Gesundheit
Studie: Bio-Nahrungsmittel nicht evidenzbasiert
Dienstag, 4. September 2012
Gesunde Ernährung ist ein
beliebtes Gesprächsthema, über das vorzugsweise beim Essen geredet wird. Neben
der Ethik von vegetarischer und besser noch veganer Kost, dreht sich das Thema
immer wieder um den Nutzen ökologisch angebauter Nahrungsmittel. Eine
Meta-Analyse in den Annals of Internal Medicine (2012; 157: 348-366) liefert
hier neuen Gesprächsstoff, auch wenn die Ergebnisse eigentlich nicht neu sind.
Dena Bravata von der
Standford Universität und Mitarbeiter haben die Literatur nach Studien
gesichtet, die die gesundheitlichen Auswirkungen von „organisch“ und
konventionell produzierten Nahrungsmitteln verglichen haben. Zunächst einmal
darf man nicht erwarten, dass eine derartige Meta-Analyse medizinisch
aussagekräftige Resultate liefert.
Dies liegt daran, dass es keine großen
randomisierten experimentellen Studien gibt, die verschiedene Ernährungsweisen
vergleichen. Wer würde sich schon über längere Zeit und dann auch noch vom Los
vorschreiben lassen, was er essen soll. Auch die Dauer der wenigen
Beobachtungsstudien, die Bravata auswerten konnte, war mit zwei bis drei Jahren
relativ kurz. Das überrascht ein wenig, da prospektive Studien wie die Nurses
Health Study oder auch EPIC eigentlich längerfristige Analysen ermöglichen.
Die meisten Studien, die
Bravata ausgewertet hat, beschränken sich auf den Vergleich der Zusammensetzung
und den Schadstoffgehalt der Nahrungsmittel. Herauskommt, dass Bio nicht mehr
Vitamine enthält als konventionelle Lebensmittel. Das verwundert nicht, da der
Gehalt weniger von der Art des Anbaus, als vom Erntezeitpunkt und beim Vitamin
C von der Verarbeitung und dem raschen Transport zum Konsumenten abhängen.
Interessant ist, dass der Phosphatgehalt der Öko-Nahrungsmittel höher war als
bei konventionell erzeugten Produkten ist. Eine hohe Phosphatzufuhr muss bei
Dialysepatienten vermieden werden. Doch auch hier dürfte eher die Wahl der
Nahrungsmittel (Meidung von Fleisch, Fisch, Geflügel, Milch oder Milchprodukte)
als der Unterschied von Bio oder Nicht-Bio wichtig sein.
Des weiteren fand Bravata
heraus, dass Öko-Nahrungsmittel deutlich seltener Pestizide enthalten (7 statt
38 Prozent). Eine Garantie für pestizidfreie Nahrungsmitteln bietet die
ökologische Landwirtschaft also nicht. Es genügt, dass der Nachbar sie
versprüht und die Windrichtung ungünstig ist. Immerhin zeigen einige Studien,
dass Kinder weniger Pestizide im Urin haben, wenn bevorzugt Bio auf den Tisch
kommt.
Einen gesundheitlichen Vorteil sieht Bravata nicht. Sie beschränkt sich
allerdings auf die von der Environmental Protection Agency (EPA) zugelassenen
täglichen Höchstmengen. Diese Argumentation mag zu kurz greifen, da es durchaus
Studien gibt, die die Pestizidexposition mit einem erhöhten Erkrankungsrisiko
(etwa auf neurologische Erkrankungen) in Verbindung bringen. Meist sind dies
Fall-Kontrollstudien, die Bravata in ihrer Analyse offenbar nicht
berücksichtigt hat.
Ökologisch hergestellte
Nahrungsmittel enthielten auch weniger Antibiotikarückstände, und sie waren
seltener mit resistenten Keimen kontaminiert. Einen Beleg, dass dies den
Verzehrer vor Infektionen schützt, gibt es laut Bravata nicht. Die Tatsache,
dass der größte Anteil der Antibiotikaproduktion mittlerweile in der Viehzucht
eingesetzt wird, beunruhigt jedoch nicht nur Öko-Aktivisten.
Insgesamt bleibt die
Bevorzugung ökologischer Nahrungsmittel eher Ausdruck eines Lebensstils. Eine
medizinische Empfehlung dafür gibt es nicht. Es besteht auch die Gefahr, dass
bei den heftigen Diskussionen um den Nutzen übersehen wird, dass die meisten
Menschen in den USA und auch in Deutschland heute andere Ernährungsprobleme
haben, die weniger mit der Wahl als mit der vermehrten Menge der Nahrungsmittel
zusammenhängen.
Wenn der höhere Kaufpreis der ökologisch angebauten
Lebensmittel dazu führen würde, dass weniger gegessen würde, wäre bereits viel
gewonnen. Auch eine heftige Diskussion über die richtige Ernährung am Tisch
könnte nützen, wenn sich darüber das Essen in die Länge zieht. Ein Grund für
die Adipositas ist ja die zu schnelle Nahrungsaufnahme.
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