Long QT-Syndrom: Olympisches Gold nach Herzkrankheit
Freitag, 3. August 2012
Dana Vollmer /dpa
Wenn die US-amerikanische Schwimmerin Dana Vollmer zu
Wettbewerben antrat, stand lange Zeit ihre Mutter am Beckenrand mit einem
Defibrillator bereit. Ärzte hatten bei Vollmer ein Long QT-Syndrom
diagnostiziert, als sie 15 Jahre alt war. Damals hatte sie sich erfolgreich
einer Herzoperation zur Beseitigung einer paroxysmalen Vorhoftachykardie
unterzogen. Das Long-QT-Syndrom war im Rahmen der kardiologischen
Untersuchungen entdeckt worden. Die Ärzte hatten sogar einen implantierbaren
Kardioverter/Defibrillator (ICD) erwogen. Er hätte vermutlich das Ende der
Sportlerkarriere auf hohem Niveau bedeutet. Die Familie entschied sich damals
gegen den ICD, und die Mutter stand seither mit einem externen Defibrillator
bereit.
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Für Kritiker mag dies ein Musterbeispiel für „toxic
parenting“ sein, für den übertriebenen Ehrgeiz der Eltern, die die Karriere
über die Gesundheit ihrer Kinder stellen. Im Nachhinein war die Entscheidung
der Familie Vollmer richtig. Dana Vollmer hat seither 19 Medaillen auf
internationalen Wettbewerben gewonnen. In London siegte sie jetzt in neuer
Weltrekordzeit über 100 Meter Butterfly. Auch ihr Long-QT-Syndrom hat sie
„besiegt“ oder vielleicht hat es sich auch „ausgewachsen“.
Bei einer Untersuchung zu Beginn ihres Studiums war die
Störung jedenfalls aus dem EKG verschwunden. Vollmer ist inzwischen
Botschafterin der American Heart Association, die in der „Go Red For
Women“-Initiative das Bewusstsein für das unterschätzte kardiale Risiko von
Frauen schärfen will (wobei hier eher das Infarktrisiko im höheren Alter
gemeint ist).
Dana Vollmer ist kein Einzelfall. Nach einer kürzlich im US-amerikanischen
Ärzteblatt (JAMA 2012; doi: 10.1001/jama.2012.9334) publizierten Auswertung
eines Registers der Mayo Clinic in Rochester treibt ein Drittel der Patienten
mit Long-QT-Syndrom weiter Sport. Nicht wenige setzen sich dabei über die
Empfehlungen der amerikanischen und europäischen Fachgesellschaften hinweg. Nur
bei einem Patienten, einem 9 Jahre alten Jungen, wurde zweimal eine schwere
Arrhythmie dokumentiert. Sie wurde beide Male durch den ICD beendet. Die
Anamnese ergab eine Nicht-Adhärenz mit der Einnahme von Beta-Blockern.
Michael Ackerman von der Mayo Clinic schätzt die
Ereignisrate auf 1 pro 331 Athleten und Jahr, wobei das
95-Prozent-Konfidenzintervall mit 1 pro 92 bis 1 pro 2.763 Athleten und Jahr
sehr weit ist. Das Register SCD-Deutschland an der Universität des Saarlands
gibt die Häufigkeit plötzlicher Herztodesfälle bei jungen Sportlern mit 0,5 bis
3 pro 100.000 Athleten und Jahr an, wobei der Anteil des Long-QT-Syndroms und
anderer EKG-Störungen allenfalls 2-5 Prozent beträgt. Dies ist der Anteil der
Todesfälle, in denen die Pathologen bei der Autopsie keine sichtbare
Herzkrankheit finden.
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