT = 7, Cheung KW et al,
CJEM, 8(5): 329-337) bei nur 10% der Medicaid-Ausweitungskosten.
Doch moralisch ist die Ausweitung des Medicaid-Programmes
die einzig gangbare Möglichkeit. Das wissen wir Ärzte. Doch wir müssen uns bewusst sein, dass sie wirtschaftlich gesehen finanziert
werden muss
und mangels Geld bei den Armen das Geld
eben woanders herkommen muss. Steuererhöhungen oder Kürzungen auf anderen
Gebieten, sei es bei Renten, Schulen, Gehältern oder beim Militär – angesichts
eines NNT von 176 und den hohen Kosten wird viel Geld benötigt werden, und ich
hoffe, dass
man sich in Washington bald einigen wird, wo das
herzukommen hat.
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Doch wir müssen uns bewusst sein, dass sie wirtschaftlich gesehen finanziert werden muss
Der Witz ist ja, daß durch den Terror der Banken der Anteil der Armen stetig zunimmt und die Terroristen sich auf diese Weise selbst schädigen.
Vom Arztdasein in Amerika
Das Staatsexamen wurde 2007 abgelegt, und nicht nur die Frage der Fachrichtung, sondern auch die des Arbeitsortes musste beantwortet werden. Nachdem das Assistenzarztdasein in Frankreich und Deutschland ausprobiert wurde, ging es nach Minneapolis im Jahr 2009. Es schreibt Petrulus über seine Ausbildung zum Internisten (sowie der Zeit danach) und über die Alltäglichkeiten, aber auch Skurrilität eines Arztlebens in USA.
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